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Die Urinproben der «Bösen» sind kurz vor dem Saisonhöhepunkt besonders gefragt

Der Schwingsport hat nach Jahren der Kritik seinen Frieden mit dem Thema Doping gefunden und fast allen gefällt es.
Rainer Sommerhalder
Martin Grab erfrischt sich beim 98. Zuger Kantonalen Schwingfest am Sonntag, 30. April 2017, in Baar. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey)

Martin Grab erfrischt sich beim 98. Zuger Kantonalen Schwingfest am Sonntag, 30. April 2017, in Baar. (Bild: KEYSTONE/Alexandra Wey)

Doping ist gerade beim Schwingen ein schwieriges Thema. Wo Fairness und Kameradschaft an erster Stelle stehen sollen, da haben unerlaubte Hilfsmittel erst recht nichts zu suchen. Wenn der Sieger dem Unterlegenen das Sägemehl von den Schultern wischt, dann betrügt er ihn doch vorher nicht.

Die Schwinger haben sich das Leben diesbezüglich lange selber schwer gemacht. Bis vor wenigen Jahren wollten sie nichts davon wissen, dass eine unabhängige Instanz – Antidoping Schweiz – den Kampf gegen Doping für sie führt. Und wo Verbandsfunktionäre letztlich über den Ruf einer Sportart entscheiden, da setzen sie sich stets dem Thema des Interessenkonflikts aus. Auf internationaler Ebene haben während des vergangenen Jahrzehnts der Leichtathletik- und der Biathlonverband Schlagzeilen gemacht, weil ihnen das makellose Image des Sports wichtiger war als die Aufklärung von Doping-Betrügereien.

Verschiedene Faktoren sorgten dafür, dass sich auch der Eidgenössische Schwingerverband immer wieder mal Kritik in dieser Sache gefallen lassen musste. Zu wenig Dopingproben, keine unangekündigten Kontrollen ausserhalb des Wettkampfs und eine milde Bestrafung der Täter lauteten die Vorwürfe. Auch Matthias Kamber, der langjährige Direktor von Antidoping Schweiz sagt, dass seine ersten Eindrücke zwiespältig waren, als er sich im Nachgang des ersten Dopingfalls von Beat Abderhalden im Jahr 2001 zunehmend mit dem Schwingsport auseinandersetzen musste.

Bisher sechs Dopingfälle im Schwingen

Erstmals im Jahr 1999 führte der Schwingerverband Dopingkontrollen durch. Drei Jahre später blieb der erste von bis heute sechs Athleten mit einer positiven Probe darin hängen. Der Ostschweizer Beat Abderhalden, der Bruder von Schwingerkönig Jörg Abderhalden, wies einen zu hohen Testosteronwert auf. Wie mit einer Ausnahme alle erwischten Schwinger stritt auch er ein bewusstes Doping ab. Er erhielt letztlich dank mildernder Umstände eine Sperre von 18 Monaten.

Matthias Kamber lobt die Reaktion des Eidgenössischen Verbandes nach diesem ersten Fall. Man habe einen spürbaren Willen zur Dopingbekämpfung gezeigt und eine Aufklärungskampagne gestartet. Im Rahmen dieser besuchte Kamber die fünf Teilverbände und hielt dort Referate. Nicht überall wurde er mit offenen Armen empfangen. „Beim Ostschweizer Verband herrschte zuerst eine total feindliche Stimmung. Immerhin kam am Schluss meines Referats ein Besucher zu mir und meinte, jetzt begreife er besser“, sagt Kamber im Rückblick.

Erste Versuche des Verbandes, die Dopingbekämpfung auszulagern, scheiterten am Widerstand der Basis. Ab 2010 übernahmen dann zumindest Kontrolleure von Antidoping Schweiz die Dopingproben. Geplant gewesen wären noch mehr Fremdleistungen. „Wir sollten auch die Auslosung der zu testenden Athleten vornehmen. Als es dann aber von Seiten Schwingerverband hiess, dass nicht alle am Fest teilnehmenden Schwinger in diesen Auslosungstopf kämen, haben wir dazu nein gesagt“, erklärt Kamber.

Umstrittenes Urteil im Fall Bruno Gisler

Bis zur definitiven Aufnahme bei Swiss Olympic und der dadurch einhergehenden Unterstellung unter das Dopingstatut im Jahr 2017 kam es zu vier weiteren Dopingfällen im Schwingsport. Der dreifache Berner Eidgenosse Thomas Wittwer wurde 2005 des Anabolika-Missbrauchs überführt und für zwei Jahre gesperrt. Der immer noch aktive Berner Stefan Marti konnte 2012 glaubhaft versichern, dass er unter der Schlafkrankheit Narkolepsie leidet und erhielt deshalb nur eine sechsmonatige Sperre. 2013 blieb der St. Galler Peter Bänziger bei einer Zollkontrolle hängen. Er bestellte verbotene Substanzen und wurde für zwei Jahre gesperrt.

