Skiakrobat Noé Roth: «Ich bin froh, kein alpiner Skifahrer zu sein»

Der Baarer Noé Roth ist Gesamtweltcup-Sieger. Im Mittelpunkt zu stehen behagt ihm allerdings nicht.

Interview: Raphael Biermayr
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Noé Roth mit der grossen Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup. Auf dem Bild neben ihm ist seine Mutter Colette während ihrer Aktivkarriere zu sehen.

Noé Roth mit der grossen Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup. Auf dem Bild neben ihm ist seine Mutter Colette während ihrer Aktivkarriere zu sehen.

Bild: Maria Schmid (Baar, 12. März 2020)

Noé Roth, 19, wirkt entspannt, als er mit zerzausten Haaren die Tür zur elterlichen Wohnung in Baar öffnet. Diesen Eindruck vermittelt der 19-Jährige eigentlich immer, auch wenige Tage nach seinem bislang grössten Erfolg: Im sibirischen Krasnojarsk gewann er dank seines ersten Weltcup-Siegs am 8.März den Gesamtweltcup der Skiakrobaten. Es war die Krönung eines intensiven Monats mit sechs Wettkämpfen in fünf Ländern.

Die Organisation dieses Interviews lief über Ihren Vater, weil Ihr Handy seit einigen Tagen nicht mehr funktioniert. Das ist wohl besonders ärgerlich angesichts der vielen Gratulanten.

Noé Roth: Das Abo ist gesperrt, weil ich vergessen habe, eine Rechnung zu zahlen. Das ist nicht so schlimm. Ich kann zwar momentan niemanden zurückrufen und keine SMS schicken, aber mit einer WLAN-Verbindung kann ich noch auf Whatsapp und anderen Diensten schreiben.

Gingen denn seit Ihrem Gesamtweltcupsieg viele Gratulationen ein?

Ja, es kamen schon einige Nachrichten zusammen.

Noé Roth

(bier) Der 19-jährige Baarer Noé Roth wurde in der abgelaufenen Saison Gesamtweltcup-Sieger in der Skiakrobatik. Bereits 2019 machte er bei den Weltmeisterschaften mit dem Gewinn der Bronzemedaille als Einzelathlet und der Team-Goldmedaille auf sich aufmerksam. Im Februar 2018 nahm er an den Olympischen Winterspielen in Südkorea teil (Rang 16) und wurde kurz darauf Juniorenweltmeister. Roths Mutter Colette gewann in der Saison 1995/96 den Gesamtweltcup und 1998 die Olympia-Bronze. Trainiert wurde die Zugerin von Michel Roth, ihrem heutigen Mann. Dieser ist seit 1991 Nationaltrainer und betreut heute auch seinen Sohn Noé.

War eine darunter, die Sie erstaunte?

Ja, die von Karl Frehsner, dem ehemaligen Skitrainer. Er schrieb mir, obwohl ich ihn gar nicht kenne.

In der Weltcup-Saison war auffällig, dass die starken Chinesen selten am Start waren. Profitierten Sie bei Ihrem Gesamtsieg etwa vom Corona-Virus?

Die Chinesen durften wegen des Virus nicht in die USA und nach Kasachstan einreisen, das stimmt. Aber an den Wettkämpfen, an denen sie dabei waren, schlug ich sie.

Also waren Sie tatsächlich der Beste der Saison?

Ja, doch. Wenn der Russe Pavel Krotov allerdings in Kasachstan gestartet wäre, wo er nicht einreisen durfte, wäre wahrscheinlich er Gesamtsieger geworden.

Feierten Sie den Erfolg?

Ein bisschen, mit Freunden und mit Athleten anderer Nationen. Aber ich fühle mich ehrlich gesagt nicht sehr wohl dabei, gefeiert zu werden. Deshalb kann ich auch sagen: Ich bin froh, kein alpiner Skifahrer zu sein. Das ganze Drumherum wäre mir wohl zu viel.

Schrieben Sie schon mal ein Autogramm?

Das schon, aber nie in der Öffentlichkeit, sondern an Veranstaltungen, an denen man wusste, wer ich war.

Aber eine grössere finanzielle Wertschätzung würden Sie schon geniessen.

Auf jeden Fall.

Wie viel bringt Ihnen der Gewinn des Gesamtweltcups ein?

Der Verband Swiss-Ski bezahlt mir eine Prämie von 3000 Franken. Dazu kommt das Preisgeld im Weltcup. Der erste Platz bringt mir 12 000 Franken, davon werden Steuern abgezogen.

Und was kostet Sie eine Saison?

Das weiss ich nicht genau. Wir erhalten vom Verband 3000 Franken, damit sind fast alle Reisekosten gedeckt.

