Granit Xhaka vor dem Nati-Spiel in Luzern: «Ich bin so gut wie noch nie»

Vor dem Spiel gegen Belgien in Luzern (Sonntag, 20.45/SRF zwei) spricht Granit Xhaka über die Schweizer Nationalmannschaft, das Leben in London und erklärt, warum er bei Arsenal mehr Wertschätzung spürt.

Interview: Etienne Wuillemin
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Hat nun auch bei Arsenal eine tragende Rolle: Granit Xhaka. (Bild: Adam Pretty/Getty (Samara, 12. Juni 2018))

Hat nun auch bei Arsenal eine tragende Rolle: Granit Xhaka. (Bild: Adam Pretty/Getty (Samara, 12. Juni 2018))

Granit Xhaka, wie ausführlich müssen wir über das Spiel Schweiz –Katar sprechen?

Wie Sie mögen. Wir können auch ausschliesslich darüber reden. Kein Problem.

Das lassen wir. Trotzdem: Was sagt dieses Spiel aus über das Nationalteam?

Es war ein Ausrutscher. Und natürlich waren wir schlecht. Aber ich bedaure eben auch, dass wir auf einem Platz spielen mussten, wo man vor jeder Ballannahme zuerst schauen muss, dass man sich nicht verletzt. Das soll keine Ausrede sein. Wir hätten gegen Katar auch unter diesen Umständen gewinnen müssen.

Nun folgt am Sonntag der «Final» in der Nations League gegen Belgien. Was fehlt diesem Team zu einem Exploit gegen einen Weltklasse- gegner?

Ich wage zu sagen, es liegt nicht an der Qualität. Wir verloren gegen England 0:1, gegen Belgien 1:2, aber wir mussten ja nicht hinstehen und sagen: ‹Wow, die haben uns auseinandergenommen, zum Glück haben wir nicht höher verloren.› Im Gegenteil. Es waren gute Spiele. Vielleicht liegt es an der Cleverness. Wir müssen künftig auch einmal ein Unentschieden über die Zeit bringen. Aber nicht dass jetzt jemand meint, ich wäre am Sonntag mit einem 1:1 zufrieden.

Es gab eine Phase, bis zum WM- Achtelfinal, da verlor die Schweiz von 25 Spielen nur eines. Seither sieht die Bilanz anders aus: Sechs Partien, vier Niederlagen. Wird man da plötzlich unsicher?

Wir verlieren deswegen nicht das Vertrauen. Aber zugegeben, jeder Spieler hat ein anderes Selbstverständnis auf dem Platz, wenn er weiss: am Ende gewinnen wir doch immer.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic hat den Herbst zur Phase des Experimentierens ausgerufen. Was bleibt?

Dass wir einen Plan B haben. Wir haben dreimal mit Dreierkette gespielt. Das gibt uns Möglichkeiten, wenn wir Alternativen brauchen, einen Rückstand aufzuholen, oder auch mal zu mauern. Zwar verloren wir alle drei Spiele mit Dreierkette, aber das bedeutet nicht, dass alles schlecht war. Das ist normal in einem Entwicklungsprozess.

Wie sehen Sie rückblickend Ihre persönliche Leistung an der WM?

Man kann immer besser spielen. Der Achtelfinal war nicht das beste Spiel. Auch nicht von mir. Genau dann, als es hätte sein sollen. Leider.

In Russland ist viel passiert. Es gab die Geschichten rund um Ihren Jubel mit dem Doppeladler. Es gab danach die Debatten über die Doppelbürger mit all ihren Folgen. Und mitten drin Sie als Nationalspieler. Können Sie aus diesen Monaten etwas mitnehmen, das Sie vielleicht im Reifeprozess weiterbringt?

Vielleicht. Aber ich sehe das nicht an erster Stelle, dass ich davon hätte profitieren können. Es gibt für mich mehr enttäuschende, ja gar traurige Aspekte, die im Vordergrund stehen.

Konkret?

