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GROSSERFOLG: Baby-Federer macht Ernst

Nach dem Sieg bei den ATP-Finals steht Grigor Dimitrow auf Rang 3 der Weltrangliste. Der oft mit Roger Federer verglichene Bulgare scheint sich eine professionellere Einstellung zugelegt zu haben.
Jörg Allmeroth
Fokussierter und erfolgreicher als je zuvor: Grigor Dimitrow. (Bild: Tim Ireland/Keystone (London, 19. November 2017))

Fokussierter und erfolgreicher als je zuvor: Grigor Dimitrow. (Bild: Tim Ireland/Keystone (London, 19. November 2017))

Jörg Allmeroth

sport@luzernerzeitung.ch

Wenn in den letzten Jahren der Name Grigor Dimitrow (26) im Welttennis fiel, dann war das meist mit Scheitern verbunden. Mit unnötigen Niederlagen, ungestillten Hoffnungen und einem Etikett, das ihm als Last aufgepappt war: Baby-Federer. Dimitrow wirkte zwar wie eine jüngere Ausgabe des Schweizer Maestro, er ist ein Ästhet am Ball, geschmeidig, elegant, kunstvoll. Doch nie hatte er bisher den Biss, die Power, die Professionalität von Federer. So folgte Dimitrow der Ruf des «Underperformers» auf Schritt und Tritt, der Ruf eines Mannes, der wenig bis nichts aus seinen Potenzialen machte. Und der in den ganz grossen Schlagzeilen gewissermassen nur als Akteur mit der besten Nebenrolle auftauchte, als Lebensgefährte einst von Superstar Maria Scharapowa und zuletzt von Ex-Pussycat-Dolls-Sängerin Nicole Scherzinger.

Aber nun hatte ausgerechnet dieser Dimitrow das letzte machtvolle Wort der Tennis-Serie 2017 – bei der Londoner Weltmeisterschaft der Berufsspieler. «Mir fehlen gerade die Worte. Was sonst nur selten passiert», sagte Dimitrow, als er sich mit einem 7:5, 4:6, 6:3-Sieg über den Belgier David Goffin zum Champion beim wichtigsten Turnier neben den vier Grand Slams gekürt hatte. Der Triumph führte auch zu einer interessanten Momentaufnahme in der Tennis-Hackordnung: Denn dort hat sich Dimitrow jetzt hinauf auf Platz 3 aufgeschwungen, gleich hinter den Granden Rafael Nadal und Roger Federer.

Ein unberechenbares Tennisjahr

Oft hatte Dimitrow die Gunst des Augenblicks nicht nutzen können, die Chance eines Durchbruchs. Doch bei diesem sehr erstaunlichen WM-Turnier behielt er in den Wettkampf-Turbulenzen letztlich klaren Kopf und stiess auch in das Vakuum hinein, das durch Formschwäche mancher Akteure, die Abwesenheit einiger Topleute und auch eine gewisse Ermattung bei Federer entstanden war. Dimitrow war indes keineswegs ausschliesslich der Profiteur der anderen, sondern auch mit Spitzenvorstellungen ein selbstbestimmter Gewinner. Als es darauf ankam, auch im Endspiel, überwand er flatterhafte Augenblicke und ging mit einem energischen Schlussspurt als Erster über die Ziellinie.

Alle, die bei diesem Final vertreten waren oder als prominente Abwesende beklagt wurden, werden zusammen mit dem neuen Weltmeister auch nächstes Jahr ­ in der grossen Tennis-Rechnung vertreten sein. Die grosse Frage, die sich für und um Dimitrow stellt, ist simpel: War dieser Sieg in London ein Durchbruch-Moment? Oder war das alles nur ein Einmal-Effekt, ohne Echo, ohne Nachhaltigkeit? Schwer zu sagen, aber Dimitrow scheint nach Jahren der nicht immer übermässig gross ausgeprägten Ernsthaftigkeit nun doch eine seriösere Einstellung zu seinem Beruf gefunden zu haben. «Nichts ist motivierender und beflügelnder als der grosse Erfolg, als ein Titel wie dieser in London», sagte der Bulgare am Sonntagabend.

Hinzu kommt: Mit seinen 26 Jahren hat Dimitrow in einem Tourgeschäft, in dem sich die Karrierehorizonte dramatisch verändert haben, die besten Jahre potenziell noch vor sich. Man kann Dimitrows Situation gut mit der des anderen Schweizer Weltklasseprofis Stan Wawrinka vergleichen: Jahrelang war er der Schattenmann Federers. Bis er mit 28 Jahren seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann und diesem Erstlingswerk noch zwei weitere Major-Pokalsiege hinzufügte. «Ich bin sicher, dass ich noch viele gute Jahre vor mir habe», befand Dimitrow in der Stunde des Londoner Erfolgs.

Er wird jedenfalls auch zu denen gehören, die im mittleren Alter ihrer Karriere stehen und den Vormarsch der Next-Gen-Spieler um Alexander Zverev einbremsen wollen. Viele hatten zuletzt vorhergesagt, die Nachfolger für den 36-jährigen Federer und all die anderen Ü30-Grössen wie Djokovic, Murray, Nadal oder Wawrinka kämen aus der Gruppe der Anfangszwanziger. Dimitrow zählte in dieser Theorie zur verlorenen Generation, zu den Möch­tegern-Champions. Das Tennisjahr 2017 könnte diese Denkspiele über den Haufen werfen. Mit Dimitrow muss ab jetzt gerechnet werden, auch dann, wenn es um die kostbarsten Trophäen im Welttennis geht.

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