HANDBALL: Schweiz zurück in der Realität

Rückschlag in der EM-Qualifikation: Das stark verjüngte Schweizer Nationalteam spürt erstmals Druck und verliert gegen Portugal mit 25:27. Der nationale Verband kämpft derweil für die Austragung der EM 2022.

Stephan Santschi, Biel
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Der Luzerner Andy Schmid (am Ball) wird von den Portugiesen in die Mangel genommen. (Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (Biel, 4. Mai 2017))

Der Luzerner Andy Schmid (am Ball) wird von den Portugiesen in die Mangel genommen. (Bild: Steffen Schmidt/Freshfocus (Biel, 4. Mai 2017))

Stephan Santschi, Biel

stephan.santschi@luzernerzeitung.ch

Die Aufbruchsstimmung war gross, gar etwas Euphorie herrschte im Schweizer Handball in den letzten Monaten, weil das stark verjüngte und hoch talentierte Nationalteam den Weg nach oben antrat. Anfang November brachte es vor der Rekordkulisse in Zürich sogar Europameister Deutschland (22:23) an den Rand einer Niederlage, selbst das Schweizer Fernsehen SRF bringt die Heimpartien wieder live in die heimischen Stuben. Gestern nun, im dritten Qualifikationsspiel zur EM 2018 in Kroatien, sollte das nächste Kapitel dieser hoffnungsvollen Geschichte geschrieben werden. Portugal gastierte in Biel, der erste Sieg in einem Ernstkampf schien fällig, am Ende aber herrschte Ernüchterung: 25:27 verlor die Schweiz, und Nationaltrainer Michael Suter stellte fest: «Letztes Jahr haben wir vom Überraschungs­effekt profitiert. Nun hat auf dem Platz wieder Realismus geherrscht.»

Schweiz mit einer «Orgie der Fehlwürfe»

Seine auf internationalem Parkett weitgehend unerfahrene Mannschaft zahlte Lehrgeld und kam mit dem erstmals etwas höheren Druck nicht zurecht. Eine «Orgie der Fehlwürfe» habe man sich geleistet, ärgerte sich Suter, über zehn Minuten brauchten die Schweizer, bis sie erstmals ins gegnerische Tor trafen. Früh lagen sie daher mit 1:6 zurück, und obwohl sie sich bis zur Pause in die Partie zurückgekämpft hatten (11:13), änderte sich nach dem Seitenwechsel nichts am Gesamteindruck. Die Schweiz leistete sich zu viele grobe Patzer in der Offensive, verwarf drei Penaltys und brachte auch in der Abwehr nicht mehr die nötige Aggressivität auf, um die Portugiesen in die Schranken zu weisen. In der 47. Minute lagen die Gastgeber vorentscheidend mit 15:22 zurück, vor allem dem Nachlassen des Gegners in der Schlussphase war es zu verdanken, dass die Niederlage nicht deutlich ­höher ausfiel. «Das Resultat ist schmeichelhaft, wir starteten schlecht und wirkten gehemmt. Der Gegner war abgezockter, wir müssen uns an der eigenen Nase nehmen», meinte der Luzerner Andy Schmid.

Der Weltklasse-Spielmacher der Rhein-Neckar Löwen sah den Beginn der Partie von der Bank aus, weil sein Nachfolger Roman Sidorowicz bereits aufgebaut wird. Als der 33-jährige Schmid nach acht Minuten eingewechselt wurde, stabilisierte sich die Schweiz zwar vorübergehend, letztlich fanden aber zu viele Akteure nicht auf ihr Leistungsniveau. «Das ging total in die Hosen», sagte stellvertretend Captain Manuel Liniger, dem überhaupt nichts gelingen wollte. Nach drei Spieltagen steht die Schweiz mit null Punkten auf dem letzten Platz der Gruppe 5, am Sonntag kann sie in Portugal (16 Uhr, live auf TV 24) eine Reaktion zeigen.

An den grossartigen Perspektiven ändert der gestrige Ausrutscher indes nichts, die Schweiz verfügt über ausserordentliches Potenzial. «Wir haben diesmal aber gesehen, dass der Weg nach oben pickelhart ist», sagte Suter, der den Gegner bereits im Vorfeld favorisiert hatte: «Portugal ist über Jahre eingespielt und derzeit auf seinem Zenit. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung.»

2022, in fünf Jahren, dürfte seine Auswahl weitaus konkurrenzfähiger sein. Dann findet die Europameisterschaft möglicherweise in der Schweiz statt, gemeinsam mit Deutschland und Dänemark hat der SHV eine Absichtserklärung zur Austragung des Turniers unterschrieben. Das letzte grosse Turnier in unserem Land war die EM 2006.

EM-Qualifikation

3. Spieltag. Gruppe 5: Schweiz – Portugal 25:27. – Mittwoch: Slowenien – Deutschland 23:32 (12:19). – Rangliste (alle 3 Spiele): 1. Deutschland 6 (90:69). 2. Slowenien 3 (81:85). 3. Portugal 3 (77:86). 4. Schweiz 0 (74:82).

Schweiz – Portugal 25:27 (11:13)

Biel. – 3270 Zuschauer. – SR Kurtagic/Wet­terwik (SWE) .

Strafen: 4-mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 5-mal 2 Minuten plus Disqualifikation (Fernandes Monteiro Da Silva/60.)gegen Portugal.

Schweiz: Portner/Kindle (ab 51.); Schmid (5/1), Meister (3), Rubin (7), Liniger, Svajlen, Lier, Sidorowicz (3), Delhees, Röthlisberger, Küttel (3), Markovic (2), Luka Maros (1), Getzmann, Dähler (1).

Portugal: Bravo Quintana (1)/Costa Figueira (für 1 Penalty); Portela (3/1), Duarte (6), Branquinho (1), Sousa Martins (1), Pereira (2), Rodrigues Areia, Rocha (3), Fernandes Monteiro Da Silva (2), Antunes (1), Davyes (1), Magalhaes (1), Amador Salina (2), Soares Martins (3).

Bemerkungen: Schweiz ohne Raemy, Tynowski, Vernier, von Deschwanden (alle verletzt). Bravo Quintana hält Penalty von Schmid (8./0:4). Costa Figueira hält Penalty von Schmid (42./14.19).

Weiteres Programm der Schweizer.Sonntag,7. Mai (15 Uhr): Portugal – Schweiz. – 14. Juni (20.15 Uhr): Schweiz – Slowenien. – 18. Juni (15 Uhr): Deutschland – Schweiz.

Modus: Top 2 pro Gruppe plus der beste Gruppendritte neben dem Gastgeber Kroatien für die EM-Endrunde 2018 qualifiziert.