FUSSBALL: Zwei Leistungsträger auf Formsuche

Die Schweiz hat mit Stephan Lichtsteiner und Ricardo Rodriguez zwei der weltbesten Aussenverteidiger auf dem Platz. Aber ihrem Ruf sind sie an der EM noch nicht gerecht geworden.

Andreas Ineichen, Montpellier
Drucken
Teilen
Ricardo Rodriguez (links) und Stephan Lichtsteiner laufen derzeit ihrem Leistungsvermögen deutlich hinterher. (Bild: Keystone / Gabriele Putzu)

Ricardo Rodriguez (links) und Stephan Lichtsteiner laufen derzeit ihrem Leistungsvermögen deutlich hinterher. (Bild: Keystone / Gabriele Putzu)

Andreas Ineichen, Montpellier

Es ist ein Phänomen, eines, das nicht wirklich Freude macht. Weder ihm noch dem Nationalteam und schon gar nicht den Schweizer Fans. Und eines, das dieser Tage wieder zu beobachten und nur schwer zu erklären ist. Es geht um Stephan Lichtsteiner, um den 32-jährigen Adligenswiler und darum, dass seine Leistungen sich beim Arbeitgeber seit Jahren auf einem höheren Level bewegen als im Nationalteam. Mit Juventus Turin ist der rechte Aussenverteidiger eben zum fünften Mal in Serie italienischer Meister geworden, mit der Schweizer Auswahl ist er dieser Tage in Frankreich eher negativ aufgefallen. Gegen zehn Albaner (1:0) blieb er offensiv diskret und hätte sich nicht wundern dürfen, wenn der Schiedsrichter in der Schlussphase bei einem Zweikampf mit Lenjani gegen ihn und auf Penalty entschieden hätte.

Gegen Rumänien (1:1) hat der Schiedsrichter dann zu Recht einen Penalty diktiert, als Lichtsteiner im eigenen Strafraum am Leibchen von Alexandru Chipciu zog. Das 0:1 brachte die Schweizer zwischenzeitlich aus dem Tritt, Lichtsteiner fand ihn gar nie und war mit dem erfolglosen Stürmer Haris Seferovic, dem zweiten Luzerner im Team, der Schlechteste.

Fehlt ihm in der Nati die Sicherheit?

Woran liegts? An der zusätzlichen Verantwortung durch die Captainbinde, die ihm nach der Nichtnominierung von Gökhan Inler übertragen wurde? Wohl eine Erklärung, die zu kurz greift. Denn Lichtsteiner hat schon vorher viel Verantwortung im Nationalteam übernommen. Das entspricht ihm, das gehört zu seinem Naturell. Und ihm sind auch schon ohne Captainbinde verhängnisvolle Fehler unterlaufen – wie jener im WM-Achtelfinal 2014 gegen Argentinien, als Lichtsteiner in der 118. Minute einen Ball an der Mittellinie verlor, was der Gegner in der Folge zum Siegtor ausnutzte.

Vielleicht ist es das Gefühl von Sicherheit, das ihn bei Juventus beseelt, wenn er in seiner eher grobmotorischen Art auf der rechten Seite rauf- und runterbolzt. Jenes Gefühl, das ihm in der Nationalmannschaft fehlen könnte, weil der Beitrag von Xherdan Shaqiri für die defensive Stabilität ein recht überschaubarer ist. Und dieser Shaqiri bisher auch noch nicht der Mann ist, der er sein will: der Spieler für die entscheidenden Dinge in der Offensive.

Lichtsteiner steht im Herbst seiner perfekten Karriere. Er hat das Beste aus seinen Möglichkeiten gemacht. Und ausser einem Stéphane Chapuisat oder einem Ciriaco Sforza vielleicht hat kein anderer Schweizer Fussballer Ähnliches erreicht. Nun geht es für Lichtsteiner auch darum, sich an der EM in einem positiven Licht zu präsentieren. Sein Vertrag mit Juventus läuft zwar noch bis zum Ende der nächsten Saison, und die Italiener würden ihn auch gerne behalten. Doch das gleichzeitige Interesse der Turiner am Brasilianer Dani Alves lässt es vielleicht klüger erscheinen, einen Transfer vorzunehmen. Laut Transfermarkt.ch liegt Lichtsteiners aktueller Marktwert bei rund 7 Millionen Franken, zu den Interessenten gehören Chelsea, Paris St.-Germain und Inter Mailand.

Rodriguez ist noch ohne Tor

Bei Ricardo Rodriguez, dem Schweizer Aussenverteidiger auf der linken Seite, liegt der Fall etwas anders. Zwar läuft auch er seinem Leistungsvermögen deutlich hinterher, aber bei ihm war das schon in der abgelaufenen Saison mit dem VfL Wolfsburg so und ist nicht anders in der Nationalmannschaft. Auch wenn man dem 23-Jährigen zugutehalten muss: Sein zweiter EM-Auftritt gegen Rumänien fiel deutlich besser aus als jener gegen Albanien. Aber ein Mann mit seinen Qualitäten kann mehr und muss mehr Einfluss nehmen auf das sportliche Wohl der Schweizer.

Rodriguez ist ein Begnadeter. Weil der U-17-Weltmeister alles kann, was ein moderner Aussenverteidiger mitbringen muss. Er sieht, was um ihn herum geschieht, er hat die Technik, um die Mitspieler in Szene zu setzen, und er kann Flanken schlagen. Und vor allem: Rodriguez ist torgefährlich. Der Linksfuss hat einen gefährlichen Distanzschuss, er tritt gefährliche Freistösse und ist ein sicherer Penaltyschütze. Doch im Nati-Leibchen hat er in 39 Länderspielen noch nie getroffen.

Sein Marktwert beläuft sich laut Transfermarkt.ch auf rund 28 Millionen Franken, das ist eine Minderung um rund 3,5 Millionen Franken im Vergleich zum Rückrundenstart. Wolfsburgs Manager Klaus Allofs rechnet damit, dass Rodriguez trotz Vertrag bis 2019 nächste Saison einen anderen Arbeitgeber haben wird. «Es ist mein Ziel, bei einem grossen Klub regelmässig Titel zu gewinnen», sagt Rodriguez.

Aber es ist nicht mehr die Beletage des europäischen Fussballs, die sich um Rodriguez bemüht, nicht mehr Real Madrid, sondern «nur» noch Arsenal, die AS Roma oder Borussia Dortmund. Auch das verdeutlicht, dass der Hochbegabte eine schwache Saison hinter sich hat. Einen grossen Einfluss darauf hat ein persönlicher Schicksalsschlag. Im November letzten Jahres ist seine geliebte Mutter Marcela im Alter von erst 47 Jahren nach einer schweren Krankheit gestorben. «Das zieht einen runter, das beeinflusst die Leistung», liess sich Rodriguez Monate nach dem einscheidenden Erlebnis zitieren.

Es ist aber gewiss nicht ausgeschlossen, dass die EM für Lichtsteiner und für Rodriguez noch zur grossen Bühne werden kann. Und für die Schweiz.