Interview

Hürdenläufer Kariem Hussein: «Ich bin nicht blauäugig»

Hürdenläufer Kariem Hussein steht ab Freitag an der Leichtathletik-WM am Start. Die Ausgangslage ist ganz anders als vor zwei Jahren.

Raya Badraun
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«Ich reise mit dem Wissen an, dass alles passieren kann»: Kariem Hussein. (Bild: Anthony Anex/Keystone, Bern, 3. August 2019)

«Ich reise mit dem Wissen an, dass alles passieren kann»: Kariem Hussein. (Bild: Anthony Anex/Keystone, Bern, 3. August 2019)

Kariem Hussein hat viele Leben. Einst war der 30-jährige Thurgauer Fussballer beim FC Tägerwilen. Dann stürmte der Hürdenläufer an die europäische Spitze und schrieb an der EM 2014 in Zürich mit dem Gewinn der Goldmedaille ein Sommermärchen. Daneben studierte er Medizin und schloss sein Studium im vergangenen Jahr erfolgreich ab. Heute ist er wieder an einem anderen Punkt. Er ist auf dem Weg zurück von einer langwierigen Verletzung. «Ich will eigentlich nicht nur über die Vergangenheit sprechen», sagt Hussein am Telefon. «Aber es war so intensiv. Es war nicht absehbar, wo es hingeht.» Diese Zeit hat ihn stark geprägt – wie die Lebensphasen davor.

Sie haben sich einmal als Leichtathlet mit Fussballermentalität beschrieben. Wie zeigt sich das?

Kariem Hussein: Im Fussball ist jeder der Coolste. Auch in den unteren Ligen führen sich die Spieler schon auf wie ein Cristiano Ronaldo. Sie schauen auf die Kleider, die Frisur. Sie reizen alles aus. Es gibt Selbstvertrauen, wenn dein Dress gut aussieht. Auch wenn es oberflächlich oder arrogant rüberkommt, für die Leistung bringt es manchmal etwas. Das ist vielleicht auch das, was man abschauen kann.

Wie meinen Sie das?

In der Schweizer Leichtathletik ist das anders. Es ist eher ein Verstecken, auch bei der Zielsetzung. Es heisst dann: Ich gehe an die WM und schaue dann mal. Es ist schon besser geworden. Es gibt Medaillengewinner, die Ansprüche sind auch höher, aber es ist immer noch so defensiv. Sorry, jeder will Weltmeister werden oder zumindest in den Final. Da ist es doch egal, ob das heute realistisch ist oder nicht. Fussballer, das sind Teamsportler. Sind Sie auch einer? Das werde ich immer wieder gefragt. Ich fand früher, dass am Ende jeder ein Einzelsportler ist – auch der Teamsportler. Ein Ronaldo hat schliesslich noch nie wegen seiner Mitspieler nicht zu einem anderen Verein gewechselt. Und wenn du weiterkommen willst, musst du an dir selbst arbeiten, dann lässt du dich nicht aufhalten. Deshalb verstand ich die Frage lange nicht. Doch nun merke ich langsam, dass es als Einzelsportler ganz anders ist.

Was ist denn anders?

Wenn man in einer Fussballmannschaft ist, dann hat man auch nicht die Garantie, dass man spielen kann und alles um einen herum passt. Aber es ist ein Teamspirit da.

Fehlt Ihnen das?

Ja. Früher stand ich gerne für Kollegen und den Club auf dem Platz. Als Leichtathlet hat man das weniger. Klar, ich laufe für den Verein und die Schweiz. Das ist auch grossartig und motiviert mich. Im Fussball ist es jedoch nochmals ganz anders. Man hat sich gegenseitig gepusht. Ich merke nun, dass ich das auf der Bahn nicht habe, dort aber vielleicht auch nicht brauche. Dafür ist es mir neben dem Platz umso wichtiger.

Im vergangenen Jahr verletzten Sie sich und mussten lange pausieren. Wie wichtig war das Umfeld da?

Ich bin sehr optimistisch. Aber wenn es nach fünf Rennen immer noch nicht läuft oder die Verletzung nicht gut wird, dann ist es schwierig, alleine die Energie aufzubringen. Dann ist es gut, wenn man Leute um sich hat, die einem diese Energie geben, die einem sagen, was für ein geiler Siech man ist. Das ist auch der Grund, warum es mir so gut geht, obwohl ich leistungsmässig nicht dort bin, wo ich sein will. Es ist absolut mein Ziel, alles aus mir herauszuholen, Titel zu gewinnen und an einer Weltmeisterschaft oder bei Olympischen Spielen zu reüssieren. Ich werde auch alles dafür geben. Und doch ist das Wohlbefinden das wichtigste im Leben. Dabei spielt das Umfeld eine riesige Rolle.

Sie wollten sich in dieser Saison keinen Druck machen. Fiel Ihnen das leicht?

Ja, das ist mir gut gelungen. Wenn ich die ganze Geschichte anschaue, die Schwere der Verletzung, wann ich wieder rennen konnte, dann bleibt mir nichts anderes übrig. Ich sagte mir: Nimm die Saison wie sie kommt, mach einen so guten Aufbau wie möglich. Klar ist es mein Ziel, schneller zu werden. Aber ich muss Geduld haben und das Ganze langfristig sehen. Das ist nicht meine letzte Saison.

Als Sie bei der Schweizer Meisterschaft die WM-Limite unterboten, sah es so aus, als fiele der ganze Druck ab.

Klar, es gab viele Emotionen. Aber diese waren mehr im Sinne von: Schön, kann ich wieder laufen. Mir ist es gut gelungen, den Druck so klein wie möglich zu halten.

In Ihrer Disziplin, den 400 m Hürden, ist zuletzt viel passiert. Mit Karsten Warholm und Rai Benjamin liefen diese Saison zwei Athleten unter 47 Sekunden. Setzt Sie das unter Druck?

Nein, bei dieser Ausgangslage nicht. Mein Ziel ist es, zurückzukommen, eine Basis zu schaffen. Klar gehe ich in ein Rennen und will gewinnen. Aber man macht sich etwas vor, wenn man das Gefühl hat, mit der WM-Limite könne man mithalten. An der Spitze geht es momentan um den Weltrekord. Das ist für mich in dieser Saison zu weit weg.

Am Wochenende beginnt die WM in Doha. Die Ausgangslage ist eine ganz andere als vor zwei Jahren, als die WM in London stattfand.

Absolut. Vor London wusste ich, wenn ich meine Bestleistung abrufe, dann kann ich um eine Medaille laufen. Nun ist es komplett anders. Ich bin ehrlich zu mir. Aber ich reise auch mit dem Wissen an, dass alles passieren kann. Du kannst einen guten Tag haben, die anderen einen schlechten. Es ist meine einzige Chance, auf den Tag X zu warten und dort alles zu investieren.

Also stecken Sie sich doch höhere Ziele?

Klar kann alles passieren. Aber ich habe 49,21 auf dem Papier. Ich denke, das wird der Rahmen sein, in dem ich mich verbessern will. Vielleicht liegt eine Zeit um 48 Sekunden drin. An einem guten Tag ist schliesslich vieles möglich. Ich nehme nun Runde für Runde und will auch das Wettkampfgefühl geniessen. Vor zwei Jahren hätte ich nicht gesagt, dass ich dorthin reise, um Erfahrungen zu sammeln, aber es wird wohl darauf hinauslaufen.