Sepp Blatter

Wieso der Fussball letztlich doch rund ist

Am Donnerstag erscheint das Buch «Sepp Blatter – Mission & Passion Fussball». Es rückt den suspendierten Präsident Sepp Blatter ins rechte Licht.

Roman Weissen
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Sepp Blatter war einst auch im Weissen Haus ein gern gesehener Gast: Der Fifa-Präsident übergibt Barack Obama 2009 Fussball-Shirts für dessen zwei Töchter.ZVG

Sepp Blatter war einst auch im Weissen Haus ein gern gesehener Gast: Der Fifa-Präsident übergibt Barack Obama 2009 Fussball-Shirts für dessen zwei Töchter.ZVG

Photoshot

Auf dem Zürcher Sonnenberg, unweit des Fifa-Hauptsitzes, trifft sich heute Donnerstag eine illustre Teilnehmerschaft aus Sport, Politik, Wirtschaft und Medien zur Buchvernissage «Sepp Blatter – Mission & Passion Fussball», erschienen im renommierten Werd-Verlag. Der Sportjournalist Thomas Renggli, jahrelang am Fifa-Hauptsitz als publizistischer Berater tätig und Vertrauensperson von Joseph S. Blatter, ist der Autor. Die Veröffentlichung gewährt Einblick in Leben und Werk einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der Schweiz. Eindrücklich wird das ausserordentliche Netzwerk eines Mannes von Welt aufgezeigt und damit die jüngere Geschichte der «Fédération Internationale de Football Association (Fifa)» erzählt.

Auf der Grundlage von Hintergrund-Informationsgesprächen, Tonbandaufnahmen und protokollarischer Niederschriften sowie Beiträgen von Familienmitgliedern, Freunden und langjährigen Weggefährten entstand ein fundiertes Werk über die Fifa. Im Fokus steht die Persönlichkeit «JSB». Der Band, illustriert mit Bildern aus der Welt des Fussballs und von Begegnungen mit sportlicher und politischer Prominenz, wird ergänzt mit einem Interview des Publizisten Peter Rothenbühler. Joseph S. Blatter wird im Buch mit deutlichen Fakten und Aussagen zitiert.

Blatters schonungsloses Interview

Im Gespräch mit Publizist Rothenbühler liefert «JSB» schonungslos Informationen, welche für Sportwelt und Öffentlichkeit von Interesse sind. Und wer weiss, vielleicht dient die spannende Geschichte des Buches sogar der Justiz zur Urteilsfindung.

Im Werk «Sepp Blatter – Mission & Passion Fussball» befinden wir uns auch auf der Spurensuche im Leben eines Schweizer Urgesteins, das im Walliser Industriestädtchen Visp geboren wurde, seit Jahrzehnten aber mehr Weltbürger als Mann provinziellen Ursprungs ist. Auf dem globalen Parkett stehen dem Präsidenten des Weltfussballverbandes die Türen der Königshäuser, der Präsidenten und Chefs der Regierungen aller Länder wie auch jene der Chefetagen der Wirtschaft offen. Gewiss, Joseph Blatter war und ist immer auch eine Persönlichkeit, die polarisiert. Entweder hat man Sympathien für «seine Majestät Blatter» und glorifiziert seine unumstrittenen Verdienste um den Weltfussball oder man verteufelt ihn als eiskalten Machtmenschen.

Im Buch bieten sich auch klärende Fakten zur Organisation und Entwicklung der Fifa, zur Rolle der einzelnen 209 Kontinentalverbände und ihrer Exponenten. JSB gibt unumwunden auch Fehler zu: «Doch ich weiss, dass ich mir nie etwas zuschulden hab kommen lassen.» Zum Inhalt des Buches gehört auch die Darlegung seiner Sicht der vor aller Weltöffentlichkeit inszenierten Intervention der amerikanischen Behörden vom 27. Mai 2015 im «Baur au Lac» in Zürich. Thema sind weiter Anklage und Urteil der Ethikkommission vom 21. Dezember 2015 – Blatter und Michel Platini wurden für acht Jahre «gesperrt». Sonderbar und fragwürdig bleibt das Corpus Delicti: Ein mündlicher Vertrag zwischen Blatter und Platini für vereinbarte Dienstleistungen zugunsten der Fifa und die Abgeltung der vereinbarten zwei Millionen Franken wurde dazu genutzt, Blatter aufs Schafott zu führen.

Das Buch entspricht gewiss auch dem Bedürfnis von Joseph S. Blatter, seiner Sicht der Dinge Gehör zu verschaffen und sich gegenüber seiner Meinung nach falschen und ungerechten Anschuldigen zu verteidigen. Blatter fühlt sich von der Öffentlichkeit vor allem in Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz zu Unrecht vorverurteilt und falsch verstanden.

