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Interview

Wenn Marco Odermatt durchdreht, weil Reto Schmidiger einfädelt

Sie kennen sich, seit sie Kinder sind, sie gehören dem Skiklub Hergiswil an, sie fuhren in der letzten Saison alle im Weltcup in die Punkteränge: Andrea Ellenberger, Marco Odermatt und Reto Schmidiger. Die drei Freunde ziehen Bilanz.
Claudio Zanini
Nidwaldner Trio: Andrea Ellenberger, Marco Odermatt (Mitte) und Reto Schmidiger. (Bild: Boris Bürgisser (Hergiswil, 5. April 2019))

Nidwaldner Trio: Andrea Ellenberger, Marco Odermatt (Mitte) und Reto Schmidiger. (Bild: Boris Bürgisser (Hergiswil, 5. April 2019))

Sie alle hatten eine verrückte Saison, einverstanden?

Marco Odermatt: Wahrscheinlich schon. Jeder auf seine eigene Art. Meine Podestplätze kamen etwa gleich unerwartet wie die WM-Teilnahme für Andrea.

Im Teamevent gewannen Sie (Andrea Ellenberger, Anm. d. Red.) sogar die Goldmedaille.

Reto Schmidiger: Wenn man weiss, wie schwierig es Andrea mit all diesen Verletzungen hatte ... Sie wurde belohnt, dass sie den Weg beharrlich weiterging.

Und das ohne Kaderzugehörigkeit. Ende April kommen die Selektionen. Sind Sie nun in einem Swiss-Ski- Kader?

Ellenberger: Ich bin im A-Kader in der nächsten Saison. Es war sicher ein Traumwinter, aber ich habe noch nicht zwei gute Läufe hintereinander gezeigt. Es liegt noch mehr drin.

Reto Schmidiger, Sie kamen aus einer Verletzungspause und erlebten eine typische Comeback-Saison. Haben Sie mehr erwartet?

Schmidiger: Es war schwierig, überhaupt etwas zu erwarten. Erhofft habe ich mir bessere Resultate im Weltcup. Extreme Defizite hatte ich bei schwierigen Verhältnissen. Daran muss ich arbeiten.

Leidet man in schwierigen Situationen mit den anderen mit, oder ist man zu sehr Einzelsportler?

Odermatt: Klar, je näher man jemandem steht, desto mehr fiebert man mit. Als Reto im Slalom von Adelboden diesen starken ersten Lauf zeigte, war ich bereits zu Hause. Ich bin fast durchgedreht auf dem Sofa, als er im zweiten Lauf den Einfädler hatte.

Ellenberger: Da war ich auch am Durchdrehen (lacht). «Mitleiden» ist wohl das falsche Wort, das tönt mir zu negativ. Ich weiss, was Reto kann, deshalb traue ich ihm sehr viel zu.

Andrea Ellenberger, Marco Odermatt (Mitte) und Reto Schmidiger beim Finale des Migros GP in Brigels 2005. (Bild: Walter Odermatt)

Andrea Ellenberger, Marco Odermatt (Mitte) und Reto Schmidiger beim Finale des Migros GP in Brigels 2005. (Bild: Walter Odermatt)

Gibt es keinen Neid untereinander? Schliesslich will jeder der Beste sein.

Schmidiger: Dass ich der Schnellste sein will, wenn ich am Start stehe, ist normal. Wenn du diesen Anspruch nicht hast, kannst du sofort aufhören. Aber den Erfolg solltest du anderen gönnen können. Wenn du nur glücklich bist, wenn du selbst zuoberst stehst, wärst du nur 3 bis 4 Tage im Jahr zufrieden.

Odermatt: Ganz ehrlich, es gibt nichts Cooleres, als erfolgreich zu sein, wenn drei deiner Teamkollegen ebenfalls ein gutes Resultat gelingt.

Kriegt man oft Gratulationen von Fahrer anderer Nationen?

Odermatt: Durchaus. Es liegt in der Natur der Sache, dass du mit den benachbarten Startnummern mehr Kontakt hast als etwa mit Marcel Hirscher, der mit der 1 startet und im zweiten Lauf als Letzter. Dem begegnest du an einem normalen Tag kaum.

Stichwort Hirscher.

(Allgemeines Gelächter).

Der Österreicher hat in Adelboden gesagt, Marco könne Olympiasieger und alles Mögliche werden. Marcos Vater hat diese Aussagen öffentlich als übertrieben kritisiert. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Schmidiger: Grundsätzlich ist das ein Spiel. Hirscher hat zwei Möglichkeiten, entweder sagt er nichts in diesem Interview, oder er sagt, wie er Marcos Zukunft sieht. Was er gesagt hat, liegt im Bereich des Möglichen, aber man muss berücksichtigen, wie viel es braucht, um solche Ziele zu erreichen.

Ellenberger: Ich denke, Marcel Hirscher sagt nichts Unüberlegtes. Und eigentlich wollten die Medien genau solche Komplimente hören, die Frage zielte eindeutig darauf ab. Wer Marcos Vater kennt, der weiss: Er will, dass sein Sohn auf dem Boden bleibt, deshalb ist die Reaktion nachvollziehbar.

