Fankultur
Halleluja, bald ist WM! Ist der Fussball zu einer Ersatzreligion geworden?

Wenn am 15. Juli der Final steigt, werden mehr als eine Milliarde Menschen zuschauen – das ist jeder siebte Erdenbürger. Doch die schiere Grösse irritiert. Ist der Fussball zu einer Ersatzreligion geworden? Oder belassen wir es bei einer Happy-Pille?

François Schmid-Bechtel
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Bis zur Selbstaufgabe: Fans in Argentinien haben eine eigene Religion gegründet.

Bis zur Selbstaufgabe: Fans in Argentinien haben eine eigene Religion gegründet.

ANGELO CARCONI/EPA/KEY

Ja, jetzt geht’s dem Kollegen wieder mal gut. Hat er auch verdient, nach Jahren der Enttäuschungen und seelischen Schmerzen. Schalke qualifiziert sich für die Champions League. Und seine Deutschen reisen als Titelfavorit nach Russland zur WM. Wir reden häufig zusammen. Aber abgesehen von Fussball erzählen wir uns nicht viel. Seine Frau könnte mich über den Haufen rennen, ich wüsste nicht, dass es seine Frau ist. Nicht mal die Namen seiner Kinder kann ich mir merken.

Es gibt in dieser Welt nicht mehr viele Dinge, auf die sich die Mehrheit der Gesellschaft verständigen kann. Der Fussball gehört dazu. Erst recht, wenn die Weltmeisterschaft gespielt wird. Vermutlich wissen alle Schweizer und Schweizerinnen, wo sie waren, als Blerim Dzemaili vor vier Jahren gegen Argentinien den Pfosten traf. In vielen Haushalten bestimmt vom 14. Juni bis 15. Juli der WM-Spielplan das soziale Leben. Selbst Politik und Wirtschaft, die eigentlich wirklich wichtigen Dinge des Lebens, schalten auf stumm. Wesentliche Ereignisse während der WM 2014? Am 1. Juli übernimmt Italien die EU-Ratspräsidentschaft. Liess sich halt nicht ändern. Und 2010? Am 30. Juni wird Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt und Benigno Aquino III. tritt sein Amt als Präsident der Philippinen an. Ah, natürlich, fast vergessen: Am 1. Juli übernimmt Belgien die EU-Ratspräsidentschaft. Kann den Bürokraten in Brüssel nicht mal einer sagen, dass es alle vier Jahre am 1. Juli Wichtigeres gibt?

Wer Aufmerksamkeit erregen will, legt während der WM am besten die Beine hoch.
Der Fussball schafft, was Politik und Kirche vergeblich versuchen – Wir-Gefühl vermitteln, Frieden stiften. Was dazu verleitet, den Fussball als Ersatzreligion zu deklarieren. In Argentinien sorgten zwei Fussballfans dafür, dass Weihnachten nicht mehr im Dezember, sondern am 30. Oktober gefeiert wird. Also am Tag, als Diego Maradona zur Welt kam. Doch die beiden Freaks pilgern im Herbst jeweils nicht allein zur Iglesia Maradoniana. Die Glaubensgemeinschaft zählt weltweit mehr als 70'000 Mitglieder.

Erlösung als Sehnsucht

Sicher, die Parallelen sind offensichtlich. War für einen Architekten früher der Bau einer Kirche das Grösste, ist es heute die Realisierung eines Fussballtempels. Das Ritual im Stadion zeigt deutliche Parallelen zur Liturgie. Wenn Leute einen Pokal küssen, erinnert das an das Küssen von Ikonen. Spieler werden vergöttert. Die Zuschauer beten. Der Trainer wird zum Propheten. Aus Ottmar Hitzfeld wird Gottmar. Homophobie ist auch etwas, was der Fussball und Religion gemeinsam haben. Sonstige Parallelen: Die Singerei im Publikum, das Gemeinschaftsgefühl, die Tendenz, wild gewordene Mobs hervorzubringen. Und: Im Fussball wie in der Religion erhofft man sich Erlösung.

