HANDBALL: So plant der Verband den Neustart

Die Erfolglosigkeit der Nationalmannschaft schockiert die Schweizer Szene. Nun soll es auf verschiedenen Ebenen zu einem Umbruch kommen.

Stephan Santschi
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Einer der jungen Wilden, der die Schweiz an die EM 2020 schiessen soll: Ron Delhees (20), im Dress der U-21-Auswahl. (Bild: Freshfocus/Nick Soland)

Einer der jungen Wilden, der die Schweiz an die EM 2020 schiessen soll: Ron Delhees (20), im Dress der U-21-Auswahl. (Bild: Freshfocus/Nick Soland)

Stephan Santschi

«Kollektives Versagen», «Katastrophe», «Armutszeugnis» – das sind nur einige der Schlagworte von Exponenten des Schweizer Handballs. Die Nationalmannschaft ist zwar mittlerweile chronisch erfolglos, letztmals nahm sie aus eigener Kraft vor 12 Jahren an einem grossen internationalen Turnier teil (EM 2004). Die Art und Weise, wie sie im letzten Januar in der Qualifikation zur WM 2017 scheiterte, sorgte allerdings für eine neue Dimension der Entrüstung. Gleich mit 21:34 verlor das Nationalteam in Holland gegen einen international zweitklassigen Gegner. Die Hoffnungen in den Nationaltrainer Rolf Brack, den Handballprofessor aus Deutschland, waren sehr gross gewesen. Nach diesem desolaten Auftritt endete seine Amtszeit bereits nach zwei Jahren.

Der grosse Rückstand

Grosse Trainernamen alleine bewirken nichts, es braucht auch eine passende Strategie. Das ist eine Lehre, die der Schweizerische Handballverband (SHV) nun zieht. «Wir haben in der Vergangenheit zu wenig auf die Rahmenbedingungen geachtet», gesteht Pascal Jenny, im Zentralvorstand des SHV für Leistungssport und Ausbildung zuständig. Unter dem Namen «Strategie 2020» arbeitet man derzeit an einem Umbruch, der überfällig war.

Dank der Neuorganisation mit der Integration der Regionalverbände wird der Schweizer Handball künftig zentral vermarktet. Seit Anfang Jahr fungiert mit Jürgen Krucker ein Vermarktungsexperte als Geschäftsführer. Am 22. Februar wird in Olten die neue Geschäftsstelle eröffnet, dieser Moment gilt als eigentlicher «Neustart».

Bereits 2010 zeigte eine Analyse, dass den Schweizern im Durchschnitt 4 Jahre, 30 Länderspiele und 6 Kilo pro Athlet zur Weltspitze fehlen. Der Schweizer Handball, 1993 unter Trainer Arno Ehret mit dem vierten WM-Rang noch absolute Weltklasse, hat die internationale Entwicklung komplett verschlafen. Einer, der seit Jahren Gegensteuer gibt, ist Michael Suter (40). Der Leiter der Suisse Handball Academy in Schaffhausen ist der erfolgreichste Nachwuchs-Nationalcoach, den wir jemals hatten. Er führte diverse Junioren-Auswahlen an die erweiterte Weltspitze. Deshalb gilt der Zürcher als Kronfavorit für die Nachfolge Bracks. «Unsere Sportmentalität hat ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft», sagt Suter und macht klar: «Ich kann es nicht mehr hören, wenn ein Spieler sagt, dass Aufwand und Ertrag nicht übereinstimmen würden.» Diese Rechnung gebe es für ihn nicht. «Um unser Nationalteam voranzubringen, brauchen wir eine Horde Verrückter, die mit aller Konsequenz auf Handball setzt.»

Nun sollen die jungen Wilden ran

Aktuell wirkt mit dem Luzerner Superstar Andy Schmid nur ein Schweizer Nationalspieler im Ausland. «Holland hat nicht mehr Qualität als die Schweiz. Aber diese Mannschaft tritt mit einem ganz anderen Selbstverständnis auf. Das lernen die Spieler in der 1. und 2. Bundesliga», sagt Schaffhausen-Profi Manuel Liniger, der sechs Jahre in Deutschland spielte. Raus aus der Wohlfühloase Schweiz, rein in den Konkurrenzkampf im Ausland: So muss also die Devise lauten. Die jungen Wilden von Talentförderer Michael Suter verfügen über diesen Willen, und sie haben auch die Postur, um international etwas zu erreichen. Deshalb fordert der allgemeine Tenor nun den personellen Umbruch im Nationalteam – mit Shooting Stars wie Lenny Rubin (Wacker Thun), Ron Delhees (GC), Pascal Vernier (Pfadi Winterthur), Luka Maros oder Lucas Meister (beide Kadetten Schaffhausen). «Es soll keine Tabus geben. Es ist gut möglich, dass die Hälfte des aktuellen Teams in Zukunft nicht mehr dabei sein wird», sagt SHV-Vorstandsmitglied Jenny. Inspirierend wirkt der Auftritt der Deutschen, die eben mit einem jungen Team sensationell Europameister geworden sind.

Das grosse Ziel: Die EM 2020

Um Anreize zu schaffen, wird nun über Vertragsmöglichkeiten von Spielern mit dem Verband diskutiert. Angestrebt werden ferner mehr Zusammenzüge für die Nationalmannschaft oder sogar deren Teilnahme an der Meisterschaft. Zudem soll die ungenügende Kommunikation mit den Klubs verbessert werden. Damit die Talente mehr und härter trainieren, damit effektive Leistungsdiagnostik betrieben wird, damit Spieler mit grossem Potenzial im NLA-Alter nicht stagnieren.

Ziel ist die Qualifikation für die Europameisterschaft 2020. Dann wird das Teilnehmerfeld von 16 auf 24 Teams aufgestockt. Dann sollen die aktuell jungen Hoffnungsträger in einem Alter sein, um die Baisse im Schweizer Handball zu beenden.