Blatter versteht es nicht

Der «suspendierte Präsident», dem Dank und Respekt für seine Leistungen am letzten Fifa-Kongress versagt blieben, stellt vieles klar, schildert die Entwicklung aus seiner Sicht, zeigt, weshalb es zur Anstellung und zur vielleicht zu späten Auszahlung von Platini gekommen ist – eine Anstellung und Honorierung auf der Basis eines Handschlagvertrags, wie er früher im Fussball auch bei der Anstellung von Trainern und sogar Spielern üblich war. Blatter kann nicht verstehen, weshalb ihm nun daraus ein Strick gedreht werden soll. Zumal die Vereinbarung durchaus gemäss den Protokollen von den leitenden Organen der Fifa zur Kenntnis genommen und nie bestritten worden war.

Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Vertiefung und zum besseren Verständnis der Krise rund um die Fifa und den Weltfussball. Es zeigt, dass man es sich nicht zu einfach machen sollte mit persönlichen Schuldzuweisungen. Es erlaubt uns jedoch besser, Fragen zu stellen, um den Problemen wirklich auf die Spur zu kommen. Nur so kann beurteilt werden, welche Reformen weiter nötig sind und wie eine Organisation wie die Fifa verhindern kann, dass sich Funktionäre persönlich bereichern und für den eigenen Nutzen statt zum Wohl des Spiels, der Spieler, der Zuschauer und einer Organisation, welche die Menschen auf der ganzen Welt im Fussball unterstützt, zu arbeiten.

Als Joseph S. Blatter im Jahre 1998 zum Präsidenten gewählt wurde, hatte die Fifa Schulden um die 20 Millionen Dollar. 2015 verfügt sie über 1 500 Millionen Reserven. Das Financial Assistant Program (FAP) hat sich verfünfundsiebzigfacht. Die Fifa investiert pro Tag durchschnittlich 550 000 Dollar in die 209 Mitgliedsverbände für die Förderung und Entwicklung des Fussballs.

Weltweit auf Achse

Was sich weltweit unter der Federführung und Initiative der Fifa tut, wird im Inhalt des Buches anschaulich zusammengefasst. Detailliert erwähnt werden die Sonderhilfen, die weltweit an diejenigen Verbände fliessen, die sie benötigen, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen können, sowie die Förderprogramme für die weniger begünstigten Nationen. Die Fifa hat überall auf der Welt nach der Devise Blatters «Der Fussball ist die einzige universelle Sprache» ihre Turniere etabliert, um den Fussball in allen Erdteilen zu entwickeln.

Auch förderte Präsident Blatter den Frauenfussball mit steter Vehemenz. Und dies nicht nur limitiert auf die Förderung des Spiels an sich, sondern es ging vor allem darum, den Frauen-Fussball gesellschaftlich zu entwickeln. Der Walliser hat sich persönlich auf höchster politischer Ebene im Iran eingesetzt, dass Frauen zu Fussballspielen im Stadion zugelassen werden.

Fussball schlägt politische Brücken

Der Fussball kann bisweilen Wunder wirken – vor allem in politisch verhärteten Situationen. Dort wo sich Politik und Diplomatie ins Abseits bewegen, ist der Ball gelegentlich Moderator und Vermittler. Ein gutes Beispiel ist Zypern: 60 Jahre nach ihrer Trennung haben die Fussball-Verbände ihre Wiedervereinigung dank der Bemühungen der Fifa auf den Weg gebracht.

Liest man das heute veröffentlichte Buch, kommt man zur Schlussfolgerung: Joseph S. Blatter, der Mann von Welt, muss Widerwärtigkeiten wohl auch in Zukunft ertragen. Respekt und Anerkennung für sein Wirken in Sport, Gesellschaft, Politik und Förderung des globalen Miteinanders verdient er allemal. Seine volle Unterstützung gilt seinem Nachfolger als Fifa-Präsident, dem Walliser Gianni Infantino: «Er hat alle Qualitäten, meine Arbeit fortzusetzen und die Fifa wieder zu stabilisieren. Infantino zeichnen Erfahrung, Kompetenz, strategische und diplomatische Fähigkeiten aus», sagt Blatter über die Zukunft «seiner» Organisation.

Roman Weissen, regelmässiger Kolumnist der AZ-Gruppe, war Gemeindepräsident von Unterbäch und Grossrat im Kanton Wallis, Journalist, später Infochef des Ausland- achrichtendienstes (SND) und heute Inhaber einer Agentur für Kommunikation und Management in Bern und Crans-Montana.