HANDBALL: Der Lohn für den mühsamen Aufstieg

Andy Schmid ist Führungsspieler des europäischen Topteams Rhein-Neckar Löwen. Beim Besuch unserer Zeitung gibt der Luzerner einen Einblick in den ungewöhnlichen Alltag.

Stefan Klinger, Heidelberg
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Einer seiner Lieblingsorte: Andy Schmid am Neckarufer gegenüber der Heidelberger Altstadt, die er liebt und mit Luzern vergleicht. (Bild Stefan Klinger)

Einer seiner Lieblingsorte: Andy Schmid am Neckarufer gegenüber der Heidelberger Altstadt, die er liebt und mit Luzern vergleicht. (Bild Stefan Klinger)

Der letzte Abend hat seine Spuren hinterlassen. Es ist der Morgen nach dem 32:31-Heimsieg gegen den HSV Hamburg, als Andy Schmid in einem Café am Heidelberger Bahnhof sitzt. Nach einem Spiel vor 10 609 lautstarken Zuschauern. Nach einem Spiel, in dem der HSV Bruchteile einer Sekunde nach dem Abpfiff noch den Ausgleich erzielt hatte und es zunächst einige Momente der Verwirrung gab, bis dieser so wichtige Erfolg der Rhein-Neckar Löwen feststand. Dieser Sieg, der das Team des 30-jährigen Luzerners weiter an den Gewinn der deutschen Meisterschaft, an den Titel in der stärksten Liga der Welt glauben lässt. Ein Handball-Match, wie er intensiver, emotionaler kaum hätte sein können. Entsprechend gerädert nippt Schmid an seinem Espresso und seiner Apfelschorle. Die Muskeln zwicken an allen erdenklichen Stellen. Die Müdigkeit ist ihm ins Gesicht geschrieben. Erst gegen 3 Uhr hatte sein Körper dieses Spiel zumindest mal so weit verarbeitet, dass er endlich einschlief. Und dennoch ist Andy Schmid rundum glücklich – weil er zurzeit seinen Traum lebt.

Woche für Woche gegen Topklubs

Es ist das Wort «geil», das Schmid immer wieder über die Lippen kommt, wenn er über seinen Alltag spricht. Oder besser gesagt: schwärmt. Wie geil es ist, innerhalb von fünf Wochen gegen fünf der acht besten Teams der Welt anzutreten. Gegen THW Kiel, HSV Hamburg, SG Flensburg-Handewitt, FC Barcelona, KS Vive Kielce zu spielen, kurzum: sich mit den Besten der Besten zu messen – und meistens auch zu bestehen. Zwar schieden die Rhein-Neckar Löwen im deutschen Pokal im Halbfinal aus und scheiterten in der Champions League im Viertelfinal auf dramatische Weise, weil Barcelona auswärts mehr Tore erzielt hatte. Dafür ist der Klub, mit dem Schmid seit seinem Wechsel im Sommer 2010 je einmal EHF-Pokalsieger wurde und im Halbfinal der Champions League stand, im Titelrennen voll dabei.

Er schwärmt von den Emotionen, die ihm Spiele wie das gegen den HSV bescheren, von denen er noch Tage danach zehrt. Er erzählt begeistert, über was für eine professionelle Infrastruktur der Klub verfügt, der in Kronau (eine 25-minütige Autofahrt südlich von Heidelberg gelegen) sein Trainingszentrum hat und in der riesigen, modernen Mannheimer SAP-Arena die Heimspiele austrägt. Über die sechs Festangestellten zum Beispiel, die immer alles so perfekt organisieren, dass er sich einzig und allein auf seinen Sport konzentrieren kann. Und er spricht stolz darüber, dass er im Jahr 2014 einer der wichtigsten Spieler dieses internationalen Topteams ist. «Es ist auch eine Genugtuung für mich, dass ich es gepackt habe», sagt Schmid.

Schwieriger Start in Deutschland

Denn so sehr nun die Sonne über Andy Schmid scheint, es gab auch die Zeit, in der dunkle Wolken über seiner Handballkarriere schwebten. Es fehlte nicht viel, und der Luzerner hätte sich aus der Bundesliga zurückgezogen, bevor sein Aufstieg zu «einem der weltbesten Mittelmänner», wie ihn Nationalcoach Rolf Brack bezeichnet, überhaupt erst begann. Es war 2011, als sich Schmid ernsthaft überlegte, ob das hier in Heidelberg überhaupt noch alles einen Sinn ergibt. Ob das alles in Deutschland überhaupt eine Zukunft hat.

Nach Jahren in der Schweiz, wo es immer nur bergauf gegangen war, wechselte er nach Dänemark. Entgegen der Meinung von vielen Besserwissern, die ihn lieber direkt in die Bundesliga schicken wollten. «Es haben mir damals einige gesagt, dass ich einen Fehler mache, wenn ich nach Dänemark gehe», blickt Schmid zurück, «aber das war genau der richtige Schritt. Weil der Schritt aus der Schweizer in die dänische Liga gross genug war und ich auch noch nicht so weit war, wie ich es heute bin.»

