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«Ich bin authentisch geblieben»

Das Schweizer Frauen-Nationalteam steht kurz vor der erneuten WM-Qualifikation. Coach Martina Voss-Tecklenburg verlässt die Schweiz nach den Qualifikationsspielen in Richtung Heimat.
René Barmettler, Kloten
Martina Voss-Tecklenburg: «Wenn ich Menschen in der Schweiz begegne, erlebe ich nur Positives.» (Bild: Christopher Lee/Getty (Breda, 26. Juli 2017))

Martina Voss-Tecklenburg: «Wenn ich Menschen in der Schweiz begegne, erlebe ich nur Positives.» (Bild: Christopher Lee/Getty (Breda, 26. Juli 2017))

Die Schweizer Frauen-Nationalmannschaft spielt heute in Minsk (17 Uhr) das drittletzte WM-Qualifikationsspiel gegen Weissrussland. Topfavorit Schweiz gab sich in der Gruppe 2 in den bisherigen fünf Partien keine Blösse und führt die Rangliste mit dem Punktemaximum an. Martina Voss-Tecklenburg (50) wird nach dieser Qualifikation verabschiedet, sie soll künftig das deutsche Nationalteam zu neuen Erfolgen führen. Im Herbst wird sie Interims-Coach Horst Hrubesch ablösen. «Es ist eine grosse Ehre, aber auch Verantwortung und gleichzeitig Verpflichtung, das Amt der Cheftrainerin beim zweimaligen Welt- und achtmaligen Europameister zu übernehmen», sagte die 125-malige Nationalspielerin, die einen Vertrag bis zur EM 2021 erhielt.

Voss-Tecklenburg, seit Februar auch Aufsichtsratsmitglied von Fortuna Düsseldorf, gilt nicht zuletzt dank ihrer Arbeit seit 2012 in der Schweiz als renommierte Fachfrau – Investor Bernhard Alpstaeg könnte sie sich gar als FCL-Trainerin vorstellen (Ausgabe vom Samstag). Sie führte die Schweizerinnen nicht nur 2015 zur WM- und zwei Jahre später zur EM-Premiere, sondern übernahm auch die Leitung des Frauenfussball-Ausbildungszentrums.

Unsere Zeitung sprach mit Voss-Tecklenburg am Freitag in Kloten, wo die Schweizerinnen die letzten Vorbereitungen für das Spiel gegen die Weissrussinnen trafen. Fragen zu ihrem künftigen Engagement in ihrer Heimat wollte sie keine beantworten, weil sie sich zu 100 Prozent auf die verbleibenden Aufgaben in der Schweiz konzentrieren möchte.

Martina Voss-Tecklenburg, als Kind haben Sie mit Cola-Büchsen gekickt, wurden eine erfolgreiche Fussballerin und haben mit der Schweiz als Trainerin Erfolge gefeiert. Wie erlebten Sie die letzten sechs Jahre in unserem Land?

Ich habe als Kind natürlich auch mit Bällen gekickt (lacht), aber das mit den Büchsen stimmt. Es gab wohl kaum eine Cola-Büchse, gegen die ich nicht gekickt habe. Nun, es sind sogar bereits sechseinhalb Jahre, seit ich in der Schweiz arbeite. Die Zeit ging unheimlich schnell vorbei. Das spricht aber für eine gute Zeit, die ich erleben durfte und während dieser ich spannende Erkenntnisse gewann.

Welche Erkenntnisse waren das?

Ich wusste damals, dass ich ein talentiertes Team übernahm. Aber ich wusste nicht, wie weit wir es bringen würden. Dass wir zweimal die Qualifikation für eine Endrunde derart souverän schaffen, konnte ich nicht ahnen. Die Entwicklung der Spielerinnen von Anfang an bis jetzt zu beobachten, war echt spannend. Die Unterschiede sind deutlich erkennbar.

Spürten Sie in der Schweizer Bevölkerung die Wertschätzung Ihrer Arbeit?

Wenn ich Menschen in der Schweiz begegne, erlebe ich nur Positives. Wegen des wachsenden Erfolges und der vermehrten medialen Auftritte wurde ich oft darauf angesprochen, «wie toll sich der Frauenfussball entwickelt». Vor allem auch von Frauen aus der Wirtschaft werde ich des Öfteren angesprochen.

Sind Sie hierzulande ein Vorbild für Frauen geworden?

Das weiss ich nicht. Aber ich hielt viele Vorträge, auch zum Thema «Frauen in Führungspositionen stärken». Die Wirtschaft ist – wie auch der Fussball – halt noch immer eine Männerdomäne.

Letztes Jahr schaffte es die Schweiz erstmals an eine Europameisterschaft. Sie und das Team gingen mit viel Selbstbewusstsein nach Holland, wo die Schweiz dann allerdings Lehrgeld zahlen musste. Wie viel Zeit brauchte es, um das Scheitern in den Gruppenspielen zu verdauen?

Wir zahlten Lehrgeld, weil wir erstmals etwas zu verlieren hatten. Ich würde im Nachhinein die Herangehensweise etwas verändern, wir sind mit dem selbst auferlegten Druck nicht klargekommen. Ich brauchte lange, um das frühzeitige Out zu verdauen, auch wenn wir nach dem verlorenen Startspiel gegen Österreich gut gespielt hatten. Aber zum Glück fand vier Wochen später bereits das erste WM-Qualifikationsspiel statt. Diese neue Situation hat geholfen, wieder zügig vorwärts zu schauen.

