Wegen Tierquälerei-Vorwürfen: Springreiter Paul Estermann droht der tiefe Fall

Wegen Verstössen gegen das Tierschutzgesetz hat sich der Luzerner Spitzenspringreiter Paul Estermann vor dem Bezirksgericht Willisau verantworten müssen. Die Vorwürfe, mehrere Turnierpferde mit Peitsche und Sporen verletzt zu haben, weist er entschieden von sich.

Evelyne Fischer
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Paul Estermann soll seine Tiere «wie ein Sportgerät» behandelt haben. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, St. Gallen, 2. Juni 2019)

Paul Estermann soll seine Tiere «wie ein Sportgerät» behandelt haben. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone, St. Gallen, 2. Juni 2019)

In der Reiterszene gilt er als Stilist. Seit allerdings massive Anschuldigungen wegen Tierquälerei im Raum stehen, beginnt die polierte Fassade arg zu bröckeln: Vor zwei Jahren hat die Staatsanwaltschaft Sursee die Ermittlungen gegen Springreiter Paul Estermann, 56, aufgenommen. Der Beschuldigte soll im April 2016 in Hildisrieden die Stute Castlefield Eclipse mit einer Dressurpeitsche «wissentlich und willentlich» mehrfach heftig und übermässig gegen die Flanken und den Unterbauch geschlagen haben. Von Schwellungen und Blutungen ist die Rede. Auch beim Hengst Lord Pepsi sollen starke Peitschenhiebe im Zeitraum von April 2014 bis Oktober 2017 zu Hautaufplatzungen geführt haben.

Die Staatsanwaltschaft forderte eine bedingte Geldstrafe von 14'400 Franken plus eine Busse von 3600 Franken. Weil Estermann gegen den Strafbefehl Einsprache erhob, landete der Fall am Dienstag vor dem Willis­auer Bezirksgericht. So viel vorweg: Noch wurde kein Verdikt gefällt. Das Urteilsdispositiv soll in den nächsten Tagen vorliegen und wird schriftlich eröffnet. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Beschuldigter weist alle Vorwürfe von sich

So ehrgeizig Estermann für seine Medaillen trainiert, so eisern schwieg er bislang zu den Vorfällen. In der Befragung nahm Estermann, Bauernbub, gelernter Landwirt, erstmals Stellung. Er bestritt sämtliche Vorwürfe. «Ich bin sicher kein Tierquäler», sagte er während der dreieinhalbstündigen Verhandlung.

«Ich schlage kein Pferd, um bessere Trainingsergebnisse zu erzielen.»

Insbesondere Castlefield Eclipse hätte er nicht zusätzlich mit dem «Peitschli» antreiben müssen. Die Stute sei ein Tier «der heissen Seite» gewesen, ein «Ferrarimotor ohne Bremse». Er habe sie an Turnieren ohne Sporen und ohne Peitsche geritten. Estermann kann sich die Verletzungen daher nicht erklären. Der damals von Dritten herbeigerufene Tierarzt stellte gemäss Bezirksrichter indes klar fest: Das Pferd wies «zahlreiche Spuren von eindeutig übermässiger Beinsporen- und Peitscheneinwirkung» auf.

Staatsanwalt: «Er hat das Tier wie ein Sportgerät behandelt»

Der Staatsanwalt sagte im Plädoyer: «Paul Estermann forderte viel.» Es gehe um Erfolg, um Ruhm, um Geld. Je früher ein Pferd für gute Ergebnisse sorge, desto eher fliesse auch Geld. Habe das Tier nicht die entsprechenden Leistungen erbracht, sei es wie ein Sportgerät behandelt worden. «Mit den entsprechenden Konsequenzen.» Mit Castlefield Eclipse gewann der Beschuldigte unter anderem 2014 den Grossen Preis der Schweiz beim CSIO in St. Gallen.

Ins Rollen kam der Fall Estermann aufgrund eines ehemaligen Angestellten. Der Pferdepfleger hatte Anzeige erstattet und dem «Blick» Handyfotos von verletzten Tieren zugespielt. Die Aussagen des Angestellten seien «glaubhaft, stimmig, nachvollziehbar und im relevanten Kerngeschehen widerspruchsfrei», so der Staatsanwalt. Schwer wiegen auch die Beobachtungen eines weiteren Augenzeugen. Er sagte bei einer Einvernahme:

«Paul Estermann hat eine braune Stute mit der Peitsche geprügelt. Das Blut hat getropft.»

Wie die Ermittlungen ergaben, sollen fünf weitere Tiere in ähnlicher Weise misshandelt worden sein. Die Fälle sind allerdings verjährt.

Verteidiger zweifelt Beweise und Aussagen an

Solch belastende Aussagen wollte Estermanns Verteidiger, der einen Freispruch verlangt, aus der Welt schaffen. Er suchte nach Verfahrensfehlern, zweifelte die Verwertbarkeit der Beweise an, machte technische Abschweifungen, zitierte Bundesgerichtsurteile und noch mehr Paragrafen. Kurzum: Er versuchte alles, um von der eigentlichen Thematik abzulenken. Dies konstatierte auch der Staatsanwalt: «Es wurde nichts ausgelassen, um die Behörden zu diskreditieren und die Untersuchung zu torpedieren.» Man wolle damit nur Verwirrung stiften, den Vorwurf der Tierquälerei zum Nebenschauplatz machen und Estermann als Opfer der Medien darstellen.

Nichts hielt der Staatsanwalt von der Theorie des Verteidigers, das Vorgehen des Pferdepflegers sei ein Racheakt gewesen. Der Angestellte wurde wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs bei Paul Estermann angezeigt. «Er war aber von Beginn weg geständig, reuig und kooperativ.» Estermann indes habe sich in der Befragung weder reuig noch einsichtig gezeigt, sei aufbrausend und impulsiv gewesen.

Was dem Staatsanwalt sauer aufstiess: Der Verteidiger sprach von «Chräbeli» und «Bagatellvorwürfen». Der Staatsanwalt betonte:

«Das sind keine Kavaliersdelikte. Ich hätte kein Problem damit, wenn der Richter eine höhere Strafe aussprechen würde.»

So oder so: Eine Verurteilung wäre für den Pferdesport verheerend. Schon eine bedingte Geldstrafe führt zudem zu einem Eintrag im Strafregister.

Estermann könnte gesperrt werden

Der Luzerner Paul Estermann gehört bereits seit Jahrzehnten zum Kader der Schweizer Springreiter. Entsprechend verheerend für die Szene wäre es, wenn die Vorwürfe der Tierquälerei vor Gericht bestätigt würden. Charles F. Trolliet, Präsident des Schweizerischen Verbands für Pferdesport, sagt denn auch: «Es gibt immer Kreise, die Pferdesport nicht für tierfreundlich halten. Eine rechtskräftige Verurteilung wäre in dieser Hinsicht sicher nicht hilfreich.» Das seit über zwei Jahren laufende Strafverfahren gegen Paul Estermann ist für den Verband gemäss Charles F. Trolliet «eine sehr unangenehme Angelegenheit. Wir hoffen, dass bald ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.» Danach sei es an der Sanktionskommission, allenfalls Massnahmen zu ergreifen. «Die möglichen ­Sanktionen reichen von einer Verwarnung oder Busse bis hin zu einer Sperre», so der Verbandspräsident. Der Beschuldigte könnte sich dagegen beim Verbandsgericht zur Wehr ­setzen. Andy Kistler, Equipenchef Elite Springen, wollte «aufgrund des laufenden Verfahrens» gegenüber unserer Zeitung keine Stellung nehmen.