Kolumne

Gschobe: Freiburg-Trainer Christian Streich hat ein Bundesverdienstkreuz verdient

Sie stammen aus dem gleichen Dorf im Appenzellerland, sind zwischen 47 und 50, treffen sich einmal pro Woche und jassen oder spielen Boule. Pius, Qualitätsmanager, Appenzell David, Lehrer, Speicher AR Tobias, Consultant, Zürich Flavio, Sozialarbeiter, Kirchberg SG François, Journalist, Windisch.

François Schmid-Bechtel
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Schnelle Versöhnung: Opfer Christian Streich (rechts) und Täter David Abraham. (Bild: Keystone)

Schnelle Versöhnung: Opfer Christian Streich (rechts) und Täter David Abraham. (Bild: Keystone)

Tobias: Sieben Wochen. Nur sieben Wochen. Kuscheljustiz! Skandal! Das ist doch lächerlich.
Flavio: Wo von sprichst du?
Tobias: Von der Sperre gegen den Frankfurter Verteidiger David Abraham. Er hatte in der Nachspielzeit den Freiburger Trainer Christian Streich übel gerammt. Mit voller Absicht über den Haufen gerannt, als er dem Ball im Seitenaus hinterherjagte.
Flavio: Ich weiss, ich habs gesehen. Aber ich halte das Urteil nicht für zu milde.
David: Ich auch nicht. Hat sich ja keiner ernsthaft verletzt. Selbst das Opfer, also Streich, wünschte kurz nach dem Vorfall, dass man die Sache schnell runterfährt.
Pius: Verständlich. Abraham wird dem Streich noch ins Ohr geflüstert haben: Pass auf, ich weiss, wo deine Regentonne badet.
Flavio: Was ist denn das für ein Scheiss?

Pius: Im ernst jetzt! Wenn wir Verständnis aufbringen für Attacken wie jene von Abraham gegen den gegnerischen Trainer, der notabene nichts falsch gemacht hat, werden die Grenzen des Fairplays noch viel häufiger überschritten.
François: Ich glaube nicht, dass es unter uns zwei Meinungen darüber gibt, ob Abraham einen Fehler gemacht hat.
David: Einverstanden. Aber über das Strafmass kann man sehr wohl diskutieren. Trotz Videoschiedsrichter kommen Spieler immer wieder glimpflich davon, obwohl sie mit ihren Aktionen riskieren, den Gegenspieler für Wochen, ja sogar Monate, ausser Gefecht zu setzen. Ich denke beispielsweise an das Tackling des Baslers Bua gegen den Zürcher Sohm. Die gefährliche Aktion wurde auch nachträglich nicht sanktioniert. Vor diesem Hintergrund erscheint die siebenwöchige Sperre gegen Abraham wie eine Gefängnisstrafe fürs Schwarzfahren.

Tobias: Streich hätte sich beim Sturz nach Abrahams Bodycheck durchaus verletzen können.  
Flavio: Ach was! Er ist doch sofort wieder aufgestanden.
François: Was weniger ein Ausdruck seiner körperlichen Verfassung sondern seines Sportsgeists ist. Ich habe schon Trainer gesehen, die haben sich hingelegt und am Boden gewindet, obwohl die Kopfnuss des gegnerischen Spielers nur angedeutet war.

David: Ja, in dieser Geschichte gilt es einen Protagonisten besonders hervorzuheben: Christian Streich. Er ist das Opfer, das sich partout weigert, das Opfergewand überzustreifen. Er ist der Trainer, dem Personenkult zuwider ist und vielleicht gerade deswegen Kult ist.
Flavio: Ein wahrhaft grosser Trainer. Wer je daran gezweifelt hat, tut es spätestens seit diesen Tagen nicht mehr. Streich hätte zu Recht Zeter und Mordio schreien können. Doch was tut er? Er sagt: «Der David isch wild, alli vo Frankfurt sin wild. Aber wenn si nit so wild wäre, denn hätte si au nit so viel Erfolg.» Und: «Aber es isch alles guet, des isch kei Schtory wert. D’ Schultere het ghalte, i bin ja au stabil.» Und: «De David isch kei böse Mensch, er isch än nette Kerl.»
François: Der Streich schafft es mit seinen Auftritten, dass man das Brimborium, dieses aufgeblasene, gekünstelte hollywoodeske Bundesliga-Getue ausblendet.
David: Dem Streich müsste man das Bundesverdienstkreuz verleihen.
Pius: Wofür?
David: Auf die Gefahr, dass es unspektakulär tönt: für seinen Mut zur Authentizität.