Spektakulär und umstritten war der Fall von Bruno Gisler im Jahr 2015. Der Solothurner wurde beim Eidgenössischen in Burgdorf positive getestet. Ein verwechselter Spagyrik-Spray soll Schuld am positiven Befund gewesen sein. Die Dopingkommission des Eidgenössischen Schwingverbandes glaubte seiner Argumentation und zog Gisler nur für sechs Monate aus dem Verkehr. Bis heute behaupten Dopingfachleute, dass dieses Urteil vor der Disziplinarkammer von Swiss Olympic niemals standgehalten hätte.

Seit drei Jahren landen allfällige Dopingfälle im Schwingsport zwingend bei dieser Disziplinarkammer. Mit der Auslagerung des Dopingkampfes hat der Eidgenössische Schwingerverband endlich jene Unabhängigkeit erreicht, die im Schweizer Sport Standard ist. Marcel May, der Vorsitzende der Dopingkommission beim Schwingerverband, ist glücklich über diese Veränderung. „Sie wurde von den Schwingern, aber auch von den Funktionären sehr gut aufgenommen. Ich habe nur positive Rückmeldungen.“ Auf Verbandsseite fokussiert man nun auf die Prävention. Zusammen mit Antidoping Schweiz hat man verschiedene Aktionen durchgeführt, so etwa im letzten Jahr im Vorfeld des Eidgenössischen Nachwuchsschwingertages.

Dreimal mehr Kontrollen in den letzten zwei Jahren

Was hat sich mit der Übernahme der Dopingbekämpfung durch Antidoping Schweiz geändert? Die Kontrollen wurden von rund 25 auf 75 pro Jahr verdreifacht. Neu wird die Mehrheit dieser Proben bei unangekündigten Kontrollen im Training genommen. Im letzten Jahr waren es 55 von 74. Betreffend Zeitpunkt und Zielpersonen folgt Antidoping Schweiz einer Risikoanalyse. Obwohl nicht kommuniziert wird, welche Schwinger kontrolliert werden, kann man davon ausgehen, dass es vermehrt die ganz „Bösen“ trifft. Der Bündner Armon Orlik beispielsweise sagte im letzten Jahr, dass er rund vier- bis fünfmal pro Jahr unangekündigt zur Urinprobe gebeten wird.

Unangekündigt war 2018 auch der Besuch beim Innerschweizer Martin Grab fünf Tage vor seinem Comeback nach langer Verletzungspause am Zuger Kantonalfest. Grab gewann dieses Fest auf seiner Abschiedstour überraschend, sah sich aber später mit einer positiven Dopingprobe konfrontiert. Er selber behauptete, keine Erklärung dafür zu haben, wie das zur Behandlung von Brustkrebs verwendete Medikament Tamoxifen in seinen Körper gelangte. Allerdings dient diese Substanz auch als Unterstützung von Anabolika-Konsum. „Es ist eigentlich das ideale Mittel, um nach einer Verletzung schnellst- und bestmöglich wieder bereit zu sein“, sagt ein Antidoping-Analytiker.

Urteil im Fall Martin Grab kommt sehr bald

Das Urteil zum Fall Grab steht auch mehr als ein Jahr nach Bekanntgabe des Falls noch aus. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die Beweisführung sei sehr komplex. Antidoping Schweiz habe die Anklageschrift erst Mitte Dezember an die Disziplinarkammer übergeben. Bei der anschliessenden Gewährung des rechtlichen Gehörs wurde die maximale Frist ausbedungen, so dass die eigentliche Verhandlung erst Mitte dieses Jahres stattfand. Derzeit wird das Urteil geschrieben, welches gemäss Kommissionspräsident Carl-Gustav Mez „in absehbarer Zeit an die beteiligten Parteien“ ausgehändigt wird. Es ist also gut möglich, dass Martin Grab noch vor dem Eidgenössischen erfährt, ob er als Dopingsünder verurteilt wird.

Die Öffentlichkeit hingegen wird davon erst später erfahren. Mit der Zustellung des Urteils läuft eine rund einmonatige Anfechtungsfrist. Jede beteiligte Partei, neben Grab auch Antidoping Schweiz und der Schwingerverband, können das Urteil beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne anfechten. Erst nach Ablauf dieser Frist wird Antidoping Schweiz öffentlich orientieren.

In den nächsten zwei Wochen gilt die Aufmerksamkeit so oder so dem Eidgenössischen. Dieses hat auch Einfluss auf die Kontrollstrategie von Antidoping Schweiz. „Bevorstehende Grossereignisse sind ein Faktor, wann, wer und wie oft kontrolliert wird“, sagt Direktor Ernst König. Man darf also davon ausgehen, dass so mancher „Böse“ in diesen Tagen noch zusätzlichen Besuch von Dopingkontrolleuren erhalten hat.

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