Super League

Neue Fussballwelt oder kleine Kursverluste?

Den Fussball-Klubs entgehen seit Wochen budgetierte Einnahmen. Die kleinere Kaufkraft wird sich auf den Wert der Spieler auswirken und in der Schweiz das lukrative Transfergeschäft beeinträchtigen.

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Für den Brasilianer Neymar zahlte Paris Saint-Germain vor drei Jahren 222 Millionen Euro

Für den Brasilianer Neymar zahlte Paris Saint-Germain vor drei Jahren 222 Millionen Euro

KEYSTONE/EPA/CHRISTOPHE PETIT TESSON

Der April ist normalerweise ein geschäftiger Monat im Fussball. Die aktuelle Saison geht in die Endphase und die kommende wird intensiv geplant. Verträge werden verlängert, Transfers eingefädelt, Spieleragenten treffen sich mit Scouts und Sportchefs. Momentan sei es schon ziemlich anders, erzählt Spielervermittler Christoph Graf, der die Vereinigung der Fussball-Agenten präsidiert: "Momentan fallen wenig Entscheide. Man hält einfach den Kontakt mit den Leuten."

Die Klubs sind zur Vorsicht gezwungen, mehr als Planspiele sind derzeit nicht möglich. Man beschäftigt sich mit allen möglichen Szenarien, heisst es von den Vereinen aus der Super League praktisch unisono und unverbindlich. Anders ausgedrückt: Derzeit weiss niemand, wohin der Weg führt.

Dieser Unsicherheit hat die vielbeachtete Seite "transfermarkt.ch" Rechnung getragen und in diesem Monat den Wert der Spieler angepasst. Über neun Milliarden Franken gingen virtuell verloren. Jüngere Spieler verloren 10 Prozent ihres Wertes, ältere 20 Prozent. Die Super League wurde um mehr als 15 Prozent abgewertet, die Mannschaft des Schweizer Meister Young Boys verlor fast einen Fünftel ihres Wertes.

Das in Neuenburg beheimatete und in Sportstudien spezialisierte CIES ist noch radikaler in seiner Wertbereinigung während der Corona-Pandemie. Es sieht bei den europäischen Topklubs zum Teil mehr als 30 Prozent an Wertverlusten, was etwa bei Manchester City ein Minus von über 400 Millionen Franken bedeutet.

Mbappé wird teuer bleiben

Es gibt im Fussball und in der Politik Leute, die auf ein reinigendes Gewitter spekulieren. Sie hoffen, dass die Zeit der horrenden Ablösesummen zu Ende ist, dass bis auf Weiteres keine Spieler mehr für dreistellige Millionenbeträge verkauft werden. Uli Hoeness sagte vor einem Monat im "Kicker" voraus, dass es "sehr wahrscheinlich eine neue Fussballwelt" geben wird.

Der Fussball solle auf ganz neuer Basis wieder aufgebaut werden, forderte der deutsch-französische Politiker Daniel Cohn-Bendit in einer Kolumne in der Zeitung "Ouest-France". Der 75-Jährige, der 20 Jahre lang für die Grünen im europäischen Parlament sass, sagte auch voraus: "Morgen wird Mbappé maximal 30 bis 40 Millionen Euro kosten und nicht mehr 200."

Die nicht allzu zahlreichen Wechselgerüchte, die derzeit zirkulieren, lassen einen solchen radikalen Preissturz nicht vermuten. Graf meint, dass gerade die Preise der obersten Spieler-Kategorie, jene in der sich ein Mbappé oder Jadon Sancho befinden, "nicht wahnsinnig sinken" dürften. An solchen Transfers seien Vereine beteiligt, die Geld haben. Wenn sie nicht in diesem Jahr verkaufen, dann halt im kommenden.

Hoffen auf GC und Lausanne

Stärker wird sich die momentane Situation auf jene Klubs auswirken, die auf Transfers angewiesen sind, etwa um ein strukturelles Defizit auszugleichen. In der Super League wird seit Jahren viel Geld mit dem Verkauf von Spielern verdient. Fast alle Schweizer Topvereine konnten in den letzten Jahren auf dem Transfermarkt einen positiven Saldo erwirtschaften, dass heisst sie haben teurer verkauft als eingekauft.

Diese Einnahmen tragen wesentlich zum Budget bei. Die Basler haben in den letzten fünf Jahren mit Verkäufen brutto ein Plus von über 90 Millionen Franken erwirtschaftet, die Young Boys eines von rund 40 Millionen Franken. Und dem FC Thun verhalfen die Zusatzeinnahmen im letzten Sommer sein Budget 2019 einigermassen ausgeglichen zu gestalten. Dabei profitierten die kleineren Klubs auch davon, dass die grösseren ihre Spieler ins Ausland verkauften und in der Super League Ersatz fanden.

Nun droht dieser Mechanismus ins Stocken zu geraten. "Für die Schweizer Spieler dürfte es recht schwierig sein, ins Ausland zu gehen", blickt Graf auf die nächste Transferperiode. Weil bis dahin die Matches - wenn überhaupt - ohne Zuschauer stattfinden werden, können die Spieler nicht mehr im Stadion beobachtet werden. "Die entscheidenden Bewertungen werden aber in der Regel live gemacht."

Für Graf ist aufgrund der Rahmenbedingungen klar, dass die Schweizer Klubs zurückhaltend sein werden, wenn es wieder darum geht, Spieler zu verpflichten. "Mit Ausnahme von GC und Lausanne, falls sie aufsteigen." Die beiden Challenge-League-Klubs mit ihren reichen Besitzern könnten die Impulsgeber auf dem Schweizer Markt werden.