Kolumne

Kopfverletzungen, die unterschätzte Gefahr im Fussball

Fussballer erliegen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung mit dreieinhalbmal höherer Wahrscheinlichkeit einer degenerativen Hirnkrankheit. Dies ergab eine britische Studie. Dennoch ist das Thema Kopfverletzungen im Fussball

Céline Feller
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Fabian Schär erlitt im Auswärtsspiel gegen Georgien eine Kopfverletzung - und spielte dennoch weiter.

Fabian Schär erlitt im Auswärtsspiel gegen Georgien eine Kopfverletzung - und spielte dennoch weiter.

Keystone (Tiflis, 23.3.2019)

Finden Sie zehn Minuten eine lange Zeit? In Anbetracht der Dauer eines Tages, eines Monats, eines Jahres oder gar eines Lebens? Wahrscheinlich nicht. Während eines Fussballspiels aber sind zehn Minuten viel Zeit. Ein Neuntel gar. Würden Sie diesen damit verbringen wollen, sich behandeln zu lassen? Kaum. Vor allem, wenn es keine Vorschriften gibt und die Behandlung auch in drei Minuten durchgeführt werden kann.

Was es mit diesen zehn Minuten auf sich hat? So lange dauert der von der Fifa fest­geschriebene Gesundheits-Check beim Verdacht auf eine Gehirnerschütterung während eines Fussballspiels. Bekommt ein Akteur einen heftigen Schlag auf den Kopf, so müsste er sich diesem Prozedere unterziehen lassen, bevor er weiter spielen darf. Das Problem: Das Spiel wird dafür nicht gestoppt. Die meisten Betroffenen werden nach wenigen Minuten wieder aufs Feld geschickt. Regeln, die dies unterbinden, gibt es nicht. Wer das Verfahren nicht durchführt, wird nicht bestraft. Denn die Fifa verortet die Macht beim jeweiligen Team-Arzt. Verantwortung abgeschoben.

Céline Feller.

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So war es auch bei Fabian Schär. Im EM-Quali-Spiel gegen Georgien im März 2019 prallte der Nati-Spieler mit einem Gegner zusammen, sank zu Boden, wurde bewusstlos und musste sich die Zunge aus dem Rachen ziehen lassen. Schär liess sich behandeln und machte weiter – auf eigenen Wunsch. Nati-Arzt Damian Meili hinderte ihn nicht daran. Schär initiierte danach zwei Schweizer Tore. Alles gut? Mitnichten. Schär hätte zwingend ausgewechselt gehört. Bei einem weiteren Schlag auf den Kopf hätte ihm ein Hirnödem gedroht. Die Konsequenz: Meili trat zurück. Er hatte die möglichen, folgenden Hirnschäden unterschätzt.

Es ist nicht das einzige bekannte Beispiel. Auch Ricky van Wolfswinkel, Stürmer des FC Basel, spielte nach einem folgenschweren Luftduell im Spiel gegen Linz weiter. Auch er wurde ausführlich und nach bestem Wissen untersucht, wusste sowohl Spielstand als auch Name von Gegner und sich selbst. Nach dem Spiel aber nichts mehr vom Gang in die Kabine und einem Gespräch mit einem Teamkollegen. Eine Amnesie, wie auch ich sie in meiner Amateurkarriere als Folge einer schweren Gehirnerschütterung erlitt. Die Erinnerungen an das Spiel und den Abend fehlen noch heute.

Es ist egal, auf welchem Niveau sich solche Szenen abspielen. Der Fussball ist für bleibende Hirnschäden eine ähnliche Gefahren-Sportart wie Boxen und American Football. Dies ergab eine britische Studie 2015. Nur ist dies kaum bekannt. Dazu sind Regeln und Vorsorge im Fussball gerade im Vergleich zum Football lächerlich. Läuft ein NFL-Spieler Gefahr eine Kopfverletzung zu erleiden, wird er einem «concussion protocol» unterzogen. Die Werte müssen übereinstimmen mit jenen «Normalwerten», die vor der Saison eruiert wurden. Ansonsten wird der Spieler aus dem Verkehr gezogen. Ein Verstoss kostet 100000 Dollar oder mehr. Ein richtiges Zeichen der NFL, derweil Uefa und Fifa sich lieber um Bussen für Schleichwerbung auf Unter­hosen oder Socken kümmern als um die wirklich wichtigen Dinge.

Die Spielervereinigung FifPro kritisiert die Rolle der Fifa. Während diese die Verantwortung abschiebt, fordern die Vertreter der Profi-Kicker genau das: Dass die Fifa im Handhaben mit Gehirnerschütterungen eine Leaderrolle einnimmt. Es wird Zeit.

Dass auch Verbände eine Vorreiterrolle einnehmen können, zeigte diese Woche der englische, schottische und nordirische Fussballverband: Sie haben Kopfballübungen für Kinder im Grundschulalter abgeschafft.

Céline Feller, 27, bezeichnet Fussball als die schönste Hauptsache der Welt, berichtet täglich darüber und verehrt ohne jede Scham Manchester United. Sie schreibt im Wechsel mit Steffi Buchli, Sarah Akanji und Florence Schelling jeden Samstag über die dringendsten Sportthemen.