Rund um Schweiz gegen Serbien waren sehr viele Emotionen im Spiel. Aber ab dem Moment des Schlusspfiffs dieser Begegnung war die WM eigentlich vorbei. Es ging nie mehr um den Fussball. Was in den Wochen und Monaten danach auf uns einprasselte, war aus meiner Sicht übertrieben. Und darum enttäuschend. Und ich bin sicher, dass die Diskussionen auch noch während der WM einige Spieler beeinflussten.

Im ersten Zusammenzug des Nationalteams nach der WM standen Sie als Team geschlossen vor die Medien, sprachen über Ihre Wahrnehmung der Geschichte, auch darüber, was in Ihnen vorging. Konnten Sie das Erlebte nun verdauen?

Das Schlimme ist ja: Egal, wo du hinkommst, irgendein Spruch kommt eben immer wieder. Das hat man bei Xherdan Shaqiri gesehen, er durfte darum auch nicht nach Belgrad ans Champions-League-Spiel. Ich habe es kürzlich erlebt in einem Spiel mit Arsenal gegen Crystal Palace, als ich mir von Zuschauern Schimpf und Schande anhören musste. Ich frage mich: Was soll das? Wo führt das hin? Wenn ich darüber nachdenke, macht mich das traurig. Im Rückblick muss ich sagen: Ich hätte nie gedacht, dass wir so einen Einfluss haben. Und dass eine kleine Geste so einen Knall auslöst.

Sie sind seit etwas mehr als zwei Jahren in London zu Hause. Wie ist das Leben in der Grossstadt?

Ich kenne die Stadt auch heute noch nicht wirklich. Nicht, weil ich nicht will. Aber ich brauche die Ruhe zu Hause. Ich könnte auch frei herumlaufen, das wäre alles kein Problem. Aber wenn man so viele Spiele hat, dauernd unterwegs ist, dann sehnt man sich manchmal einfach nach Erholung.

Aber Ihre Frau möchte doch sicher die Vorzüge von London geniessen?

Na klar, und das soll sie auch! Ich schreibe ihr ja nicht vor, dass sie stets zu Hause bleiben müsste (lacht). Aber sie hat viel Verständnis. Der Genuss zu zweit kommt nicht zu kurz.

Zurück zum Fussball. Der Eindruck von aussen ist: Sie haben bei Arsenal an Präsenz, Selbstverständnis, aber auch Dominanz gewonnen.

Es ist eindeutig meine beste Saison bis jetzt.

Dann würden Sie auch sagen: ‹So gut wie heute war ich noch nie.›

Ja.

Ohne Zweifel?

Ohne Zweifel. Ich glaube, ich habe nochmals einen Schritt nach vorne gemacht.

Woher kommt das?

Zunächst einmal war es ein tolles Zeichen des Vereins, meinen Vertrag vorzeitig zu verlängern, neu bis 2023. Das war schon vor der WM und für mich ein riesiges Zeichen von Wertschätzung. Ich wusste: Aha, ich bin dem Verein sehr wichtig. Und dann ist natürlich Trainer Unai Emery ein wichtiger Grund. Ich hatte bis nach der WM nie Kontakt mit ihm. Erst im Urlaub. Als ich dann zurück im Training war, hat er mir als erstes gleich gesagt: ‹Granit, du bist einer meiner fünf Captains.› Bei einem der besten zehn Klubs weltweit. Das macht schon stolz. Und gibt Vertrauen.

Der Trainer scheint bedingungslos auf Sie zu setzen. Das geht so weit, dass er Sie in der Not auch als linken Aussenverteidiger nominiert.

Er will einfach Konkurrenz für Ricardo Rodriguez schaffen im Nationalteam (lacht schallend). Das ist tatsächlich eine Vertrauenssache. Er fragte mich: ‹Granit, kannst du das?› Ich sagte: ‹Ja, warum nicht. Ich habe da einfach noch nie gespielt.› Und dann war ich eben plötzlich hinten links.