Ricardo Rodriguez
Unser neuer Fels in der Nati-Innenverteidigung?

Bei Wolfsburg setzt ihn Trainer Valérien Ismaël auf der ungewohnten Innenposition ein. In der Nationalmannschaft bleibt er aber vorerst Aussenverteidiger. Ricardo Rodriguez findet an beiden Position Gefallen.

Markus Brütsch
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Der Fels.

Der Fels.

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Es ist ein wunderbarer Nachmittag in Lugano. Wüsste man es nicht besser, könnte man denken, der Frühling stehe vor der Tür. Im Stadion Cornaredo geniessen Johan Djourou und Ricardo Rodriguez die warmen Sonnenstrahlen. In einer Stunde beginnt das Training, die Vorbereitung der Schweizer Nati auf das WM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer am Sonntag in Luzern läuft auf Hochtouren. «Wir wollen den vierten Sieg im vierten Spiel. Dann können wir im Dezember mit einem guten Gewissen in die Ferien fahren», sagt Rodriguez.

Die beiden stehen nur wenige Meter voneinander entfernt. Wie so oft, wenn sie sich in der Nationalmannschaft gemeinsam auf dem Rasen tummeln. Hätte sich beim VfL Wolfsburg nicht diese dicke Überraschung ereignet, würde man sich auch keine weiteren Gedanken machen. Weil aber bei den «Wölfen» der neue Trainer Valérien Ismaël auf die Idee gekommen ist, den ewigen Linksverteidiger Rodriguez in die Mitte zu versetzen, stellt sich unweigerlich die Frage, ob man jetzt vielleicht gerade den Stamm-Innenverteidiger und dessen Nachfolger vor hat.

29 Jahre alt ist Djourou, Rodriguez erst 24. Der erste ist Captain beim HSV, tief im Abstiegskampf und immer wieder für einen Patzer gut. Weil er sich aber in der Nati stabilisiert und eine gute EM gespielt hat, drängt sich eine Stabübergabe vom Genfer zum Zürcher nicht auf. Zumal Rodriguez erst drei Mal im Zentrum verteidigt hat und noch bestätigen muss, dass Ismaël, einst selbst ein zentraler Abwehrspieler, richtig liegt, wenn er sagt: «Ich sehe in Rodriguez einen Zentrumsspieler.»

15 Tore hat Rodriguez bereits für Wolfsburg erzielt.

15 Tore hat Rodriguez bereits für Wolfsburg erzielt.

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Während 44 Länderspielen und 132 Bundesligaspielen ist Rodriguez auf der linken Seite rauf und runter gerannt, hat 15 Tore geschossen und 25 vorbereitet, die meisten nach ruhenden Bällen zwar, aber gleichwohl ist dies eine überragende Bilanz.

Umso überraschender ist seine Versetzung gekommen. Auch für Djourou und Nati-Trainer Vladimir Petkovic. «Damit habe ich nicht gerechnet», so Djourou, «aber Rodriguez kann das. Ich kenne ihn.» Petkovic will sich nicht auf die Frage einlassen, ob er Rodriguez auch in der Nati als Innenverteidiger sieht, sagt aber: «Er kann jetzt viel lernen auf dieser Position, das bringt ihn auf alle Fälle weiter. Aber überrascht worden von dieser Massnahme ist vermutlich sogar er selber.» Nicht unbedingt, sagt Rodriguez. «Bei Wolfsburg habe ich in einigen Spielen in der Schlussphase auf dieser Position gespielt, auch des Öfteren im Training und beim FCZ bis zur U16.»

In der Nati spielt Rodriguez weiter als Aussenverteidiger.

In der Nati spielt Rodriguez weiter als Aussenverteidiger.

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Am letzten Samstag hat Rodriguez beim 3:0 in Freiburg eine gute Leistung gezeigt. «Er kann mit seinen weiten Diagonalbällen das Spiel lancieren», sagt Ismaël. Rodriguez ist auf den Geschmack gekommen: «Als Innenverteidiger habe ich gefühlsmässig mehr den Ball, muss aber ständig aufpassen und 90 Minuten konzentriert sein. Ich muss mehr sprechen und kann für meine Entwicklung viel profitieren.» Als Linksverteidiger dagegen könne er nach vorne stürmen und in der Offensive etwas zeigen. «Beide Positionen gefallen mir. Auf beiden möchte ich auch einem Toplevel spielen.»

Djourou, der in früheren Jahren seine Zukunft im defensiven Mittelfeld sah, dort in der Nati aber in 65 Länderspielen nur zwei Mal auflief, sagt: «Meiner Meinung nach haben im heutigen Fussball die Aussenverteidiger die wichtigste Position. Der Spielaufbau läuft fast immer über sie.» Er selber hat für Arsenal in der Premier League einige Spiele als Rechtsverteidiger bestritten. Er sagt: «Das ist extrem anstrengend, du rennst wie verrückt.» Von seiner Postur her (Djourou misst 1,92 Meter) passe er aber wohl besser ins Zentrum.

Nicht der Grösste

Rodriguez dagegen misst nur 1,83 Meter. «Ich weiss, dass ich nicht der Grösste bin, aber ich betrachte es nicht als Nachteil. Schauen Sie doch mal, wie Puyol oder Cannavaro gespielt haben – super. Beide waren eher klein, aber Weltklasse. Es kommt im Luftkampf eben sehr auf das Timing an.»

Ein Rollentausch in der Abwehr ist gar nicht so selten. Bei Bayern München hat Jérôme Boateng unter Jupp Heynckes mal Aussen-, mal Innenverteidiger gespielt. Deutschland ist 2014 mit Innenverteidiger Höwedes als Aussenverteidiger Weltmeister geworden. Sergio Ramos war Aussenverteidiger, als er einst vom FC Sevilla zu Real Madrid kam. Und beim FC Sion bilden im Moment mit Reto Ziegler und Elsad Zverotic gar zwei umfunktionierte Aussenverteidiger das Abwehrzentrum. «Das geht aber nur, wenn diese Spieler auch kopfballstark sind», sagt Sittens Trainer Peter Zeidler, «was bei Aussenverteidigern oft nicht der Fall ist.» Innen kommt ihnen die Erfahrung zugute, die sie aussen gesammelt haben, wenn sie einem hohen Druck durch die Gegenspieler ausgesetzt waren.

Wie steht es aber um die Ambitionen von Rodriguez, auch in der Nati als Innenverteidiger aufzulaufen? «Hier ist noch immer die linke Seite mein Platz. Am Ende entscheidet der Trainer», sagt Rodriguez. Dass er gegen die Färöer nun Anlaufschwierigkeiten beim Wechseln auf links haben könnte, schliesst Rodriguez aus: «Ich habe ja mein Leben lang Linksverteidiger gespielt.»

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