Gas geben, und der Schmerz geht weg

Roland Bucher
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Auch Daniel Stadelmann aus Bellmund (rechts) stellt sich der Herausforderung und wird schliesslich 236. im Halbmarathon. (Bild Corinne Glanzmann)

Auch Daniel Stadelmann aus Bellmund (rechts) stellt sich der Herausforderung und wird schliesslich 236. im Halbmarathon. (Bild Corinne Glanzmann)

Die wahnwitzige Idee, selber mal die schnellen Rennschuhe anzuziehen und die Startnummer stolz an die Brust zu heften, nein – die ist längst aus meiner sportlichen Triebfeder gespickt. Den Spaziergang am Luzerner Marathon-Morgen hoch auf den Dietschiberg, den lasse ich mir indes nicht nehmen. Hinunterzuschauen auf den Tatzelwurm der Läufer und Läuferinnen, der sich immer fetter vom Verkehrshaus in die Stadt und in die Horwer und Krienser Agglo windet, das geht unter die Haut: Es ist ein grolliges Beben, fast wie an den närrischen Tagen, gewissermassen «Fasnacht sanft». Es ist einfach schön, dabei sein zu dürfen.

Ja, es sei einfach schön, der OK-Vater dieser Veranstaltung sein zu dürfen. Hansruedi Schorno zieht schon am frühen Nachmittag ein feines Fazit dieser 8. Austragung des Luzerner Marathons, der, seit 2013 in exakter Formulierung als Swiss City Marathon, so viele Leute begeistert und treue Teilnehmer aus allen Landesregionen und vielen fremden Ländern anlockt. Hansruedi Schorno spricht begeistert vom Zuschauermeer, das, auch dank bedeutend besseren meteorologischen Voraussetzungen als in den beiden Vorjahren, bedeutende Wogen geschlagen habe: «Ich schätze, dass fast 50 000 Supporter am Strassenrand mitgefiebert haben. Das ist einfach fantastisch.»

Ein Holpern und Stolpern

50 000 Zuschauer. Unter ihnen, beispielsweise, Ruedi Lustenberger, der Nationalratspräsident. Oder Flurina (6) und Carina (4), die beiden Girls aus Amden am Walensee. Sie beide feuerten mit Inbrunst und grafisch hochwertig gestaltetem Transparent Peter und Fabian an, die beiden Arbeitskollegen ihrer Mama: «Gib Gas – der Schmerz geht!», war in kindlich-amüsanter Naivität zu lesen, und wenn man weiss, dass Peter und Fabian der Rettungssanität des Seespitals Horgen angehören, dann potenziert sich diese Ironie. Zum Beispiel für A. L. (58)*. Der holperte und stolperte im Zielgelände mit schmerzverzerrtem Gesicht herum, beklagte die Distorsion einer seiner beiden Waden und hatte nichts Gescheiteres zu berichten als: «Wissen Sie was? Ich werde jetzt ein paar Tage jammern. Und nächstes Jahr komme ich wieder.» Ja, der Schmerz geht.

Der treue Finisher aus Vicenza

Ja, fast alle kommen wieder. Der Luzerner Swiss City Marathon geniesst in dieser Läufergilde mit Vorliebe für eine wunderbare Streckenführung höchstes Ansehen. Wieder dabei, zum Beispiel, war Massimo Roncaglia (46). Ich habe den sportlichen Mann aus Vicenza vor einem Jahr bei gleichem Anlass kennen gelernt. Diesmal sind wir uns zufällig wieder über den Weg gelaufen, stolz erzählte er von seinem 1:27-Halbmarathon und schwor: «Vorletztes Jahr gabs Schnee, letztes Mal Nieselregen. Diesmal Nebel. Nächstes Jahr werde ich bei strahlendem Sonnenschein meine Bestzeit auf 1:26 drücken.»

Den Nebel, den haben wir als grosse Marathon-Gemeinde, wir Läufer, wir Läuferinnen, wir Fans, wir Zuschauer gemeinsam vertrieben. Es war wieder einmal ein Marathon-Sonntag ohne Stimmungstrübe. Zum Beispiel für Marco Hegyi, der, ebenfalls plakativ, seiner Freundin Laura Sommerhalder aus Menziken AG zu verstehen gab: «Hopp Schatz!» Ob die Vorbereitung optimal war? «Laura möchte den Halbmarathon gerne unter 2 Stunden absolvieren. Wenns nicht klappt, ist es aber nicht so schlimm.» Denn gefeiert haben die beiden Jungverliebten bereits am Samstagabend: bei einem mächtigen Raclette-Schmaus. Wenn das nur gut kam.

Sportchefin ist Wandergängerin

«Alles gut», brachte es Rosie Bitterli, die Chefin Kultur und Sport der Stadt Luzern und Wandergängerin am Quai, auf den Nenner: «Diese Mischkultur der Teilnehmer ist unglaublich. Jung und alt, sportlich oder weniger athletisch, ambitioniert oder spasseshalber – sie haben alle das gleiche Ziel: die Herausforderung zu bewältigen. Das macht mir gewaltig Eindruck.»

Jodelchörli und Guuggenmusig

Dass es (fast) alle irgendwie zurück in die Zielregion des Verkehrshauses brachten, das sei, ist man sich indes einig, auch den so vielen herzhaften unterstützenden Musiktrachten am Strassenrand zu verdanken. Dem Jo­delchörli Heimelig aus Horw beispielsweise, den Hügü-Schränzern, der Holzschue-Musig – und einfach allen, die links und rechts des Parcours für ein wunderbares Marathon-Happening missionierten. «So schön wie in Luzern, einen Marathon zu laufen», gestand Massimo Roncaglia, der smarte Azzurro, «ist es nirgends.»

Ja, das sagten fast alle. Und: «Bis bald.» Bis am 25. Oktober 2015.

*Name der Redaktion bekannt