Fussballbusiness
Geschichte eines Wandels: Wie Gelson Fernandes seine Pläne mit Sion schildert - und Tags darauf zur Fifa wechselt

Vizepräsident Gelson Fernandes verlässt den FC Sion – am Tag zuvor gibt der ehemalige Nationalspieler dieser Zeitung ein Interview, bei dem alles noch ganz anders klingt.

Dominic Wirth, Christian Brägger
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Interview mit Gelson Fernandes, Vizepräsident des FC Sion am 4. April 2022 in Martigny.

Interview mit Gelson Fernandes, Vizepräsident des FC Sion am 4. April 2022 in Martigny.

Pascal Gertschen

«Wir suchen die Konstanz», sagt Gelson Fernandes. Oder: «Es muss unser Ziel sein, weniger Fehler zu machen in Sachen Transfers.» Und: «Wir haben beim FC Sion eine Vision.» Dies sind Sätze, die Fernandes von sich gibt, und zwar am Montag um die Mittagszeit.

Fernandes, der Mittelfeldakteur, der 67 Mal für die Schweiz gespielt hat, sagt sie zu dieser Zeitung – im Rahmen eines Gesprächs, das schon länger vereinbart worden ist. Er hat hierfür nach Martigny geladen, ins Hotel La Porte d’Octodure. Der Betonklotz gehört Christian Constantin, dem Präsidenten des FC Sion. Der Klub hat dort seine Geschäftsstelle. Und Fernandes seit dem letzten Sommer seinen Arbeitsplatz. Damals ist er von Constantin zum Vizepräsidenten ernannt worden.

Am nächsten Tag findet am gleichen Ort eine kurzfristig einberufene Pressekonferenz statt. Dort sitzt Fernandes dann und erklärt, warum er den Verein, für dessen Zukunft er nur gerade 24 Stunden davor ausführlich seine Pläne dargelegt hat, verlassen wird. Fernandes wechselt den Arbeitsplatz, geht zum Weltfussballvrband Fifa, und wird dort ab August für die afrikanischen Verbände zuständig sein, als sogenannter «Director Member Associations Africa».

Fernandes sagt, er sei sich bewusst, dass der Zeitpunkt nicht ideal sei, aber eine solche Chance der Fifa komme wohl nie mehr. Er habe keinen Entscheid gegen den FC Sion, sondern für den afrikanischen Fussball gefällt. «Es ist für mich auch eine Rückkehr zu meinen Wurzeln», sagt Fernandes, der einst als Fünfjähriger von den Kapverden in die Schweiz kam.

Fernandes und die grossen Pläne mit Sion

Der FC Sion ist in der Schweiz als Chaosklub verschrien. Präsident Christian Constantin ist ein ungeduldiger Mann. Er hat über die Jahre unzählige Trainer verbraucht, über 50 sind gekommen und eher früher als später auch wieder gegangen.

Als Constantin im letzten Sommer Gelson Fernandes als seinen Vizepräsidenten vorstellte, keimte die zarte Hoffnung auf, dass es in Sion etwas ruhiger wird. Und dass da mit dem unweit des Tourbillon aufgewachsenen Fernandes, der hier einst den Ballbuben gab und später zum Fussballprofi reifte, vielleicht schon der künftige Präsident aufgebaut wird.

Constantin sprach damals in einem Interview über Fernandes wie über einen Lehrling, der bald bei ihm anfangen wird. Constantin sagte, er werde seinen neuen Vizepräsidenten lehren, was es heisse, einen Klub zu verwalten. Und, nicht zuletzt: Wie man sich in diesem Business schlau verhalte.

Der Tag danach: Gelson Fernandes erklärt, weshalb er den FC Sion verlässt und zur Fifa geht.

Der Tag danach: Gelson Fernandes erklärt, weshalb er den FC Sion verlässt und zur Fifa geht.

KEYSTONE

Als Fernandes am Montag beim Interviewtermin in einen Lederstuhl sinkt, hat er die Niederlage gegen St. Gallen noch nicht verdaut. Aber er redet wie einer, der grosse Pläne hat. Stärkt Paolo Tramezzani, dem Trainer, der in vier Spielen nur einen Punkt geholt hat, den Rücken. Spricht davon, dass beim FC Sion der Baum nicht brenne.

Es herrscht auf der Geschäftsstelle courant normal, scheinbar. Einmal fragt Barthélémy Constantin, Präsidentensohn und Sportchef, ob man etwas trinken wolle. Die Sion-Profis Serey Dié und Dimitri Cavare schauen auch vorbei. Derweil findet Fernandes für seinen Präsidenten nur warme Worte. «Unglaublich viel Erfahrung» habe der. Sei nie abgestiegen, als er den Klub führte. Lebe für den Verein, den auch er, Gelson, bis heute im Herzen trage.

Das alles will gar nicht passen zum Beschluss, der einen Tag später öffentlich wird. Beim FC Sion scheint es hinter den Kulissen wieder einmal zünftig zu rumoren, auch wenn Fernandes an der Pressekonferenz bekräftigt, sein Entscheid habe mit der Vereinsführung nichts zu tun. Erst letzte Woche hat Massimo Cosentino, Generaldirektor der Walliser, seinen Rücktritt angekündigt – aus «familiären Gründen».

Die zwei Männer, die Sion umbauen sollten, sind beide wieder weg

Jetzt also auch Fernandes. Damit sind die zwei Männer, die erst im letzten Sommer gekommen sind und mithelfen sollten, den FC Sion in eine bessere Zukunft zu führen und im besten Fall ein anderes Image zu geben, bereits wieder Geschichte.

Dabei redet Fernandes am Montag noch ganze eine Stunde lang. Es geht auch darum, ob er dereinst zur Fifa gehen wird. Fernandes sagt dazu nur einen dieser Sätze, wie sie Fussballer gerne sagen und Zuhörer aus dem Effeff kennen: «Ich habe keine Ahnung – man weiss nicht, was kommt. Ich schaue von Tag zu Tag.»

Fernandes hat sich im Schweizer Fussball einen guten Namen gemacht. Er spielte in vier der fünf grossen Ligen Europas. Bei Eintracht Frankfurt, seinem letzten Klub, wird er nach seinem Rücktritt als Sportchef gehandelt. Im Schweizer Nationalteam steht er selbst dann im Aufgebot, als viele andere ihn längst überflügelt haben. Er gilt als Integrationsfigur, als gute Seele des Teams – auch darüber redet er. Ebenfalls über Rassismus oder Trainer Christian Streich.

Schliesslich erzählt der 35-jährige Fernandes zum Ende des Gesprächs, das schon am nächsten Tag mit der Bekanntgabe seines Stellenwechsels hinfällig wird, von seinen Erfahrungen im Fussball-Geschäft. Erzählt davon, wie egoistisch da alle seien. Wie falsch, wie verrückt es sei – man sehe das ja überall.