HANDBALL: HCK hat noch mehr Potenzial

Kriens-Luzern zog im letzten Moment den Kopf aus der Schlinge, spielt im Frühjahr in der Finalrunde. Wir wagen eine Auslegeordnung – Vereins-CEO Nick Christen repliziert.

Roland Bucher
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Drei Bausteine des Erfolgs bejubeln die Finalrunden-Qualifikation (von links): Boris Stankovic, Luca Spengler und Torhüter Roman Schelbert. (Bild Dominik Wunderli)

Drei Bausteine des Erfolgs bejubeln die Finalrunden-Qualifikation (von links): Boris Stankovic, Luca Spengler und Torhüter Roman Schelbert. (Bild Dominik Wunderli)

Die Qualifikations-Mühsal

Die Bilanz fällt sehr durchzogen aus. Kriens bugsierte sich am Mittwoch mit einem letzten Kraftakt zwar in die Finalrunde, doch die Überzeugungskraft in den 18 Qualifikations-Partien war nicht von berauschender Qualität. Merkwürdig: Der HCK gewann gegen jeden der neun Widersacher mindestens einmal – nur an Dominator Pfadi Winterthur und, ausgerechnet, Aufsteiger und Klassen-Schlusslicht Suhr war kein Vorbeikommen. Diese Konstellation deckt die Sensibilität, die immer wieder sicht- und spürbaren Verunsicherungen des Teams auf. Kriens war weniger konstant, um nicht zu sagen schmalbrüstiger als letzte Saison. Das ist, im Sinne der vom Verein postulierten Vorwärtsstrategie, ein schlechtes Zeugnis.

Nick Christen, CEO HC Kriens-Luzern: Richtig ist: Die Berg-und-Tal-Fahrt war sehr böig. Aber wissen Sie was: Wer hätte gedacht, dass in der Fussball-Bundesliga Dortmund derart in die Bredouille gerät? Wir stecken immer noch in einem Lernprozess.

Die Saison-Perspektiven

Kriens tritt im Februar beim Start in die Finalrunde keine Reise ins Schlaraffenland an. Drei Punkte Rückstand auf Rang 4 (berechtigt zur Playoff-Teilnahme) sind zwar wenig, aber nicht nichts. Die Liga ist stärker, ausgeglichener geworden. An Pfadi Winterthur, Schaffhausen, Wacker Thun ist kein Vorbeikommen. St. Otmar, Amicitia oder Kriens: Wer holt sich das vierte Playoff-Ticket ab? Der HCK ist nur Aussenseiter – wenn er sich weiterhin unerklärlicher Flausen erfrecht. Kneift er sich in den Hintern, dann – allerdings – ist alles möglich. Wer in der Qualifikation mit bodenständiger Wucht Mehrspänner wie Schaffhausen oder Thun aus dem Gleis wirft, der hat Potenzial. Potenzial für einen Titel. Eher nicht im Championnat, aber im Cup (siehe Box).

Nick Christen: In der Finalrunde gibt’s nur ein Ziel: Rang 4. Dann greifen wir in den Playoffs sehr aggressiv an. Ich glaube an unsere Mannschaft, sie hat wirklich die Substanz, im Frühjahr sehr positiv zu überraschen.

Der Trainer-Lehrling

Heiko Grimm, der 48-fache deutsche Internationale, griff letzte Saison nach glanzvoller Aktivkarriere zum Trainerstab. Seine Eloquenz, sein überragendes Fachwissen und seine hingebungsvolle Motivationskunst katapultierten Kriens aus dem Mittelmass-Alltag erstmals in die Playoffs. Aber auch Heiko Grimm ist kein Trainer-Houdini: Dem Irrwisch an der Seitenlinie gelang es diesmal nicht, die Kräfte seines Kaders perfekt zu bündeln. In wichtigen Partien gegen nominell bescheidenere Klientel wirkte der Chef hie und da ratlos, vermochte eine gewisse Trägheit in seiner Wechselpolitik nicht zu verbergen. Die Reifeprüfung als Trainer hat Heiko Grimm noch nicht abgelegt, doch summa cum laude ist in Griffweite. Dazu benötigt er im Frühjahr mit seiner jungen, entwicklungsfähigen Truppe Erfolge. Mindestens den Einzug ins Playoff – oder die Qualifikation für die Final Four im Cup.

