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Interview

Haris Seferovic vor dem Spiel in der Nations League: «Ich bin ein halber Portugiese»

Haris Seferovic hat starke fünf Monate bei Benfica Lissabon hinter sich. Heute trifft der Stürmer mit der Schweiz im ersten Halbfinal des Final Four auf Portugal. Der 27-jährige Surseer über seine Leidenszeit beim Club und die Verwandlung zum Knipser.
Christian Brägger
Der Surseer Haris Seferovic ist im Benfica-Dress wieder glücklich – und Vater wird er im Herbst auch noch... (Bild: Manuel de Almeida/Keystone (Lissabon, 4. Mai 2019))

Der Surseer Haris Seferovic ist im Benfica-Dress wieder glücklich – und Vater wird er im Herbst auch noch... (Bild: Manuel de Almeida/Keystone (Lissabon, 4. Mai 2019))

Die Saison war perfekt. Sie wurden mit Benfica Lissabon Meister und mit 23 Treffern Torschützenkönig der portugiesischen Liga.

Haris Seferovic: Wenn es läuft, dann läuft es einfach. Der Trainer wurde nach dem Jahreswechsel getauscht, Bruno Lage schenkte mir danach viel Vertrauen, das brauche ich. Er veränderte das System, was unserem Team und mir entgegenkam. Und plötzlich stehst du dann halt am richtigen Ort. Dort, wo der Ball hinkommt. Aber bei uns zählt ja nicht der einzelne Spieler, sondern die ganze Mannschaft.

Müssen Sie sich jeweils am Morgen selbst kneifen? Um sicher zu sein, dass Sie nicht träumen?

Wieso? Ich habe meine Qualitäten. Das habe ich immer gewusst.

Aber Ihr Hoch geht über den Beruf hinaus. Sie haben geheiratet, werden im September Vater, alles läuft rund.

Man heiratet irgendwann, dann will man Kinder und wird reifer. Das ist doch normal, so spielt das Leben. Natürlich ist es jetzt ein schönes Gefühl, einmal auf der erfolgreichen Seite des Lebens zu sein.

Wie bereiten Sie sich auf die Vaterrolle vor?

Ich realisiere meine neue Rolle noch nicht ganz, es ist ja erst Anfang September so weit. Aber es ist schon jetzt ein schönes Gefühl. Der Bauch von meiner Frau Amina wächst, wir kaufen schon viele Babydinge ein. Aber noch bleibt ein wenig Zeit, und ich habe noch meine Freiheiten: Ich kann schlafen und aufstehen, wann ich will. Die ersten paar Monate nach der Geburt werden dann ungleich härter, habe ich mir von Mitspielern sagen lassen.

Wenn Sie einen Punkt in der Saison suchen müssten, der Sie explodieren liess. Welcher war das?

Im November beim 5:2 gegen Belgien habe ich mein Selbstvertrauen zurückgewonnen nach all dem, was mir widerfahren ist. Davor und auch noch danach war es für mich keine einfache Zeit. Als ich nach dem Belgien-Sieg zu Benfica zurückkehrte, war ich nicht der Stürmer Nummer eins. Auch nicht der Stürmer Nummer zwei, und auch nicht die Nummer drei. Mit ein bisschen Glück habe ich dann die Chance bekommen und gepackt. Die Wende für mich war aber der neue Trainer bei Benfica.

Sie reden von Dingen, die Ihnen widerfahren sind. Können Sie konkreter werden?

Es gab ja viele Pfiffe gegen mich, viele Leute hatten mich bereits abgeschrieben und mich als «Chancentod» bezeichnet. Nach dem Wechsel zu Benfica vor knapp zwei Jahren lief es mir zu Beginn gut, ich traf in fünf Spielen fünfmal. Danach traf ich nicht mehr, und ich erhielt lange keine Chance mehr – was kann man da machen, wenn du dich nicht mehr zeigen kannst? Wäre es so weitergegangen bei Benfica, hätte ich wohl irgendwann Stopp gesagt und einen neuen Verein gesucht. Weil es einfach genug gewesen wäre. Aber in diesem Jahr habe ich das Glück auf meine Seite gezogen. Und jetzt mögen mich die Leute wieder.

Wie hat Sie Trainer Bruno Lage besser gemacht?

Er hat mit mir viel geredet, sagte mir immer, ich solle stets an mich glauben und einfach immer rennen. Dann würden die Tore von alleine kommen. Exakt so ist es gekommen. Ich brauchte ihn, er brauchte mich. Zudem bin ruhiger und mental viel stärker geworden. Mein Vater sagt mir, ich diskutiere heute fast gar nicht mehr mit dem Schiedsrichter. Es bringt ja auch nichts, sich über Pfiffe des Chefs auf dem Platz zu beklagen.

Veränderten Sie auch Ihren Spielstil?

Nein. Vielleicht bewege ich mich mehr in der Box, weil mein Sturmpartner João Félix in unserem 4-4-2 keine richtige Nummer neun ist. Er ist eher ein Zehner, davon habe ich profitiert, stand oft an der richtigen Stelle. Für mich ist es einfacher in einem Zweimannsturm, als ganz vorne alleine zu spielen.

Der 19-jährige Félix gilt als Supertalent. Was sind Sie neben ihm?

