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Heimspiel in der Weltklasse

Nach einer starken EM starten die Schweizer Leichtathleten heute mit hohen Erwartungen bei Weltklasse Zürich. Sie gehören nicht alle zu den Favoriten – laut wird es mit ihnen im Letzigrund dennoch.
Laura Inderbitzin, Simon Häring, Ralf Streule, Zürich

Das laute Trommeln an die Werbebanden, wenn Langstreckenläufer ihre Runden drehen. Die aufgeladene Stille vor den Starts der Sprinter. Die ausgelassenen Feiern bei neuen Rekorden: Weltklasse Zürich ist seit Jahren ein stimmungsvoller Höhepunkt für die weltbesten Athleten. Und: Das Meeting zieht die Massen unvermindert an. Wenn heute Abend in 16 Disziplinen der Final der Diamond-League ausgetragen wird, werden 25000 Zuschauer im Letzigrund-Stadion dabei sein. 100000 Franken werden pro Disziplin ausbezahlt – der Sieger erhält die Hälfte davon. In diesem Jahr bringt das starke Abschneiden der Schweizer an der EM in Berlin weitere Brisanz ins Oval des Letzigrunds. Ein Blick auf vier Schweizer Teilnehmer – und ihre unterschiedlichen Ausgangslagen.

Selina Büchel Bild: Srdjan Suki/EPA

Selina Büchel Bild: Srdjan Suki/EPA

Selina Büchel

An der EM hat die Schweiz mit Selina Büchel gelitten. Im Final lief sie ein mutiges Rennen, bog als Erste in die Zielgerade ein – und wurde dann zurückgereicht. Eine Zeit von 2:02,05 Minuten war es am Ende, die ukrainische Siegerin Nataliya Pryshchepa lief mit 2:00,38 ins Ziel. Aus Büchels Sicht besonders ärgerlich: Im EM-Halbfinal war sie an dieser Siegerzeit nahe dran. Und ihre Bestzeit aus 2015 lautet 1:57,95. Dieser Leistung rennt sie seit drei Jahren hinterher. Sie verbesserte ihr Training, setzte voll auf die Karte Sport. Atmungsprobleme im Sommer warfen sie abermals zurück. Für das neun Frauen grosse Starterfeld hat sie eine Wild Card erhalten, alle Konkurrentinnen liefen in diesem Jahr schneller als sie. Dennoch ist der Auftritt bei Weltklasse Zürich für die 27-Jährige ein wichtiger Gradmesser zum Saisonende. In Büchels Disziplin sahnt eine andere die Preise ab: Caster Semenya gewann seit 2016 alle ihrer Rennen über 800 m. Die Südafrikanerin steht derzeit im Fokus der Leichtathletikwelt, da sie an Hyper­androgenismus leidet, ihr Körper also zu viel Testosteron produziert. Der internationale Leichtathletikverband will ab November 2018 einen Testosterongrenzwert für Frauen einführen. Semenaya kämpft dagegen.

Mujinga KambundjiBild: Walter Bieri/KEY

Mujinga KambundjiBild: Walter Bieri/KEY

Mujinga Kambundji

Sie steht ja nicht ohne Grund im Ruf, der Sonnenschein der Nation zu sein, und Mujinga Kambundji versprüht auch in Zürich ihren Charme, obwohl sie schwierige Wochen hinter sich hat. Zwar ist sie im Juli über die 100 m erstmals unter 11 Sekunden (10,95) geblieben, bei der EM in Berlin belegte sie aber sowohl über 100 m, über 200 m als auch mit der 4x100-m-Staffel jeweils Rang vier. Die Bernerin gibt zu, dass es ihr derzeit schwer fällt, Motivation fürs Training zu finden. «Es stinkt mir manchmal», sagte sie jüngst zur NZZ. Dass die Vorfreude auf das Heimrennen nicht ungetrübt ist, liegt aber nicht nur daran, dass Kambundji bisher nie über einen sechsten Rang hinauskam, sondern auch daran, dass sie die Weichen für die Zukunft stellen will. Zwar trainiert sie seit April nach Plänen des Amerikaners Rana Reider wieder in Bern und schwärmt von ihm. Doch Reider schickt ihr die Pläne zu. Er kennt Kambundji, ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht. Diese wünscht sich aber mehr Stabilität. Deswegen will sie nun das Gespräch mit Reider suchen, der auf der Lohnliste von Europameisterin Schippers steht. Die Zeichen stehen also eher auf Abschied.