Was wird der Gewinn des Gesamtweltcups Ihnen bezüglich Sponsoring bringen?

Das ist schwierig zu sagen, unsere Sport­art ist und bleibt eine Randsportart. Ich hoffe natürlich, dass mir der Erfolg bei der Sponsorensuche hilft. Es liegt aber auch an mir, diesen zu nutzen und Leu­te um Unterstützung anzufragen.

Vielleicht helfen Ihnen Kontakte aus Ihrer KV-Lehre dabei.

Ich brach die Lehre im vergangenen Jahr ab.

Warum?

Den ganzen Tag am Computer zu arbeiten war für mich als Bewegungsmensch einfach nicht möglich. Ich hasste es geradezu.

Haben Sie einen Plan B für Ihre Ausbildung?

Ich setze seither ganz auf den Sport. Solange ich zu Hause wohne, geht das. Und am 14. April geht es in die Sportler-RS nach Magglingen.

Der Chef Ihrer ehemaligen Lehrfirma ist Urs Lehmann, der auch Swiss-Ski vorsteht. Wie reagierte er auf den Lehrabbruch?

Er war nicht begeistert davon, akzeptierte meine Entscheidung aber natürlich.

Die Sportler-RS werden Sie mit Ihrem Teamkollegen und Freund Pirmin Werner absolvieren. Wie wichtig war er für Ihren Erfolg in der abgelaufenen Saison?

Wir beide sind sehr wichtig füreinander, denn wir pushen uns die ganze Zeit. Wir machen aus allem einen Wettkampf. Beispielsweise fordern wir den anderen auf dem Trampolin auf, einen Sprung nachzumachen. Wer dabei verliert, kriegt es danach eine Weile zu hören – und das will keiner von uns.

In einem Interview nach Ihrem Gesamtweltcup-Sieg sagten Sie, Ihr Erfolg habe Sie selbst überrascht. Warum hat er das?

Dass ich gewann, überraschte mich nicht. Denn ich wusste, dass ich den Wettkampf gewinnen musste, um Gesamterster zu werden. Damit gerechnet hatte ich allerdings nicht.

Es war auch zu lesen, dass Sie in der Qualifikation zum letzten Weltcup-­Springen vom Wind stark beeinträchtigt wurden. Was war da genau los?

Bei der Fahrt zur Schanze erfasste mich eine Rückenwindböe, weshalb ich schneller als normal unterwegs war. Die höhere Geschwindigkeit musste ich im Flug korrigieren, indem ich meine Arme hob, um die Rotation zu verringern. Aber das war nicht wild, denn es gibt immer mal wieder solche Situationen.

Welche Geschwindigkeiten erreichen Sie bei der Fahrt?

In der Regel sind es etwa 68 Stundenkilometer, in Krasnojarsk war ich vermutlich zwei Stundenkilometer schneller – das macht extrem viel aus.

Würden Sie sich als mutige Person bezeichnen?

Ja, ich denke schon. Mein Motto lautet «No risk no fun».

Wie zeigt sich dieses Motto, abgesehen von der Skiakrobatik?

Ich probiere gern neue Sachen aus, sei es auf dem Sprungbrett oder auf dem Trampolin.

Ihr Vater sagt über Sie, sie würden nie nervös. Warum nicht?

Am Weltcup-Final war ich schon etwas nervös, das muss ich zugeben, vor allem in der Qualifikation. Auch darüber hinaus stimmt es nicht, dass ich nie nervös bin – aber selten stark.

Viele Leute macht die Situation wegen des Corona-Virus nervös. Sie reisten binnen vier Wochen in die USA, nach Georgien, Russland, Weissrussland, Kasachstan und erneut nach Russland. Hatten Sie deshalb keine Bedenken?

Nein, darüber machte ich mir keine Gedanken. Ich sah aber viele Leute, die eine Maske trugen und manche Flugzeuge waren ziemlich leer. So hatte ich zum Beispiel auf dem Heimflug von Russland eine ganze Sitzreihe für mich. Das war also eine ganz angenehme Auswirkung (schmunzelt).

Haben Sie nach dem Gewinn des Gesamtweltcups neue sportliche Ziele, die Sie verfolgen werden?

Meine Ziele ändern sich nicht. Mir geht es immer darum, bestmöglich zu springen. Nächstes Jahr will ich an der Weltmeisterschaft in China und 2022 an den Olympischen Spielen so weit vorn wie möglich landen.

Erster Weltcupsieg für Noé Roth

Noé Roth feiert beim Weltcup-Finale in Krasnojarsk gleich doppelt. Der 19-Jährige realisiert endlich seinen ersten Sieg im Weltcup und sichert sich gleichzeitig auch den Sieg in der Gesamtwertung.