Die Religion verspricht sie, auch wenn sie den Tatbeweis nicht liefern kann. Der Fussball indes kann Erlösung zu Lebzeiten bringen. Oder was, denken Sie, hat ein YB-Fan am 28. April gefühlt? Halleluja! Schweizer Meister, erstmals nach 32 Jahren. Wenn das keine Erlösung ist, wartet im Himmel ein WM-Final mit mir als Siegtorschützen. Aber was machen wir denn noch auf Erden? Klar, Fussball gucken, erlöst werden. Doch das mit der Erlösung ist eine knifflige Angelegenheit. Zumindest die fussballerische Erlösung. Denn, was denken Sie, fühlt ein YB-Fan, wenn seine Götter im August, also nur ein paar Monate nach der Erlösung, die Qualifikation zur Champions League vermasseln? Damit wäre das mit der nachhaltigen Erlösung erst mal geklärt. Dafür ist nicht der Fussball, sondern die Religion verantwortlich.

Wir glauben an das Märchen

Johannes B. Kerner sagte mal: «Fussball ist die einzige Religion, in der es keine Atheisten gibt.» Muss er ja auch. Schliesslich leistet er als TV-Moderator seinen Beitrag zur weltweit grössten Massenbewegung. Mehr noch: Leute wie Kerner leben vom Fussball. Bestimmt nicht schlecht. Denn der Fussball ist gütig. Kann er sich auch leisten. WM-Ausrichter Russland budgetiert mit 10 Milliarden Euro Ausgaben. Die Fifa mit einer Milliarde Euro Reingewinn. Der Fussball ist gross geworden. Das gefällt ihm auch. Die mächtigsten Fussballer gebärden sich wie Präsidenten eines führenden Industriestaats. Und dann betonen sie unablässig die gesellschaftliche Bedeutung und die damit einhergende Verantwortung. Klar: Der Fussball als Imageträger für Jugendlichkeit, Fairness und Heldentum lässt sich vermarkten wie kaum etwas anderes.

Aber was interessiert der schnöde Mammon? Was interessiert uns, mit welchen Mitteln Russland bei der WM-Vergabe England, das Mutterland des Fussballs, blossstellte? Was verstehen wir Fans in dieser Welt nicht? «Alles und nichts», sagt Peter Hargitay, Berater, Freund aller Strippenzieher im Hintergrund und Sonderberater von Sepp Blatter «Es ist, wie es ist. Bei der Vergabe gab es massive politische Einflussnahme. Es geht nicht um Fussball. Es geht um Status. Es geht darum, der Welt zu zeigen, dass du eine coole Nation bist. Für die Fans geht es um Fussball. Aber um Fussball geht es nur vom Eröffnungsspiel bis zum Final. Vorher und nachher geht es nicht um Fussball, sondern um Politik. Es geht immer um Politik.»
Sollten wir uns wegen all der dunklen Machenschaften vom Fussball abwenden? Vielleicht. Aber wir können nicht. Weil wir wie besessen sind von dieser Bühne der Sinnlichkeit. Aufklärung? Bloss nicht, würde alles in Schutt und Asche legen. «Das Stadion ist eine Bühne, auf der sich ein Drama ganz im antiken Sinne entfaltet», sagt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk im «Spiegel». «Ich mag auch nicht diesen journalistischen Ansatz, also Geschichten über die Mafia im Fussball oder dergleichen, weil ich an mein Märchen glauben und nicht wissen will, wie korrupt der Fussball ist.»

Albert Camus, 1960 verstorbener Literaturnobelpreisträger, sagte einst: «Alles, was ich über Moral und menschliche Verpflichtung weiss, verdanke ich dem Fussball.» Tempi passati. «Moral ist wohl das Letzte, was man vom heutigen Fussball lernen könnte», erwidert Pamuk.
Was nicht heisst, dass im Fussball nur Luft drin ist, man nichts lernen kann. «Meine Kindheit belegt, dass es kein Vergnügen am Fussball ohne Gemeinschaft gibt», sagt Pamuk. Man lernt zu respektieren und zu tolerieren. Aber auch die Erkenntnis, dass ein Team trotz schwächerer Einzelspieler Erfolg haben kann, wenn es seinen Verstand gebraucht.