Lea Sprunger Bild: Walter Bieri/KEY

Lea Sprunger Bild: Walter Bieri/KEY

Lea Sprunger

Anders als Mujinga Kambundji erfüllte sich Lea Sprunger in Berlin den Traum von einer EM-Medaille. Mehr noch: Sie holte als erste Schweizer Leichtathletin Gold. Doch in Zürich ist die Romande trotz des Heimpublikums nur eine von vielen: Fünf der acht Starterinnen sind die 400 m Hürden schon schneller gelaufen als die Spätberufene. Erst vor drei Jahren wechselte Sprunger auf die Hürden. Zuvor war sie lange auch über die 400 m flach und über 200 m gestartet. Paradox: In beiden Disziplinen hält sie den Schweizer Rekord, noch vor Kambundji. Doch die 54,29 über die 400 m Hürden, mit denen sie EM-Gold holte, sind kein Schweizer Rekord. Den hält seit 27 Jahren in 52,25 Anita Protti. Sprunger sagt: «Ich weiss, dass ich das in den Beinen habe. Vielleicht nicht in Zürich, weil ich am Ende der Saison die Müdigkeit spüre. Aber irgendwann hole ich mir diesen Rekord.» Wie viel Luft sie über die 400 m Hürden wohl noch hat, zeigt auch die Antwort auf die Frage nach ihren Schwächen: «Die Technik. Es ist traurig, aber wahr: Ich kann nicht Hürden laufen.»

Alex Wilson. Bild: Martin Meissner/AP

Alex Wilson. Bild: Martin Meissner/AP

Alex Wilson

Er ist der schnellste Schweizer. Und er will noch schneller werden. «Natürlich will ich die 20-Sekunden-Marke unterbieten», sagt Alex Wilson, «das will ich seit Anfang der Saison.» Heute Abend hat er im Letzigrund noch einmal die Chance dazu. Die Form des Baslers stimmt, und auch an Motivation dürfte es ihm nicht fehlen. An der EM in Berlin holte er über 200 m die Bronzemedaille und stellte mit 20,04 Sekunden gleichzeitig Schweizer Rekord auf. Zudem sagt er: «Zürich hat eine schnelle Bahn, und die Zuschauer sind fantastisch.» Dem Basler sind dank seiner lockeren Art die Sympathien auf sicher. «Das Publikum wird mich pushen.» Ob das aber für eine Medaille reicht, ist äusserst fraglich. Wilson hat sich nur dank einer Wildcard für den Final qualifiziert und gehört nicht zu den Favoriten. Den Sieg machen wohl der amerikanische Überflieger Noah Lyles und Europameister Ramil Guliyev unter sich aus. Lyles hat vier der sechs bisherigen Diamond-League-Meetings für sich entschieden und ist mit 19,65 Sekunden derzeit der schnellste Mann über 200 m. Allerdings hat Guliyev an der EM seine Zeit auf 19,76 Sekunden gesenkt und ist in Lauerstellung.

Die Höhepunkte in Zürich auf einen Blick

18.35: Stabhochsprung Frauen: Alle gegen Ekaterini Stefanidi! Die griechische Olympia-, WM- und EM-Siegerin ist zumindest für die 20-jährige Schweizerin Angelica Moser unantastbar.
20.13 Uhr, 800 m Frauen: Die Südamerikanerin Caster Semenya kennt keine Gegnerinnen. Wie schlägt sich Selina Büchel in Unterform in der Weltklasse?
20.40 Uhr: 100 m Frauen: Die Europameisterin Dina Asher Smith (GBR), die WM-Zweite Marie-Josée Ta Lou (Elfenbeinküste) und die holländische Weltmeisterin Dafne Schippers treffen aufeinander. Mujinga Kambundji ist in diesem Feld nur die Sechstschnellste des Jahres.
20.48 Uhr: 1500 m Männer: Die norwegischen Brüder Ingebrigsten (WM-Dritter Filip sowie Europameister Jakob) fordern die kenianische Elite.
21.02 Uhr: 400 m Hürden Frauen: Wie nahe dran ist Europameisterin Lea Sprunger an Olympiasiegerin Dalilah Muhammad (USA)?
21.11 Uhr: 200 m Männer: Die EM-Podestläufer Ramil Guliyev, Nethaneel Mitchel-Blake und Alex Wilson stellen sich dem Überflieger Noah Lyles (USA).
21.44 Uhr: 400 m Hürden Männer: Ohne Kariem Hussein, dafür mit norwegischem Dominator Karsten Warholm und Aufsteiger Kyron McMaster.
21.54 Uhr: 4 x 100 m Frauen: Die Schweiz tritt mit einem Topteam (Del Ponte, Atcho, Kambundji und Kora) und einer U20-Staffel gegen die jamaikanisch-britische Übermacht an. (rst)

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