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Giulia Steingruber besiegt die Zweifel

Die 25-jährige Gossauerin ist neun Monate nach ihrem Kreuzbandriss überzeugt, dass sich die Rückkehr lohnt. Und dass sie es zurück an die Weltspitze schafft.
Etienne Wuillemin, Magglingen
Giulia Steingruber ist auf dem Weg zu ihrem Comeback. (Bild: Urs Lindt / Freshfocus, Magglinen, 2. April 2019)

Giulia Steingruber ist auf dem Weg zu ihrem Comeback. (Bild: Urs Lindt / Freshfocus, Magglinen, 2. April 2019)

Was ist das Schöne am Kunstturnen? Als Giulia Steingruber die Frage hört, beginnt sie sanft zu lächeln. Sie überlegt einen Moment, sagt dann: «Kunstturnen ist Kraft und Eleganz in einem. Der Sport hat etwas Schwungvolles. Es ist ein Spielen mit dem Publikum, bietet die Möglichkeit, sehr oft an die eigene Grenze zu kommen. Oder die Grenze sogar zu überschreiten. Und dieses Gefühl ist grossartig.»

Es ist ein schöner Frühlingstag in Magglingen. Steingruber sitzt auf der Tribüne der Trainingshalle. Am liebsten würde sie sich in diesen Tagen auch den letzten Schliff holen vor der EM, die kommende Woche beginnt. Wie ihre Teamkollegen, die gerade mit der nächsten Einheit beginnen. Aber das geht nicht. Noch ist es für Steingruber zu früh, um wieder Wettkämpfe zu bestreiten.

Am 8. Juli 2018 hat sie sich das Kreuzband im linken Knie gerissen. Bald neun Monate sind seither vergangen. Es waren schwierige Monate, in denen es auch um grundsätzliche Fragen ging. Zum Beispiel: Gelingt es, je wieder an die Weltspitze zurückzukehren?

Nächstes grosses Ziel: Olympische Spiele 2020

Steingruber, eben erst 25 Jahre alt geworden, hat in der langen Pause für sich eine Antwort gefunden. «Ich will das Buch ‹Kunstturnen› noch nicht schliessen. Ich habe noch grosse Ziele. Und ich möchte nicht als Athletin in Erinnerung bleiben, die nach einem Rückschlag aufgibt.» Um zu diesem Schluss zu kommen, musste Steingruber lernen, die Zweifel zu besiegen. Sie musste lernen, Schritt für Schritt mehr Ver­trauen in ihr Knie zu fassen. Es gab während der Rehabilitation keinerlei Komplikationen oder Rückschläge.

Doch das Knie braucht Zeit, um sich wieder an den Spitzensport zu gewöhnen. «Die letzten Reste an Zweifel sind wohl erst dann ausgeräumt, wenn ich meine Übungen am Boden und am Sprung voll durchziehen und machen kann.» Steingruber ist zuversichtlich, dass dies bald passieren wird.

Das erste Ziel lautet nun: WM im Oktober in Stuttgart. Das Fernziel: Tokio 2020. An den Olympischen Spielen will Steingruber ihre Grenzen noch einmal versetzen. Sie sagt: «Wenn ich das Gefühl hätte, ich würde nicht mehr so gut turnen können wie in der Vergangenheit, dann könnte ich mir den ganzen Aufwand sparen. Aber ich bin überzeugt davon, dass es sich lohnt. Und, dass ich es zurück an die Weltspitze schaffe.» Das Traumszenario sieht vor, dass nach Bronze am Sprung 2016 eine weitere Olympiamedaille dazukommt.

Mit der vielen Zeit nichts anfangen können

Die schwierigsten Wochen waren für Steingruber jene direkt nach der Operation. Um der Welt ein bisschen zu entfliehen, fuhr sie mit ihren Eltern einige Tage ins Südtirol. Sie musste an Stöcken gehen, fühlte sich unselbstständig. Und plötzlich wusste sie nicht mehr, was sie anfangen sollte mit der vielen Zeit. «Manchmal hatte ich auch Angst, dass ich meine Motivation nicht mehr wiederfinde», blickt sie zurück.

Steingruber musste sich an kleinen Erfolgen festhalten. Das erste Mal von einem Stuhl aufstehen ohne Schmerzen. Joggen ohne Schmerzen. Schritt für Schritt näherte sie sich dem Alltag. Dass die Untersuchungen bei den Ärzten stets positive Ergebnisse liefern, hilft ihr. Schritt für Schritt darf sie wieder mit Training beginnen. Immer wieder absolviert sie auch Mentaltraining.

Ihr Trainer Fabien Martin muss sie ab und zu bremsen. «Manchmal will sie zu viel», sagt er. Ein Spitzensportler-Körper mag es nicht, so lange auf Wettkampfadrenalin zu verzichten. «Ich bin jedenfalls froh, bremsen sie mich. Ich bin zu ungeduldig mit mir selbst», sagt Steingruber.

Ihr Trainer denkt bereits über die nächsten Jahre hinaus, hätte sie am liebsten noch bis Olympia 2024 im Team. «Mal schauen», sagt Steingruber selbst und lacht, «so weit denke ich noch nicht voraus». Für sie zählt vorerst die Rückkehr in den Wettkampfalltag. Spätestens an den Schweizer Meisterschaften im September soll es so weit sein.

Im Sport soll das Glück bald zurückkommen. Privat hat es die St. Gallerin bereits gefunden. Steingruber ist frisch verliebt. Alan Ulmann (23) heisst ihr Freund, auch er hat ein Faible für den Sport, fährt Motocross.

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