Simon Ammann

Simon Ammann springt trotz Rückenschmerzen

Simon Ammann startet am Wochenende in Hinterzarten (De) mit Trainingsrückstand in die Sommer-GP-Serie. Wegen lange verschwiegener Rückenprobleme ist er noch nicht fit für die Sommersaison.

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Philipp Bärtsch, Einsiedeln

Simon Ammann, nach den Olympischen Spielen hatten Sie Rückenprobleme, weshalb Sie mehr als einen Monat später mit dem Training auf der Schanze beginnen konnten als geplant. Sind Sie langsam ein alter Mann, der nach 12 Jahren im Weltcup die Verschleisserscheinungen spürt?
Simon Ammann: Die Instabilität meiner Wirbelsäule hatte sich vorher ausser bei Hürdensprüngen nie bemerkbar gemacht. Solange es auf der Schanze funktioniert, schaut man nicht genauer hin. Ich hatte lange Mühe damit, dass ich mich jetzt auch noch damit beschäftigen muss. Aber ich sehe immer das Positive. Die Kehrseite der Instabilität ist meine ausgeprägte Beweglichkeit. Die bringt grosse Vorteile, zum Beispiel ermöglicht sie mir eine entspannte Anlaufposition. Die Stabilität gut hinzukriegen, hat mir dafür bei den Landungen immer ein bisschen Mühe gemacht. Wichtig ist, dass mir der Rücken beim Absprung überhaupt keine Probleme bereitet.

Trotz Trainingsrückstand sind Sie wohl nicht der, der einfach mal den ersten Wettkampf absolviert und schaut, was dabei herauskommt.
Ammann: Ich fahre nach Hinterzarten, damit ich vor dem Heimwettkampf in Einsiedeln eine Standortbestimmung habe. Ein Top-5-Resultat wäre gut für mich; von einem Sieg in Einsiedeln träume ich schon lange. Ob das realistisch ist, weiss ich erst nach dem Springen in Hinterzarten. Ganz vorne dabei zu sein und die Siegesserie von Ende Saison weiterzuführen, wäre sensationell. Das Gefühl ist noch in mir drin, das ist vom Winter her noch da. Ich werde es einfach laufen lassen, statt mir das Leben unnötig schwer zu machen. Mir fehlt noch etwas die Spritzigkeit beim Auslösen der Absprungbewegung. Der Fluss und die Übersetzung in den Flug sowie die Aerodynamik stimmen sehr gut - trotz fünf Zentimeter kürzerer Ski.

Was gab den Ausschlag für Ihren Entscheid, als Folge der verschärften BMI-Regel freiwillig mit kürzeren Ski zu springen, statt 1,5 Kilogramm zuzunehmen?
Ammann: Eigentlich wollte ich früh mit dem Kraftaufbau beginnen, um das Gewicht ein bisschen hochzubringen und näher an meiner gewohnten Materialabstimmung bleiben zu können. Aus den erwähnten Gründen war das dann halt nicht möglich. Aber es funktioniert trotzdem alles ziemlich gut. Meine Technik musste ich wegen der kürzeren Ski nicht anpassen.

Halten Sie sich die Option, an Gewicht zuzulegen, im Hinblick auf den Winter offen?
Ammann: Ja. Zeit hätte ich genug. Das Coole am Zunehmen wäre, dass ich qualitativ besser werden könnte; mehr Muskelmasse bedeutet mehr Power. Das wäre auch unter dem mentalen Aspekt interessant. Es ginge einfach schneller vorwärts, wenn man im Umfang zulegen könnte, statt sich immer nur darauf zu konzentrieren, das Vorhandene zu optimieren.

Haben beim verspäteten Trainingseinstieg neben den Rückenproblemen nicht auch die zahlreichen Verpflichtungen eine Rolle gespielt? Sie kamen nach der Saison ja kaum zur Ruhe.
Ammann: Das ist so. Der Stress ging weiter, es gab auch viel Büroarbeit zu erledigen. Dabei würde man nach so einer Saison lieber drei Monate auf Hawaii die Beine hochlagern. Es kamen immer wieder Sachen aus dem Winter hoch, weil sie einfach noch nicht so gut verdaut waren. Das ist immer noch nicht der Fall. Ich kann den Cut noch nicht machen und sagen, es geht vorwärts. Die Erinnerungen sind immer noch sehr lebendig. Vor allem, wenn es so gut läuft, sind Olympische Spiele extrem intensiv. Da kann man nichts machen. Die Zeit in Whistler ist unschlagbar.

