Deutschland

Lucien Favre steht bei Dortmund wieder unter Druck

Für Lucien Favre wird die Luft als Trainer von Dortmund nach dem 3:3 daheim gegen Paderborn wieder dünner. Der Nicht-Auftritt des BVB in der ersten Halbzeit lässt den 62-Jährigen ratlos zurück.

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BVB-Coach Lucien Favre ringt bei der Analyse des 3:3 gegen Paderborn um Worte

BVB-Coach Lucien Favre ringt bei der Analyse des 3:3 gegen Paderborn um Worte

KEYSTONE/EPA/DAVID HECKER

Immer wieder schüttelte Lucien Favre während der Pressekonferenz nach dem Remis im Heimspiel gegen Paderborn den Kopf. Es wirkte so, als hinge der Waadtländer noch in der ersten Halbzeit des Spiels fest, in dem sein Team bei sämtlichen Beobachtern ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst hatte. Als "desaströs" und "unglaublich bezeichnete Favre den Auftritt des BVB in der ersten Halbzeit, der in einem 0:3-Pausenrückstand resultierte. "So kann es nicht weiter gehen", sagte der Trainer.

Der Auftritt des BVB lässt nicht nur Favre ratlos zurück. Selbst der Direkbeteiligite Marco Reus gab zu, dass er keine Ahnung hatte, "was wir da fabriziert haben". "Wir müssen uns bei allen Leuten im Stadion für die Leistung entschuldigen", sagte Reus ins Mikrofon des Streamingdienstes DAZN. Sucht man Beispiele für Spiele, in denen eine Mannschaft gegen den eigenen Trainer spielt, die erste Halbzeit des BVB gegen Paderborn könnte gut herhalten: Keine Emotion, keine Lust, nur Alibizweikämpfe.

Der Ära Favre schien beim BVB nach 45 Minuten der 12. Bundesliga-Runde ihr definitives Ende gesetzt - bis Gelb-Schwarz sein anderes Gesicht zeigte. Jadon Sancho (47.) kurz nach der Pause sowie Axel Witsel (84.) und Marco Reus (92.) in einer hektischen Schlussphase sicherten dem BVB den einen Punkt in dieser Partie, in der für die Dortmunder lange nichts und plötzlich doch noch alles drin gelegen wäre. Immerhin lieferten die Spieler von Dortmund so den Beweis nach, dass sie nicht gegen ihren Trainer arbeiten.

Unterstützung und Kritik für Favre

Und doch vermochte das einigermassen versöhnliche Ende weder Spieler, Trainer noch Fans zu beruhigen. Die Spieler wurden von den Fans nach Spielschluss mit einem Pfeifkonzert in die Garderobe verabschiedet, erstmals waren auf der Südtribüne auch "Trainer raus"-Rufe zu vernehmen, und Captain Reus nahm sich und seine Kollegen in die Pflicht: "So dürfen wir nie wieder auftreten." Diese Leistung müsse man nun besprechen, "anders geht es nicht".

Für den 30-Jährigen soll bei der Aussprache das Team im Zentrum der Diskussionen stehen, nicht der angeschlagene Trainer. "Er stellt und jedes Mal super ein. Wir sind dafür verantwortlich, auf dem Platz unsere Leistung zu zeigen", sagte Reus. Verhindern, dass Favres Position von den deutschen Medien nach dem Remis gegen Paderborn öffentlich zur Neubesetzung ausgeschrieben wird, konnte Reus damit trotzdem nicht.

Vielmehr nahmen die Medien Reus' Aussage auf, der BVB hätte vor der Pause gar nicht gewusst, "wie wir richtig pressen sollen". Unterstützung erhielt der Captain in diesem Punkt auch durch Innenverteidiger Mats Hummels: "Wir haben das Pressing in der ersten Halbzeit nicht hundertprozentig durchgezogen." Dazu liess der 30-Jährige leise Kritik an Favres Ausrichtung vor der Pause durchsickern. "Sagen wir mal so, wir tun uns im 4-1-4-1 leichter zu pressen", sagte Hummels. Favre hatte den BVB gegen Paderborn in einem 4-2-3-1 beginnen lassen und erst in der zweiten Halbzeit auf das von Hummel präferierte System umgestellt.

Mit dem 3:3 kehrte die Unruhe, die bereits nach dem 0:4 in München vor zwei Wochen aufgeflammt war, mit voller Wucht in den BVB zurück. Das Bekenntnis von Sportchef Michael Zorc, dass "Favre die Mannschaft auch im Champions-League-Spiel beim FC Barcelona am Mittwoch betreuen wird", klang nicht nach bedingungsloser Rückendeckung für den Schweizer Trainer.