Kolumne

Glaube Fussball oder «Il nostro accordo»

Der Stadionspeaker verkündet das Wort Fussball.

Turi Bucher
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Es ist schon rund 45 Jahre her, da musste mein samstagabendlicher Gang in die St.-Anton-Kirche der Fussball-Bundesliga weichen. Denn immer, wenn die Glocken, die uns riefen, auszuklingen begannen und die Kirche sich gefüllt hatte – damals war das noch so – ertönte daheim in der guten Stube die Sportschau-Musik aus dem schwarz-weiss flimmernden TV-Kasten.

Unsere italienische Mama, streng katholisch, hatte nur ein bedingtes Einsehen. Der Deal, der Handel, «il nostro accordo» lautete: Also gut, Samstagabend Sportschau, dann aber am Sonntagmorgen um 10 in die Messe, «alla chiesa».

Das ging den ganzen Spätherbst und Winter lang jeden Sonntagmorgen gut. Die Mama, deren Augen mir vom Schlafzimmerfenster aus kontrollierend folgten, durfte die Fensterläden jeweils beruhigt schliessen. Ich ging brav zur Kirche.

Doch dann kam der Frühling. Die Glocken wiesen wie gewohnt läutend der gesamten Pfarrgemeinde den Weg rechter Hand zur Kirche hoch; linker Hand aber füllte sich auf dem Sportplatz die Tribüne zum 2.-Liga-Fussballspiel, wo der Match zur selben Zeit angepfiffen wurde, wie weiter oben die geübten Finger des Kantors die Orgel zum erklingen begannen.

So kam es, dass ich im Angesichte des Herrn den rechten Weg verlor und kurz vor 10 Uhr morgens jeweils nach links abbog. Ja, fortan lauschte ich nicht mehr der Predigt von der Kanzel, sondern dem Stadionspeaker, der das Wort Fussball verkündete. Das Kassenhäuschen ersetzte den Beichtstuhl, das Matchprogramm das Gebetbuch, der Hotdog den Leib Gottes.

Es dauerte nur einen Sieg und eine Niederlage des FCK lang, bis meine geliebte Mama «Fussball statt Kirche!» von den Nachbarsbuben zugeflüstert bekam. Zur Rede gestellt, konnte ich natürlich die Predigt oder den Sinn der Kanzelworte nicht aufsagen, allein wer in der 76. Minute das 2:0 geköpfelt hatte. «Non dovresti mentire – du sollst nicht lügen», sagte die Mama strengen Blickes, welcher dann aber einem Schmunzeln wich. Ein Schmunzeln, das Kapitulation signalisierte. Fortan war für die Mama auch mein linker Weg irgendwie der rechte.

Im Namen des Torhüters, des Liberos und des heiligen Mittelstürmers gilt seither das Gebot und der Glaube Fussball.