Nick Christen: Nein. Da bin ich nicht einverstanden, ganz im Gegenteil: Heiko Grimm hat die Reifeprüfung mit Bravour bestanden. Nicht in einer Wohlfühloase, sondern im knallharten Kampf um einen Finalrundenplatz.

Die Pflege des Nachwuchses

Es schmerzt, nach Thun schauen zu müssen, wo frühere Krienser Spieler wie von Deschwanden und Raemy zum Tanz aufspielen, oder nach Zürich zu Amicitia zu schielen, wo Delhees, der beim HCK Ausgebildete, in Siebenmeilenstiefeln Fortschritte demonstriert, oder nach St. Gallen, wo Jost Brücker, der Urner, die Innerschweizer Handballgemeinde zur Frage provoziert: Warum schiesst der hochbegabte Linksflügel seine Tore nicht für Kriens? Kriens hat sich gewissermassen dem Jugendwahn verschrieben, kein Verein setzt mit Spengler, Hofstetter, Baumgartner oder Tominec auf Schlüsselpositionen so konsequent auf junges Holz. Keiner von ihnen genoss die Ausbildung in Kriens. Wer hier gross wird, hats nach wie vor schwer: Youngsters wie Blättler, Weingartner, Mühlebach oder Vögtli kamen nur zu wenigen Einsatzminuten. Wandern auch sie ab?

Nick Christen: Lehr- und Wanderjahre tun jedem jungen Spieler gut. Wer uns verlässt, tut dies nie im Unfrieden. Und wer zurückkommen will – die Türe ist offen. Aber ganz ehrlich: Wir hätten natürlich gerne diesen und jenen immer noch in unseren Reihen.

Die Kaderqualität

Mit zwei Torstehern (Schelbert, Portmann), die zusammen das womöglich stärkste Duo in der NLA bilden, einem kräftigen Gerüst von Routiniers (Stankovic, Stojanovic, Fellmann) und einer Handvoll unerhört talentierter Wirbelwinde präsentiert Kriens auch dieses Jahr ein Kader, das hohen Ansprüchen – also, zum Beispiel, der Playoff-Qualifikation – genügen kann. Aber aufgepasst: Die im Moment noch so wertvollen Oldies kommen langsam in die Jahre, bei diesem und jenem Jungspund harzt nach verheissungsvollen Ouvertüren der Entwicklungsprozess. Um einen Schritt weiter, also ganz nach vorne zu kommen, benötigt die Mannschaft einen Chefdirigenten mit latenter Torgefahr. Wie zum Beispiel Kuckucka bei Schaffhausen.

Nick Christen: Ja, ich hätte mir von unseren erfahrenen Leuten, den Leithammeln, ein bisschen mehr erwartet. Kuckucka? Wir haben schlicht und einfach das Geld nicht, einen solchen Mann zu finanzieren. Glücksfälle, wie sie ehedem Goran Perkovac bildete, gibts kaum mehr.

Die Zukunft des Vereins

Kriens ist in dieser Saison den erhofften Schritt noch nicht weiter gekommen, verärgerte mit einigen missratenen Auftritten auch jene Fans, die quasi als Zufallskunden gelten. Aber für einen soliden Grundstock dringend nötig sind. Kriens braucht eine Annäherung ans nationale Spitzen-Triumvirat, um dem Feuer, das in unserer Region zwar lodert, aber keine handballerischen Buschbrände entfacht, neue Nahrung zu geben. Es braucht viel Eigenwerbung, um dorthin zu kommen, wo die Vision hinsteuert: Zum Handballpalast, der in der Innerschweiz den HC Kriens-Luzern zum Unterhaltungswert gedeihen lassen könnte. Gut zu wissen: Mit Hanspeter Würmli, dem neuen Verwaltungsratspräsidenten, hat in der gehobenen Administration ein Mann Einsitz genommen, der ruhig, sachlich und kompetent die Weichen stellt.

Nick Christen: Die neue Halle ist das A und O in unserer Perspektive. Zum Buschbrand: Heiko Grimm wirft sehr viel gutes Holz ins Feuer, jetzt liegt es am Team, es grossflächig zum Erfolg brennen zu lassen.