Im Vorfeld der EM 2017 hat man gemerkt, dass der Stellenwert des Fussballs auch in der Schweiz gestiegen ist. Hat diese Entwicklung durch das frühe Aus gelitten?

Das glaube ich nicht. Eine Endrunde zu erreichen, ist noch immer ein Mehrwert. Aber es kann schon sein, dass ein grösserer Erfolg zu mehr Anschub hätte führen können.

Einen Anschub bräuchte auch die Schweizer Frauenliga. Zuletzt musste der Meister FC Zürich bekanntgeben, dass künftig weniger Geld zur Verfügung steht. Muss man sich um die Zukunft des Mäd­chen- und Frauenspitzen­fussballs Sorgen machen?

Auch der FC Basel fährt sein Engagement zurück. Aufgrund dieser Tatsachen kann ich die Frage mit einem Ja beantworten. Die Super-League-Klubs haben eine Verantwortung gegenüber dem Frauenfussball. Das Budget muss klar sein, es sollte immer gleich sein. Und wenn gespart werden muss, könnte man dies anders regeln. Die Klubs haben eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu tragen. Bei Holstein-Kiel zum Beispiel ging es um 100 000 Euro, die auf Kosten der Frauen zusätzlich in den Männerspitzenfussball überführt hätten werden sollen. Das ist einfach nicht fair, die Chancengleichheit muss gewährleistet sein.

Weshalb erachten es noch immer nicht alle grossen Klubs der Schweiz für selbstverständlich, den Frauenfussball adäquat zu fördern?

Das ist schwierig nachzuvollziehen. Ob es um Handball, Turnen oder Fussball geht: Man hat in den Klubs die Verantwortung für die ganze Struktur. Das ist eine konzeptionelle Frage. Wer «A» sagt, muss auch «B» sagen.

Sie haben zusätzlich die Nachwuchs-Akademie in Huttwil und später in Biel geleitet. Sie bildeten Trainer aus, leisteten also mehr als einen 100-Prozent-Job. Ist die Schweiz gut genug aufgestellt, um ohne Sie auszukommen?

Wir haben mit dem ganzen Team eine richtig gute Basis geschaffen. Der Verband stellte ein viel grösseres Budget und mehr Manpower zur Verfügung. Ausserdem gibt es immer mehr Spielerinnen, die im Ausland spielen. Trotzdem glaube ich, dass mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin auf diesem Posten wieder ein Entwickler und kein Verwalter sein sollte.

Sie schafften es schnell, das Vertrauen der Spielerinnen zu gewinnen. Wie erreichten Sie das?

Ich bin authentisch geblieben. Ich hatte Vollzeit gearbeitet und gleichzeitig während 15 Jahren meine Tochter aufgezogen. Ich konnte deshalb die Ängste und Sorgen der Spielerinnen nachvollziehen. Ich gab ihnen Vertrauen und stärkte sie. Sie durften Fehler machen. Das ist die Voraussetzung, um an die Grenzen zu gehen. Ich kommunizierte viel und war immer ehrlich zu ihnen.

Sie sind im Moment noch so etwas wie die oberste Instanz im Schweizer Frauenfussball. Gibt es Situationen, in denen Sie selber jemanden um Rat bitten?

Natürlich gibt es die. Man kann sich nur weiterentwickeln, wenn man reflektiert. Wir besprechen uns im Staff immer objektiv. Auch mein Mann, der in der Regel eine weniger emotionale Sichtweise hat, ist mir eine Hilfe. Dazu tausche ich mich mit guten und erfolgreichen Trainern aus.

Ein Sieg gegen Weissrussland und ein Unentschieden gegen Schottland reichen definitiv für die WM-Endrunde. Sind die Tanks nach der langen Saison einiger Schlüsselspielerinnen wie Lara Dickenmann oder Ramona Bachmann noch genügend gefüllt?

Auf jeden Fall. Wir haben den Vorteil, dass wir in diesen Tagen nur ein Spiel zu absolvieren haben. Aber es war eine lange Saison. Ich spüre, dass die Spiele­rinnen nochmals 100 Prozent zu geben und Reserven anzuzapfen bereit sind. Wir werden unsere Aufgabe seriös erfüllen. Am Schluss muss das Resultat richtig sein, egal wie.

WM-Qualifikation. Frauen. Gruppe 2. Die restlichen Spiele der Schweiz. Heute. 15.30: Polen – Schottland. – 17.00: Weissrussland – Schweiz. Die restlichen Spiele der Schweizerinnen. 30. August: Schottland – Schweiz. – 4. September: Polen – Schweiz. Rangliste: 1. Schweiz 5/15 (15:3). 2. Schottland 5/12 (12:3). 3. Polen 4/7 (10:8). 4. Albanien 7/4 (5:20). 5. Weissrussland 6/3 (4:12). Modus: Der Gruppensieger qualifiziert sich für die WM, die besten vier der sieben Gruppenzweiten bestreiten ein Playoff.

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