Den Sport als Religion etablieren. Das war Pierre de Coubertins Plan. Der Gründer des Internationalen Olympischen Komitees strebte mit dem Sport eine Art zivile Religion an, da er annahm, die Konfessionen seien nicht mehr in der Lage, eine einende wertebildende gesellschaftliche Rolle einnehmen zu können. Doch der Anspruch, eine Religion zu sein, ist für den Sport wohl eine Nummer zu gross. Es scheitert schon bei der Frage nach dem Gott. Weil keiner der angebeteten Kicker Gott sein will – sie glauben oft selber an einen Gott. Jene, die gerne Gott wären, finden wir eher in der Funktionärskaste – doch die betet keiner an.

Doch hören wir mal rein, was einer dieser göttlichen Kicker zu sagen hat. Christoph Metzelder, Deutscher. 47 Länderspiele. Meister mit Dortmund und Real Madrid. Einer von der grossen Bühne, den so schnell nichts umhaut. Ein gläubiger Christ obendrauf. In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte er: «Wir sind Gladiatoren. Es geht ja so weit, dass Wirtschaft und Politik von uns Grosses für unser Land erwarten. Die Konjunktur soll anziehen, der Zusammenhalt im Land soll wachsen – das sind Dinge, um die wir uns nicht kümmern können. Aber jeder hat in seinem stillen Kämmerlein auch die Angst, zu versagen.» Und weiter führt er aus: «Der Fussball lenkt zwar ab von den Problemen, aber er gibt keine Antwort auf deine Probleme. Das ist der grosse Unterschied zur Religion.»

Beten verboten

Der Fussball als Brückenbauer, Friedensstifter und Wirtschaftsmotor? Weltreligionen hinken da ziemlich hinterher. Deshalb gebietet sich die Frage: Ist Religion für den Fussball überhaupt ein gutes Label? Nein. Zumindest für die Fussball-Obrigkeit.

Der Fussball ist pures Leben. Es ist der Moment, der zählt, nicht was war oder noch kommen wird. Alles ist vergänglich. Spieler kommen und gehen, Trainer ebenso, neureiche Klubs verdrängen Traditionsvereine. In der Kirche ist das anders.

Aber nicht aus diesem Grund schiebt die Fussball-Obrigkeit der Religion einen Riegel. Beten auf dem Platz – verboten. Jesus-liebt-dich-Shirt zeigen – verboten. Zu viel Religion ist schlecht fürs Geschäft der Sponsoren. Ist Coca- Cola katholisch? Keine Ahnung. Der Fussball wird eher von der Kirche hofiert und nicht umgekehrt. Der grösste Fan des argentinischen Erstligisten Atlético San Lorenzo de Almagro heisst Papst Franziskus. Selbst sein Vorgänger Joseph Ratzinger, dem Sport fremd ist, hat gesagt, «ein Fussballspiel ist eine Art versuchte Heimkehr ins Paradies».

Auch wenn wir in den nächsten Wochen häufiger hoffen und beten, Opfer bringen, vielleicht mal eine Kerze anzünden, wildfremde Menschen umarmen oder hemmungslos weinen, wir übersinnliche Kräfte wahrnehmen – Fussball taugt nicht als Religionsersatz. Dafür ist der Fussball, insbesondere die WM, eine – entschuldigen Sie - geile Happy-Pille.

Der Fussball verlässt für die kommenden fünf Wochen das Hoheitsgebiet der eingefleischten Fans und gehört wirklich allen. Die Welt wird zum Ball. Und das Schweizer Kreuz an Balkonen, Fenstern, Autos, auf T-Shirts oder ins Gesicht gemalt, drückt nicht überbordenden Nationalstolz aus, sondern zeugt einzig von der Teilhabe am gemeinschaftlichen fröhlichen Ausnahmezustand. Selbst jene, die sonst nie gucken, klinken sich ein. Warum? Einerseits: Weil auch die Fussball-Ungläubigen quantitätsgläubig sind. Andererseits: Über was sonst soll man die nächsten fünf Wochen reden, wenn nicht über Fussball? Ist ja sonst nichts los – Halleluja!

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