Geisterskirennen in der Schweiz – das müssen die Fans jetzt wissen

Es wird still am Hundschopf. Die Weltcupveranstalter verzichten auf Zuschauer, weil es nicht anders geht. Die wichtigsten Fragen und Antworten für alle Ski-Fans.

Martin Probst
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Der Skisport verliert, was einen Teil seiner Faszination ausmacht: die Nähe zwischen Athleten und Fans. «Wo sonst ist es möglich, dass man plötzlich neben dem Star auf der Sesselbahn sitzt?», fragt Urs Näpflin, OK-Präsident der Weltcuprennen in Wengen. Doch was genau bedeutet der Entscheid von Swiss-Ski und den Veranstaltern, die Skirennen in St. Moritz, Adelboden, Wengen, Crans-Montana und Lenzer­heide sowie das Skispringen in Engelberg ohne Fans durchzuführen?

Gibt es trotz des Verzichts auf Zuschauer Möglichkeiten, vor Ort Skifeste zu feiern?

Nein. Menschenmassen sollen verhindert werden. Darum gibt es weder Tribünen noch Zonen und Angebote für Fans. Näpflin sagt: «Wir hoffen, dass die Fans für einmal zu Hause bleiben.» Voraussichtlich werden das Gebiet unterhalb des Hundschopfs und der Zielbereich abgesperrt. In Adelboden gibt es keinen Zugang zum Chuenisbärgli. Stand jetzt sind Zuschauer entlang der Piste nur in St. Moritz erlaubt. OK-Präsident Martin Berthod sagt: «Wir werden kontrollieren, dass sich keine grossen Gruppen bilden.» Christian Haueter, Geschäftsführer der Ski-Weltcup Adelboden AG, sagt: «Der Rest des Skigebiets bleibt offen. Ich appelliere, sich an die Vorgaben zu halten.»

Was fällt sonst weg?

Es gibt weder öffentliche Aus­losungen der Startnummern noch Siegerehrungen in den Dorfzentren. Überhaupt kommt es zu keinen Kontakten zwischen Besuchern und Athleten, weil beispielsweise öffentliche Ski­lifte gesperrt werden, sobald diese vom Weltcuptross benutzt werden.

In dieser Saison gibt es am Hundschopf keine Zuschauer, die Feuz und Co. anfeuern können.

In dieser Saison gibt es am Hundschopf keine Zuschauer, die Feuz und Co. anfeuern können.

Bild: Alexis Boichard (Wengen, 18. Januar 2020)

Was tut der Skisport, damit er die Nähe zum Publikum nicht ganz verliert?

Noch wichtiger als sowieso wird das Fernsehen. Kameras sollen trotz physischer Distanz für Nähe sorgen. Fest steht bereits, dass die Athleten die Startnummern nach der Besichtigung erhalten, natürlich eingefangen von den Kameras. Auch die Siegerehrung im Ziel wird ausführlicher. Trotzdem sagt Beni Giger, der seit Jahren für die spektakulären TV- Bilder verantwortlich ist: «Keine Zuschauer sind eine Heraus­forderung.» Weil jubelnde Fans Lücken im Livegeschehen füllen können. Als Lösung denkbar sind kürzere Intervalle zwischen den Startern, damit es weniger Pausen gibt. Denkbar ist auch, dass bei Abfahrten, wo zum Beispiel Gleiterpassgagen nicht gezeigt wurden, mehr zu sehen sein wird. Geprüft wird zudem, ob künstliche Fangeräusche eingespielt werden.

Lohnt es sich überhaupt, unter diesen Umständen Rennen zu veranstalten?

Ja. Die Bilder werden verbreitet und damit ist der Werbeeffekt für die Region und die Sponsoren garantiert. Martin Berthod sagt: «Wir brauchen die Skirennen, um einen Teil der Normalität zu behalten. Wir wollen, dass St. Moritz lebt und Skiferien bei uns möglich sind.»

Lohnt es sich finanziell?

Nein. Urs Näpflin sagt: «Ohne Fans fehlen uns zwei Millionen Franken.» In Adelboden sorgen die Zuschauer für gut drei Viertel des Umsatzes. Den Verlust will Haueter nicht beziffern, er sagt aber: «Trotz weniger Ausgaben zum Beispiel im Bereich der Zuschauerinfrastruktur kann das die Mindereinnahmen nicht ausgleichen.»

Überleben die Veranstalter?

Ja. Swiss-Ski bekam von Swiss Olympic 6,7 Millionen Franken aus dem 100-Millionen-Hilfs­paket des Bundes. Davon geht ein grosser Teil an die Veranstalter. 2021 ist Hilfe in gleicher Höhe geplant. «Sollte das Parlament die erneute Unterstützung in der Wintersession bewilligen, dann überstehen wir das Jahr ohne Zuschauer», sagt Näpflin stellvertretend für alle Veranstalter. Allerdings sind sich auch alle einig: Eine weitere Saison ohne Fans vor Ort darf es nicht geben. Sonst fehlt dem Skisport schon bald mehr als nur ein Teil seiner Faszination.