Also Dänemark. Dort zeigte er bei Bjerringbro-Silkeborg so starke Leistungen, dass ihn die Rhein-Neckar Löwen schon nach einer Saison aus seinem Dreijahresvertrag herauskauften und ihm einen Vierjahresvertrag gaben.

Doch genau damit begann die unschöne Zeit. All die Vorschusslorbeeren und die für ihn bezahlte Ablösesumme setzten ihn unter Druck. Und als es dann auch auf dem Handballfeld nicht mehr automatisch rund lief, kam eines zum anderen. Es funktionierte immer weniger bei ihm. Irgendwann war Schmid so von der Rolle, dass er bei den Spielen nicht einmal mehr auf der Bank – sondern dahinter sass. «Ich habe mir Videos von den Spielen angeschaut und gemerkt, dass das nicht mehr ich bin. Ich bin kein Risiko mehr eingegangen und habe mich im Spiel nicht mehr von meiner Intuition leiten lassen», erinnert sich Schmid, «am Ende hat dann alles darunter gelitten, auch das Privatleben. Daher habe ich mir im Sommer 2011 gesagt: Ich gebe mir noch eine Saison. Wenn es dann nicht klappt, gehe ich.»

Mit flauem Gefühl zu den Trainings

Und es hat geklappt. Nicht weil man besonders einfühlsam mit ihm gewesen wäre und ihn langsam wieder aufbaute. «Wenn du in der Bundesliga die Nummer 14 im Kader bist, werden mit dir keine Einzelgespräche geführt», verdeutlicht er. Dann gibt es nur eines: Kämpfe dich allein zurück ins Team – oder es kommt der Nächste. Doch Schmid bestand den Härtetest und gehört nun zu den grossen Stützen im Team. «Im Nachhinein war diese Zeit eine wertvolle Erfahrung und gut für meine Entwicklung. Aber damals war es echt grausam. Wenn du zu den Trainings mit einem flauen Gefühl im Magen gehst und bei deinen kurzen Einsätzen im Spiel verkrampfst, weil du alles auf einmal zeigen willst», sagt Schmid, hält kurz inne und fügt dann freudig hinzu: «Es ist schöner, wenn es so läuft wie jetzt – wenn du gebraucht wirst.»

Und so läuft bei Schmid zurzeit alles nach Wunsch. Er, der in Zürich geboren wurde, als Sechsjähriger nach Luzern zog und in den hiesigen Juniorenteams spielte, bevor er in die NLA zu den Grashoppers und später zu Amicitia wechselte, spielt Handball auf höchstem Niveau. Und wenn er das Handballfeld verlässt, fühlt er sich auch rundum wohl.

Rückkehr nach Luzern gut möglich

Mit seiner aus Norwegen stammenden Freundin Therese und dem gemeinsamen, knapp zweijährigen Sohn Lio wohnt er im Heidelberger Stadtteil Neuenheim. Er geniesst es, mit seinem Filius am Nachmittag vor dem Match Lego zu spielen, dadurch auf andere Gedanken zu kommen und dann völlig entspannt zum Spiel zu gehen. Er liebt die Spaziergänge am nahen Neckarufer mit seinem Hund Kobe, benannt nach dem Basketballstar Kobe Bryant. Er kümmert sich leidenschaftlich um den auf Socken spezialisierten Online-Handel, den er mit Ex-Teamkollege Marko Vukelic und seinem aktuellen Mitspieler Uwe Gensheimer aufgebaut hat: «U and Woo», eine Firma, die die drei Handballer nicht nur besitzen, sondern für die sie auch selbst als Model im Einsatz sind. Und er schaut gerne mal bei den Nachbarn vorbei – seinem norwegischen Teamkollegen Bjarte Myrhol und dessen Frau.

Und trotzdem befasst sich der 30-Jährige immer intensiver mit einer Rückkehr in die Schweiz. Auch wenn er noch einen Vertrag bis 2016 besitzt, bei dem er allerdings 2015 ablösefrei in die Schweiz wechseln kann. «Ich möchte noch eine Weile in der Bundesliga spielen. Ich will, dass mein Sohn realisiert, dass ich vor 10 000 Fans spiele – und das wird noch ein, zwei Jahre dauern, bis er alt genug dafür ist», sagt Schmid, «aber ich will auch noch in der Schweiz spielen, solange ich eine prägende Figur sein kann. Ich will nicht als 36-Jähriger von den 21-Jährigen ausgetanzt werden.» Zu welchem Verein es ihn dann zieht, weiss er noch nicht. Nur so viel ist sicher: Es muss ein Klub sein, mit dem er Titelchancen hat. Langfristig scheint Andy Schmid schon klarer zu sehen. «Die Chance ist gross, dass ich eines Tages wieder in Luzern wohne», sagt er. Vielleicht ist er dann ja nicht mehr als Spieler aktiv – aber als Trainer oder Manager eines Handballklubs.