Begabung früh entdeckt

Die drei Weltcup-Fahrer Andrea Ellenberger (26), Marco Odermatt (21) und Reto Schmidiger (26) stammen vom Skiklub Hergiswil. Die Väter von Marco und Reto sorgten früh für professionelle Strukturen in Nidwalden: Walter Odermatt (51) und Paul Schmidiger (55) gehörten beide dem Vorstand des Skiklubs an und riefen 2004 die Begabtenförderung Ski alpin Hergiswil ins Leben – eine Institution, die Schule und Training von jungen Athleten besser koordiniert. «Mit Reto und Andrea gab es damals zwei Talente, wie wir sie nie zuvor hatten. Das motivierte uns, diese Begabtenförderung zu schaffen», sagt Walter Odermatt. (cza)

Die Öffentlichkeit erwartet sehr viel. Wie erklärt man einem Laien, dass ein Platz in den Top 30 schon eine Leistung ist?

Schmidiger: Niemand interessiert sich für den 30. Platz. Oder mögen Sie sich an einen 30. Platz erinnern?

Spontan nicht, nein.

Schmidiger: Ich glaube, das ist ein gesellschaftliches Problem. Grundsätzlich interessiert schon der 4. Platz keinen mehr, ausser du bist der beste Schweizer. Ich lese in der Zeitung oft Titel mit «nur Vierter».

Ellenberger: Das ist auch normal. Generell fährt man sich in eine Rolle. Es spricht für einen Fahrer, wenn von ihm viel erwartet wird.

Die Preisgelder sind abseits des Podests tief. Gar zu tief?

Ellenberger: Viele Leute staunten, als sie hörten, wie viel ich für den 11. Platz in Kronplatz gekriegt habe. 1100 Franken waren es. Da ist man zwar knapp an den Top 10 dran, aber es interessiert dennoch kaum jemanden.

Odermatt: In Kranjska Gora wurde ich Dritter im Riesenslalom. Ein Weltcup-Podest lag jahrelang weit weg. Ich dachte, ich sei nun ein «Siebesiech», aber ich habe 7000 Franken bekommen. Wenn man das beispielsweise mit Preisgeldern im Tennis vergleicht, sind das Welten.

Dem Skisport wird kaum Wachstumspotenzial vorausgesagt. Spüren Sie das bei Weltcup-Rennen?

Odermatt: Wenn ältere Kollegen wie Carlo Janka oder Beat Feuz erzählen, war es schon anders. Früher hatte die Nummer 60 der Welt ein Fixum der Skifirma, wie es heute die Nummer 20 der Welt kriegt. Die Hersteller verkaufen weniger und somit ist logischerweise auch weniger Geld für die Athleten vorhanden.

Und die FIS scheint sich zurzeit ein wenig zu verzetteln. Die Kombination soll wieder einen Aufschwung erleben, Parallel-Wettbewerbe will man ebenfalls forcieren.

Schmidiger: Bezüglich Vermarktung wird bei der FIS schlecht gearbeitet. Wenn ich sehe, wie etwa die Formel 1 ihren Instagram-Account bespielt. Da kommen Highlights am Laufband raus. Auch hintergründige Videos, das wäre ja bei uns alles auch möglich.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Strömen die Jungen zurzeit in den Skiklub Hergiswil, dank den drei Aushängeschildern?

Ellenberger: Ich denke, bei uns ist es nicht anders als bei anderen Skiklubs. Leider kommen zu wenig Junge nach. Und das führt dazu, dass das Niveau zu wenig hoch ist.

Odermatt: Zu meinen Zeiten hatten wir eine Renngruppe mit etwa 10 Leuten, die Chancen hatten, in ein Swiss Ski-Kader zu kommen.

Schmidiger: Skifahren ist eine Sportart, in die du viel investieren musst, finanziell und zeitlich. Und in der Startphase kommt das vor allem von den Eltern.

Ellenberger: Ich glaube, das schreckt viele Eltern ab. Ein Wochenende mit den Kindern Skifahren gehen, ist einfach teuer. Wir drei können uns das fast nicht vorstellen. Wenn wir auf den Berg gehen, bezahlt das Swiss Ski.

Sie hatten alle ihre Verletzungsgeschichten. Startet man in eine Karriere und sagt sich gleichzeitig: Früher oder später erwischt es mich?

Odermatt: Da kann Andrea wohl am meisten erzählen.

Ellenberger: (schmunzelt) Man weiss, dass das ein Teil des Sports ist. Wie ein Restrisiko, wenn du auf dem Bau arbeitest. Aber das darf dir nicht jeden Tag bewusst sein. Man kann nicht am Berg stehen, eine Topleistung abrufen wollen und gleichzeitig an eine Verletzung denken. Ich musste einfach lernen, dass nicht alle gleich oft verletzt sind.

Können Sie sich an Ihre erste Begegnung erinnern?

Odermatt: Ihr wart doch in derselben Schule in Hergiswil.

Ellenberger: Nein, ich war auf der Sonnenseite in der Matt, Reto nicht, er war im Dorfschulhaus hinter dem Lopper.

Schmidiger: (lacht) Jetzt fängt das an ...

Odermatt: Als gäbe es in Hergiswil eine Schattenseite …

Ellenberger: Reto und ich kennen uns wohl, seit wir 6-jährig sind. Wir haben uns jedenfalls alle durch den Skiklub Hergiswil kennen gelernt.

Inwiefern sind Sie noch involviert beim Skiklub. Helfen Sie mit?

Odermatt: Natürlich nicht mehr so wie früher. Aber an den GVs, 1. August-Feiern, am Weihnachtsmarkt.

Schmidiger: Zelte aufstellen, abräumen, da helfen wir gerne. Aber nach der Karriere haben wir sicher mehr Zeit, um etwas zurückzugeben.

Waren Sie immer die besten Fahrer im Skiklub?

Odermatt: Sicher bei den besten dabei, aber nie die allerbesten. Ich hatte meist drei bis vier Fahrer vor mir.

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