Ich habe nicht sein Talent, ich kompensiere das mit meinem ausgeprägten Ehrgeiz. Und ich arbeite viel. Sagen wir es so: Ich bin ein ausserordentlich guter Stürmer, das habe ich in dieser Saison bewiesen. Ich ziehe mein Ding durch, die Zahlen sprechen für mich.

Sie erzielten seit Januar in 17 Spielen 19 Tore. Was braucht ein erfolgloser Stürmer, damit er plötzlich trifft?

Glück, Arbeit. Wenn du Selbstvertrauen hast, traust du dich mehr und machst dir nicht zu viele Gedanken, wenn du einmal eine Chance verpasst. Dann geht es einfach weiter. Man kann das kaum erklären. Wenn die Mannschaft und der Trainer stimmen und man reinpasst, kommt es gut. Und der Fussball hat diesen einen grossen Vorteil: Du kannst es von Spiel zu Spiel besser machen.

Vor knapp zehn Jahren wurden Sie mit der Schweiz U17-Weltmeister. Hätten Sie gedacht, dass Sie eine solche Karriere hinlegen?

Ich bin schon ein bisschen stolz auf mich. Jeder unserer Jungs von damals dachte doch, die Karriere komme nun von alleine. Viele sind gescheitert, aber ich bin immer noch hier.

Sie werden dank Ihren Leistungen auch für andere Clubs interessant.

Ich denke schon, dass einige Angebote kommen werden. Das gehört zu diesem Geschäft.

Würde eine Luftveränderung Sinn machen, gerade jetzt, wo alles passt? Früher sind Sie ja oft etwas übereilt weitergezogen.

Ich würde gerne bei Benfica bleiben, mein Vertrag läuft eh noch drei Jahre. Aber falls der Verein mit mir Geld verdienen will, könnte ich das gar nicht gross steuern. So ist der Fussball.

Würde Sie die englische Liga reizen nach Stationen in Deutschland, Spanien oder Italien?

England war schon immer ein Traum von mir. Schauen wir, was passiert. Aber ich habe lieber eine Million Franken weniger auf dem Konto und lebe dafür gut in Lissabon. Sonne, Meer, mit dem Hund am Strand spazieren, feines Essen, unser Stadion, tolle Fans, wir spielen stets international – und es regnet wenig.

Sie leben seit fast zwei Jahren in Portugal. Wie speziell ist für Sie die Affiche in der Nations League gegen den Gastgeber?

Mit mir kommt ein Benfica-Spieler nach Porto, da wird viel los sein. Wir sind Rekordmeister und haben überall im Land Anhänger. Ich bin ja sozusagen ein halber Portugiese. Das Land ist ein gutes Pflaster für mich. Hier habe ich geheiratet, hier läuft es mir sportlich perfekt. Es ist schön, in Portugal zu spielen. Aber in den 90 Minuten gibt es keine Freunde.

Letztmals in der WM-Qualifikation hinterliess die Schweiz in Portugal beim 0:2 keine gute Figur.

Im Prinzip müssen wir dort anknüpfen, wo wir gegen Belgien mit dem 5:2 aufgehört haben. Wir dürfen uns nicht verstecken und müssen den Match auch geniessen. Wir müssen unsere offensive Stärke ausspielen, dabei in der Spielanlage einfach bleiben. Dann haben wir eine Chance, den Favoriten zu schlagen.

Die Kirsche auf der Torte

Im Stadion des FC Porto, dem Estadio do Dragão, nimmt die Schweiz heute ab 20.45 Uhr den nächsten Anlauf, ein K.-o.-Spiel zu gewinnen. Der Gegner im ersten Halbfinal der Nations League könnte schwieriger kaum sein mit dem gastgebenden Europameister und Cristiano Ronaldo, der seit einer halben Ewigkeit auf einem anderen, eigenen Planeten den Fussball und das Leben zelebriert. Der Schweizer Nationalcoach Vladimir Petkovic sieht Portugal nicht vom fünffachen Weltfussballer abhängig, sondern als «die Kirsche auf der Torte». Aus gutem Grund: Im Nachwuchsbereich hat das fussballverrückte Land in den vergangenen Jahren perfekt gearbeitet, die zahlreichen Talente führt Nationaltrainer Fernando Santos nun behutsam heran. Das bringt aber nicht immer und sofort den Erfolg; zuletzt spielten die Lusitaner viermal unentschieden, was nichts am Anspruch ändert, in der Heimat den Titel zu holen.

Den Siegerpokal hielten sie, die Portugiesen, längst nicht in der Hand, laut Santos stehe mit der Schweiz ein starker Gegner auf dem Platz, der sie in der letzten WM-Qualifikation hart gefordert habe. Lobworte für den Gegner sind üblich an Pressekonferenzen vor einer Partie, wie die Besinnung auf eigene Fähigkeiten. Goalie Yann Sommer will eine freche Schweiz sehen und sagt: «Wer stärker ist, werden wir dann sehen.» Und Petkovic ist nicht in Porto, um etwas zu «verwalten oder verteidigen». Überraschungen dürfte es in seiner Aufstellung keine geben, dafür ist offen, ob er die Dreier- oder Viererabwehr favorisiert. Granit Xhaka, heute der Captain, sagt: «Wir wären die Ersten, die die Nations League gewinnen und somit Geschichte schreiben würden.» Mit dem Halbfinaleinzug sind die Schweizer weit gekommen und zwei Schritte vom Turniersieg entfernt; dieser wäre bedeutend mehr als die Kirsche auf der Torte.

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