GIRO D'ITALIA: Ein Geschäft im dümmsten Moment

Der Giro d’Italia ist nach dramatischer Etappe über Mortirolo und Stilfser Joch wieder offen. Vincenzo Nibali gewann die Etappe und rückte wie auch Nairo Quintana näher an den Gesamtführenden Tom Dumoulin heran.

Tom Mustroph, Bormio
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Tom Dumoulins einsame Aufholjagd am Umbrailpass. (Bild: Tim de Waele/Getty (23. Mai 2017))

Tom Dumoulins einsame Aufholjagd am Umbrailpass. (Bild: Tim de Waele/Getty (23. Mai 2017))

Tom Mustroph, Bormio

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Eine Toilettenpause bringt den Giro durcheinander. Etwa 12 km vor dem Umbrailpass nahm auf der 16. Etappe des Giro d’Italia der Mann im rosa Trikot plötzlich Tempo raus. Er stoppte, parkte sein Rad am Strassenrand, zog erst das Trikot und dann die Rennhose aus. Tom Dumoulin musste mal. So dringend, dass er in einem entscheidenden Moment des Rennens austrat. «Er hatte Magenprobleme. Es war gar nicht so einfach, dann überhaupt einen guten Platz für diese Art Geschäft zu finden», erklärte Dumoulins Teamgefährte Laurens Ten Dam im Ziel.

Dumoulins Pech sorgte für kurzzeitige Verwirrung im auf etwa zwei Dutzend Fahrer geschrumpften Hauptfeld. Der Russe Ilnur Zakarin startete eine Attacke, wurde aber zurückgerufen. Die gesamte Gruppe nahm Tempo heraus, schien auf Dumoulin warten zu wollen. Dann aber nahm sie wieder Fahrt auf. «Es war eine schwierige Situation. Das Rennen war ja im vollen Gange. Vorn war eine Gruppe, die gefährlich für das Gesamtklassement war», verteidigte der spätere Etappensieger Nibali den Entschluss. Polemisch meinte er: «Soll man Radsport in Zukunft mit einem Schiedsrichter gestalten, der alle anhält?»

Nibali kurzzeitig virtueller Leader

Dumoulin, nach wenigen Pedalumdrehungen auch von seinem letzten verbliebenen Helfer Ten Dam verlassen, machte dann, was er am besten kann: ein Rennen gegen sich selbst, gegen den Berg und gegen die Zeit, die verrann. Sekunde um Sekunde kam er an die Führungsgruppe heran. Der Rückstand schmolz von ursprünglich anderthalb Minuten auf 1:20 Minuten, auf 1:10 Minuten. Als er bei einer Minute lag, attackierte vorn Nibali. Quintana konterte. Aus der Favoritengruppe schälte sich ein Quartett mit Nibali und Quintana heraus. Dumoulin hatte jetzt das Nachsehen. Auf dem Gipfel des Umbrailpasses betrug sein Rückstand auf Nibali und Quintana 2:10 Minuten; 10 Sekunden weiter vorn war der letzte der Ausreisser, Sky-Fahrer Mikel Landa.

Bergab fuhr Nibali auf Landa auf. Quintana kämpfte etwa 10 Sekunden dahinter um Anschluss. Dumoulin hielt jetzt den Rückstand stabil auf 2:20 Minuten, was ihm die Verteidigung der Gesamtführung ermöglichen würde. 6 Kilometer vor dem Ziel hatte er jedoch erstmals seinen Vorsprung aufgebraucht.

Aufholjagd von Mitfavoriten gestoppt

Quintana war virtueller Gesamtführender. Zugleich baute aber auch Nibali seinen momentanen Vorsprung auf Quintana aus. 59 Sekunden lag der Bahrain-Merida-Profi im Gesamtklassement zu Beginn der Etappe hinter dem Kolumbianer. Ein Dreikampf um das rosa Trikot entbrannte – mit Nibali als Jäger, Quintana als jagendem Gejagten und Dumoulin als Beute, die sich nicht fangen lassen wollte.

Nibali gewann schliesslich den Zielsprint um den Etappensieg gegen Landa. In der Gesamtabrechnung blieb aber Quintana vor ihm. Für Dumoulin lief währenddessen die Uhr herunter. Bei 2:17 Minuten Rückstand blieb sie stehen. Der Sunweb-Profi hatte damit sein rosa Trikot verteidigt. Er führt mit 31 Sekunden vor Quintana und 1:12 Minuten vor Nibali. Der Giro ist offen – und er hat drei Helden von je eigenem Stil hervorgebracht.

100. Giro d’Italia

16. Etappe, Rovetta–Bormio (222 km): 1. Nibali (ITA) 6:24:22. 2. Landa (ESP), gleiche Zeit. 3. Quintana (COL) 0:12 zurück. 4. Pozzovivo (ITA) 0:24. 5. Sakarin (RUS) 0:34. 6. Formolo (ITA) 1:26. 7. Mollema (NED) 1:35. 8. Jungels (LUX) 1:35. 9. Yates (GBR). 10. Pinot (FRA). Ferner: 12. Kruijswijk (NED), alle gleiche Zeit. 13. Dumoulin (NED) 2:18. 17. Reichenbach (SUI) 6:07. 40. Dillier (SUI) 22:27. 66. Morabito (SUI) 33:08. – 174 Fahrer gestartet, 169 klassiert. Aufgegeben u. a.: Bennati (ITA), Elissonde (FRA) und Hermans (BEL). Nicht gestartet u. a.: Bonnet (FRA).

Gesamtklassement: 1. Dumoulin 70:14:48. 2. Quintana 0:31. 3. Nibali 1:12. 4. Pinot 2:38. 5. Sakarin 2:40. 6. Pozzovivo 3:05. 7. Mollema 3:49. 8. Jungels 4:35. 9. Kruijswijk 6:20. 10. Yates 7:00. Ferner: 17. Reichenbach 25:20. 52. Morabito 1:26:25. 61. Dillier 1:35:22.