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Hitzeschlacht und Penaltypech: Wird gegen Schweden endlich alles anders?

Bei aller Euphorie über die Achtelfinalqualifikation, bei aller Vorfreude auf das Spiel gegen Schweden: Die historischen Vorzeichen stehen schlecht. Noch nie hat die Schweizer Nationalmannschaft an einer EM- oder WM-Endrunde ein K.o-Spiel gewonnen.
Jürg Ackermann
Captain Stefan Lichsteiner freut sich an der WM in Russland über den wichtigen 2:1-Sieg der Schweizer gegen Serbien (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Captain Stefan Lichsteiner freut sich an der WM in Russland über den wichtigen 2:1-Sieg der Schweizer gegen Serbien (KEYSTONE/Laurent Gillieron)

Dieses Bild wird Marco Streller wohl ein Leben lang verfolgen: Sichtlich nervös und mit der Zunge zwischen den Lippen setzt er den Ball auf den Elfmeterpunkt. Dann nimmt er beherzt Anlauf. Doch von Entschlossenheit ist spätestens bei der Schussabgabe nichts mehr zu spüren. Harmloser als mancher B-Junior schiebt er dem ukrainischen Torhüter Alexander Schowkowski den Ball in die Hände.

Auch die nachfolgenden Penaltyschützen Tranquillo Barnetta und Ricardo Cabanas verlassen das Glück respektive der Mut. Warum Trainer Köbi Kuhn ausgerechnet Alex Frei, den zuverlässigsten Schweizer Penaltyschützen, kurz vor Ende der Verlängerung auswechselt, bleibt bis heute sein Geheimnis. Die Schweiz scheidet in Deutschland 2006 im Achtelfinal aus – als bisher einzige Mannschaft, die an einer WM-Endrunde in einem Elfmeterschiessen keinen Ball ins Netz bringt. «Wilhelm Tell traf aus 60 Metern den Apfel – diese Schweizer aus 11 Metern gar nix», spottet die Boulevardzeitung «Bild» nach der schmachvollen Nacht von Köln.

Wie ein B-Junior: Marco Streller schiesst den Ball beim WM-Achtelfinal in Deutschland direkt in die Hände des ukrainischen Torhüters. (EPA/Kochetkov/Köln, 26. Juni 2006)

Wie ein B-Junior: Marco Streller schiesst den Ball beim WM-Achtelfinal in Deutschland direkt in die Hände des ukrainischen Torhüters. (EPA/Kochetkov/Köln, 26. Juni 2006)

Die Niederlage im WM-Achtelfinal gegen die Ukraine ist prototypisch für das Ausscheiden von Schweizer Nationalteams in entscheidenden Spielen an Endrunden nach dem Zweiten Weltkrieg. Fünfmal – 1954, 1994, 2006, 2014 und 2016 – stossen die Schweizer in die K.-o-Phase eines grossen Turniers vor. Und vier Mal sind sie nahe dran, einen Coup zu landen, doch jedes Mal hapert es an Details: Einmal fehlt ein wenig Glück, dann ein Quentchen Entschlossenheit oder die richtige Einstellung auf schwierige Umstände wie im WM-Viertelfinal 1954.

Sauerstoff und Schnaps für die Beine

3:0 führen die Schweizer 1954 nach 20 Minuten gegen Österreich. Und obwohl der gegnerische Torhüter noch vor der Pause einen Sonnenstich erleidet, können die Schweizer in der «Hitzeschlacht von Lausanne» nicht profitieren. Die Österreicher wenden das Spiel und gewinnen am Ende – in der torreichsten Partie der WM-Geschichte – 7:5. Es nützt auch nichts, dass sich die Schweizer Spieler in der Pause Sauerstoff zuführen und die Beine mit Schnaps einreiben, um die Schmerzen zu lindern.

Diesen Ball hält der Schweizer Torhüter Eugene Parlier. Doch insgesamt muss er gegen Österreich 1954 in Lausanne gleich sieben Mal hinter sich greifen. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

Diesen Ball hält der Schweizer Torhüter Eugene Parlier. Doch insgesamt muss er gegen Österreich 1954 in Lausanne gleich sieben Mal hinter sich greifen. (KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str)

60 Jahre später in Brasilien fehlen den Schweizern nach einem starken Auftritt im Achtelfinal gegen den späteren Finalisten Argentinien nur Zentimeter zum Glück. Blerim Dzemaili setzt in der Verlängerung in São Paulo einen Kopfball, der das Team immerhin ins Penaltyschiessen gebracht hätte, an den Pfosten. Auch im Nachschuss verfehlt er das Tor ganz knapp.

