WM
Gelson Fernandes: Ein Tor, das sein Leben nicht verändert

Von Hammerfest im Norden bis Ushuaia im Süden – die ganze Welt hat das entscheidende Tor von Gelson Fernandes gegen Spanien bei der WM gesehen. Doch abheben wird der 23-jährige Familienvater deswegen nicht.

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Gelson Fernandes

Gelson Fernandes

Keystone

Markus Brütsch

Blaise Piffaretti muss herzhaft lachen, wenn er sich an die ersten gemeinsamen Wochen mit Gelson Fernandes zurückerinnert. Zusammen hatten sie im Frühjahr 2003 im Mittelfeld des FC Sion gespielt. Hier der noch nicht 17-jährige Grünschnabel, da der 20 Jahre ältere Routinier, der auch Gelsons Vater hätte sein können. «Er hat mich gesiezt», sagt Piffaretti.

Als Piffaretti am Mittwoch am Fernsehen sah, wie «sein» Gelson in Südafrika den Siegtreffer gegen die Spanier schoss, dachte er an jenen Satz, den er Fernandes einst mit auf den Weg gegeben hatte. Von defensivem Mittelfeldspieler zu defensivem Mittelfeldspieler, sozusagen. «Gelson», habe ich gesagt, «wenn du eine grosse Nummer 6 werden willst, musst du gut verteidigen und viele Bälle zurückerobern. Aber du musst auch mal ein wichtiges Tor schiessen. Das öffnet dir das Tor zu einer grossen Karriere.»

Sieben Jahre später hat Gelson Fernandes die Worte von Piffaretti beherzigt. Und ist nun nicht mehr nur auf den Kapverden, in Sion, Manchester und St. Etienne, sondern auf der ganzen Welt bekannt. «Ich habe ein gutes Spiel gemacht», sagt Gelson, «aber das Wichtigste ist, mit beiden Füssen auf dem Boden zu bleiben.»

Am Donnerstagmorgen hat Fernandes dann seinen Berater Marcel Schmid angerufen. «Sie wollen, dass ich zur Pressekonferenz im Fernsehen komme. Ich möchte eigentlich nicht gehen, was meinst du?», hat er Schmid gefragt. «Das ist typisch für Gelson», sagt Schmid. «Er will lieber im Hintergrund bleiben. Eine Gefahr, dass er wegen dieses Tores abhebt, besteht überhaupt nicht.»

Gut möglich aber, dass sich verschiedene Grossklubs für den 23-Jährigen zu interessieren beginnen. «Wegen eines Tores? Die Zeiten sind längst vorbei, dass einer wegen eines einzelnen, guten Auftritts verpflichtet wird», sagt Schmid. «Aber Interesse an ihm besteht latent. Der Hamburger SV hat ihn intensiv beobachten lassen und Napoli ruft jede Woche an.»
Im Sommer 2007 war Gelson Fernandes für 7,9 Millionen Franken vom FC Sion zu Manchester City transferiert worden. Zwei Saisons, 43 Einsätze und drei Tore in der Premier League später erfolgte dann für fünf Millionen Franken der Wechsel zu St. Etienne, wo er mit 33 Partien in der Ligue1 in der letzten Saison Stammspieler war. Was ihm nun gleich bei seinem ersten WM-Einsatz gelang, blieb ihm bisher in Frankreich aber versagt: ein Tor zu erzielen.

Liebesglück aus der Apotheke

Gleichwohl fühlt sich Gelson in St. Etienne wohl. Zwar hatte er nicht gedacht, dass er mit seinem neuen Team so heftig in den Abstiegskampf verwickelt werden würde, doch persönlich lief es ihm auf dem Rasen wie auch privat gut. Seine Frau Rochelle, die mit ihm aus Manchester nach Frankreich gekommen war, schenkte ihm im Februar die Tochter Ariella.

«Auch die Geschichte, wie er seine Frau kennen gelernt hatte, ist typisch für Gelson», sagt Marcel Schmid. «Er hat sie in einer Apotheke gesehen, ihr aber nicht gesagt, dass er Fussballer sei, und sie hat sich auch nicht dafür interessiert.» Gelson wollte, dass sich eine Frau für ihn als Mensch und nicht als Fussballstar interessierte.

Schmid sagt, er nehme Fernandes schon lange nicht mehr als Klienten, sondern als Freund wahr. «Er ist ein super Kerl, spricht fünf Sprachen und verhält sich immer tadellos.»
Gelson war als fünfjähriger Knirps von den Kapverdischen Inseln in die Schweiz gekommen, wo sein Vater José Arbeit gefunden hatte. Auf Drängen seiner Mutter machte Gelson die Matur, bevor er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Fussball, hingab. Blaise Piffaretti, heute Assistent von Bernard Challandes beim FC Sion, sagt: «Gelson ist immer gerannt wie ein Verrückter.»

Vater José Fernandes sagt: «Aber ausserhalb des Platzes war er immer ein ganz ruhiger Junge.» Der Platzwart im Sittener Tourbillon lebt getrennt von seiner Frau und hat sich die Sternstunde seines Sohnes zusammen mit ein paar Copains angeschaut. «Es war wunderbar. Wir haben gejubelt und gesungen», sagt José Fernandes. «Ich hoffe, wir können noch viele weitere solche Feste feiern.»