Wie geht man mit dem Gedanken um, dass man das absolute emotionale Hoch seines Lebens wohl schon hinter sich hat?
Ammann: Ich finde es nicht gut, wenn man den Anspruch hat, immer den noch grösseren Kick erleben und die noch krasseren Sachen machen zu wollen. Es ist auch eine grosse Kunst, damit zufrieden zu sein, dass es einem gut geht. Ich dachte schon nach Salt Lake City, dass man es gar nicht besser zusammenbringen kann. Aber es gibt ja noch andere Bereiche als den Sport, zum Beispiel das Privatleben.

Weltstars ziehen in die Schweiz, neben tiefen Steuern lockt die Aussicht, in Ruhe gelassen zu werden oder ungestört einkaufen zu können. Bei Ihrer Hochzeit liegen Paparazzi auf der Lauer, was hierzulande sonst eigentlich nicht vorkommt. Ist das der Preis, den Sie als Everybody's Darling bezahlen müssen?
Ammann: Im Sport spielt sich so viel in der Öffentlichkeit ab, man bekommt so viel von den Akteuren zu sehen. Aber ich will nicht alles preisgeben. Meine Frau Yana zeigt sich nun einmal nicht gerne. Das ist doch zu respektieren. Wir wollten den Moment für uns geniessen und hätten den Medien unter Umständen nachträglich Bilder zur Verfügung gestellt. Darauf haben wir nach diesen Paparazzi-Geschichten dann verzichtet. Man darf ruhig merken, dass wir Wert darauf legen, gewisse Dinge für uns zu behalten. Dieses Recht sollte in der Schweiz doch wirklich etwas gelten.

Die Schokoladenseite Ihrer Popularität ist die einmalige Ausgangslage für die Vermarktung. Zum Deal mit der in der Fliegerei stark verwurzelten Uhrenfirma Breitling gehört, dass Sie den Privatpilotenschein machen. Ist das vor allem eine PR-Aktion oder steckt da etwa ein neuer Berufswunsch dahinter?
Ammann: Als Freund der Aviatik ist diese Partnerschaft eine tolle Sache für mich. Das Fliegen, egal in welcher Form, ist etwas, das den Leuten extrem viel geben kann, wenn sie nicht gerade unter Flugangst leiden. Es ermöglicht eine andere Sicht der Dinge und wirkt extrem inspirierend. Mit Aktionen wie dem Stuntflug auf dem Doppeldecker kann ich jungen Sportlerinnen und Sportlern aber auch eine andere Message vermitteln: Hey, als Olympiasieger, da kannst du etwas erleben! Das finde ich cool.

Es werden in nächster Zeit drei weitere Partner dazukommen. Nach Salt Lake City lief die Vermarktung noch ziemlich harzig. Mussten sie ein drittes und viertes Mal Olympiasieger werden, um es zum Millionär zu bringen?
Ammann:Der dreifache Schwingerkönig Jörg Abderhalden hat einmal gesagt, dass man in der Schweiz überall nachdoppeln muss, um höchsten Ansprüchen gerecht zu werden. Salt Lake City war spontan und sehr viel heftiger, jetzt ist dafür alles fundierter. An solche Partner zu kommen, die mich zum Teil über meine Karriere hinaus begleiten werden, macht grossen Spass und gibt mir für die nächste Saison eine Riesenportion Motivation. Ich glaube, die vergangene und die bevorstehende Saison mit Vancouver und den Weltmeisterschaften in Oslo sind meine beiden besten Jahre als Skispringer.

Können Sie sich überhaupt vorstellen, immer noch ganz vorne dabei zu sein und am Saisonende einfach zu sagen: Tschüss, das wars, ich höre auf?
Ammann:Das will ich mir gar nicht vorstellen. Ich hänge ja immer noch der jüngeren Vergangenheit nach. Es wird seine Zeit brauchen, um das zu entscheiden.