Granit Xhaka versagt im Penaltyschiessen

Zum Elfmeterschiessen kommt es dann zwei Jahre später im Achtelfinal gegen Polen, als die Schweizer Nationalmannschaft zum ersten Mal an einer EM die Vorrunde übersteht. Obwohl Xherdan Shaqiri (wieder er!) mit dem wohl schönsten Tor des Turniers, einem Seitenfallrückzieher, sein Team nach einem frühen 0:1-Rückstand zurück ins Spiel bringt. Und obwohl die Schweiz dem Sieg in der Verlängerung deutlich nähersteht als Polen, verlässt sie das Glück im entscheidenden Moment.

Ausgerechnet Granit Xhaka, der zuvor mehr als einmal überzeugt, bringt als einziger Penaltyschütze den Ball nicht ins Tor und schockt die 15'000 mitgereisten Schweizer Fans in St. Etienne. «Es tut mir leid, aber so etwas kann leider immer passieren», entschuldigt sich Xhaka später.

Das grösste Volksfest des Schweizer Sports

Nur einmal – beim 0:3 gegen Spanien 1994 in den USA – bleibt die Nationalmannschaft in einem K.-o-Spiel an einer Endrunde gänzlich chancenlos. Ohne den schmerzlich vermissten Ideengeber und heutigen FC St. Gallen-Sportchef Alain Sutter (gebrochene Zehe) fehlt der Nati die Inspiration und die spielerische Qualität, um gegen die robusten Spanier bestehen zu können.

Spektakulärer Sieg gegen Rumänien an der WM 1994: In der magischen Nacht von Detroit lässt Alain Sutter einen rumänischen Verteidiger ins Leere laufen. (KEYSTONE/Str)

Spektakulärer Sieg gegen Rumänien an der WM 1994: In der magischen Nacht von Detroit lässt Alain Sutter einen rumänischen Verteidiger ins Leere laufen. (KEYSTONE/Str)

Dass mit dem heutigen Tag das Bibbern auf den Achtelfinal-Match gegen Schweden beginnt, liegt in der Natur der Sache. Weil sich nach 90 Minuten oder spätestens nach der Verlängerung oder dem Penaltyschiessen alles entscheidet. Weil es nach einer Niederlage keine Hoffnung mehr gibt auf eine Wende im nächsten Spiel. Weil sich in diesem K.o-Spiel auch weitgehend entscheiden wird, wie die WM in Erinnerung bleibt.

So wirft auch das miserable Elfmeterschiessen 2006 gegen die Ukraine einen langen Schatten auf eine an sich sehr erfolgreiche Kampagne an der Endrunde 2006 in Deutschland. Die Schweiz schliesst die Vorrunde vor dem späteren Finalisten Frankreich als Gruppensiegerin ab. Beim 2:0-Sieg gegen Togo in Dortmund (Tore von Frei und Barnetta) feiern über 50 000 mitgereiste Anhänger das bisher grösste Volksfest des Schweizer Sports fern der Heimat. Und nach dem Erfolg im dritten Spiel gegen Südkorea gibt es kaum mehr ein Halten.

Köbi for President: Drei Stimmen für Kuhn in Bern

In den meisten Schweizer Städten sind die Strassen an diesem denkwürdigen Juni-Abend 2006 noch lange nach Spielschluss mit jubelnden Fans verstopft. Die Begeisterung erreicht selbst Bundesbern: Bei der Wahl von Doris Leuthard zur Bundesrätin während der WM stimmen drei Parlamentarier für Nationalcoach Köbi Kuhn.

Historiker sprechen mit Blick auf die langen Autocorsos mit rot-weissen Fahnen vom grössten Massenauflauf seit den Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Doch bereits nach dem legendären 4:1-Erfolg im zweiten Vorrundenspiel gegen Rumänien an der WM 1994 gibt es in Ansätzen solche Feiern. Alain Sutter, Ciriaco Sforza, Adrian Knupp und Co. spielen vor allem in der zweiten Halbzeit gegen ein hoch gehandeltes Rumänien gross auf und lösen auf manchen Schweizer Strassen und Plätzen Begeisterungsstürme aus.

Die Schweiz will jetzt in Russland nachholen, was sie 1994 in den USA, 2006 in Deutschland oder 2014 in Brasilien verpasst hat. Nun wartet gegen Schweden also die fast schon historische Chance, es besser zu machen, endlich einmal ein Spiel zu gewinnen, in dem es um (fast) alles geht.

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