HALLENHOCKEY: «Ich lebe meinen Traum»

Der Luzerner SC verteidigt am nächsten Wochenende im Heimturnier den Meistertitel. Sein Trumpf: German Augusto Machelett – ein Profi aus Argentinien.

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German Augusto Machelett soll dem Luzerner SC auch auf internationaler Ebene helfen. (Bild Manuela Jans-Koch)

German Augusto Machelett soll dem Luzerner SC auch auf internationaler Ebene helfen. (Bild Manuela Jans-Koch)

Stephan Santschi

Bruno Affentranger geht für seine Leidenschaft Landhockey gerne auf Reisen. So kam es, dass sich der Präsident und Sportchef des Luzerner SC im letzten Jahr in Cagliari wiederfand, um sich Spiele der italienischen Liga anzusehen. Dabei stach ihm ein Akteur besonders ins Auge: German Augusto Machelett. «Er bringt alles mit, was ein Hockeyspieler haben muss. Seine Technik ist fantastisch, er ist aggressiv, und er pusht seine Mitspieler. Er lebt jeden Tag vor, was es für den Erfolg braucht», schwärmt Affentranger. Da er den Präsidenten von Macheletts italienischem Verein kennt, entschied er sich kurzerhand für eine Ausleihe. Damit stiess er auch beim 25-jährigen Profispieler auf offene Ohren. Im Gegensatz zu Italien, wo im Winter nur trainiert wird, findet in der Schweiz nämlich eine Hallen-Meisterschaft statt. «Erst dreimal in meinem Leben habe ich vorher Indoor-Hockey gespielt. Im Vergleich zu Landhockey gibt es schon einige Unterschiede», erzählt Machelett und nennt seinen Abstecher nach Luzern ebenso wie Affentranger «ein Abenteuer».

Machelett staunt über Luzern

Begonnen hat es im letzten Dezember. Mittlerweile schwärmt Machelett von der Schönheit Luzerns, die sich ihm bei Spaziergängen mit Freundin Sofia wie aus dem Bilderbuch präsentiere. Er staunt über die Tatsache, dass die Menschen stehen bleiben, wenn die Ampel rot zeigt, über die Pünktlichkeit der Busse und über die Sicherheit. «Ich muss nicht ständig aufpassen, dass mir keiner das Handy oder die Tasche stiehlt. Das ist in meiner Heimat ganz anders.»

Nicht zuletzt lobt Machelett die neuen Teamkollegen, die ihn gut aufgenommen hätten. Immer mehr avanciert er für sie zu einem Leistungsträger. Am letzten Wochenende zeitigte die Zusammenarbeit einen ersten Erfolg: In Zürich qualifizierten sich die Luzerner für das Finalturnier der besten vier Teams, das am kommenden Wochenende in der Maihofhalle ausgetragen wird. Damit kann der LSC seinen Meistertitel in der Halle vor eigenem Publikum verteidigen. Es ist aber in erster Linie nicht die nationale Herausforderung, die Affentranger zu diesem Transfer bewogen hatte. Im Fokus steht vielmehr, was sich am Wochenende des 12. bis 14. Februar in Hamburg ereignen wird. Dann werden die Luzerner im Hallen-Europacup um den Ligaerhalt kämpfen. Ein sehr schwieriges Unterfangen, weil man sich als Amateure gegen Profis zur Wehr zu setzen habe.

Tattoos mit viel Bedeutung

Profi Machelett soll den LSC im internationalen Vergleich also konkurrenzfähiger machen. Doch wie kann sich der LSC einen Spieler dieses Formats leisten? «Weil wir ihn nur ausgeliehen haben. Er macht bei uns Ferien, wohnt bei mir oder in der Wohnung eines Geschäftsfreundes. Wir bezahlen Kost und Logis», erklärt Affentranger.

Buenos Aires verlassen, um erstmals in Europa professionell Landhockey zu spielen, hat Machelett im letzten September. «Dieser Sport ist für mich eine Art zu leben. Ich lebe derzeit meinen Traum», erzählt der nur 1,60 Meter grosse, aber sehr kräftige Athlet. Was ihm sein Stammklub Ducilo im Bezirk Berazategui im Süden von Buenos Aires bedeutet, offenbart sich, wenn Machelett sein Trikot auszieht. Auf dem rechten Schulterblatt hat er sich das Vereinslogo eintätowieren lassen. «Alle in meiner Familie spielen Landhockey», erzählt der sympathische Italo-Argentinier. Seine Mutter habe noch gespielt, als sie mit ihm schwanger war, «vor jedem Wochenende ging sie von neuem zum Arzt, um sich die Spielerlaubnis zu holen», sagt Machelett und fügt schmunzelnd an: «Ich bin sozusagen mit dem Stock in der Hand auf die Welt gekommen.»

Am linken Arm verraten weitere Tattoos, was ihm wichtig ist. Sechs Rosen verkörpern die Liebe zu seinem Vater, seiner Mutter, seiner Freundin, seinem Bruder und den Grosseltern. Darüber stehen die Worte «disfruta la vida», was aus dem Spanischen übersetzt so viel bedeutet wie: «Geniesse das Leben.» Und dann findet sich auf seiner Haut noch das Bild eines Totenschädels. «Ein mexikanisches Symbol in Anlehnung an das Fest der Toten. Das ist kein trauriger Anlass, sondern er soll an das Leben erinnern», erzählt Machelett.

Der Traum von Indien

Was er in seinem Leben als Landhockey-Profi noch erreichen will, hat er klar vor Augen. «Die Teilnahme an der Hockey India League.» Sie gilt als das Lukrativste, was ein Hockeyspieler erreichen kann. Indische Unternehmen engagieren für diese sechswöchige Meisterschaft die besten Spieler und zahlen dafür Entschädigungen bis zu über 100 000 US-Dollar. Ein Vielfaches im Vergleich zum bescheidenen Gehalt, das Machelett bei seinem Klub in Cagliari verdient.

Am 17. Februar, nach dem Europacup-Turnier in Hamburg, wird er wieder nach Italien zurückkehren. Im Juni, wenn dort die Meisterschaft zu Ende ist, reist er heim nach Argentinien. Nicht mit dem Plan, sein Kunstlehrerstudium fortzuführen, sondern mit der Absicht, im Herbst nach Europa zurückzukehren. «Vielleicht nach Luzern, um mit uns Landhockey zu spielen», sinniert LSC-Präsident Bruno Affentranger. Er weiss, dass er dann für Machelett eine Lohnsumme generieren müsste. «Das wäre schwierig. Doch vielleicht ist das hier ja der Beginn einer wunderbaren Geschichte.» Und damit mehr als nur ein Abenteuer.