Eishockey Nati-Trainer Fischer im grossen Interview: «Ich glaube nicht mehr an laute Worte»

Wie tickt der Nationaltrainer, der gerade seinen Vertrag bis 2024 verlängert hat? Ein Gespräch mit Patrick Fischer über den Lernprozess in seiner Karriere, die Eishockey-Schweiz und die Heim-WM im kommenden Jahr. Dazu verrät er, wie er reagiert, wenn ihm die New York Rangers die Trainerstelle offerieren.

Klaus Zaugg
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«Heute muss ich niemandem mehr sagen, wann es Zeit ist, um zu schlafen.» Nationaltrainer Patrick Fischer im Gespräch. Bild: Sandra Ardizzone (Zürich, 30. Oktober 2019)

«Heute muss ich niemandem mehr sagen, wann es Zeit ist, um zu schlafen.» Nationaltrainer Patrick Fischer im Gespräch. Bild: Sandra Ardizzone (Zürich, 30. Oktober 2019)

Was ist der Unterschied zwischen dem Patrick Fischer von heute und dem Patrick Fischer, der im Herbst 2016 nach drei Jahren in Lugano ­gescheitert ist?

Patrick Fischer: In Lugano sind schon viele gescheitert. Ich bin immer noch stolz darauf, dass wir mit einer Mannschaft in meine dritte Saison gingen, die zu 54 Prozent aus Spielern aus ­unseren eigenen Junioren bestand. ­Diese Identifikation mit dem Klub war unsere Vision.

Aber Sie haben sicherlich die ­Lehren daraus gezogen?

Als ich in Lugano Trainer wurde, hatte ich keine Erfahrung. In den vier Jahren als Nationaltrainer habe ich schon sehr viel gelernt. Einerseits durch den Einblick ins Eishockey anderer Länder, und andererseits kann ich bei den Coaches in der Liga vorbeischauen. Durch diese Erfahrung bin ich taktisch viel besser geworden.

Und in der Art und Weise wie Sie die Spieler führen?

Ich wollte schon immer eine gute ­Stimmung in der Mannschaft. Damit sich alle wohlfühlen und sich keiner verkrampft. Darauf lege ich grossen Wert. Inzwischen bin ich am Punkt ­angelangt, an dem ich nicht mehr an Bestrafung und an laute Worte glaube. Wenn einer nicht gut spielt, dann weiss er es selbst am besten. Es ist mein Job herauszufinden, warum er nicht gut drauf ist. Habe ich ihn falsch eingesetzt, überfordert oder unterfordert? Hat er private Sorgen? Ich bin sein Coach, und ich versuche ihm zu helfen, wieder in die Bahn zu kommen. Wir hatten bei den letzten drei Weltmeisterschaften keinen einzigen Spieler mehr, der ­abgefallen ist. Es ist wichtig, dass die jungen Spieler locker bleiben und sich nicht verkrampfen.

Besteht die Gefahr, dass Sie zu nachgiebig, zu «weich» sind?

Nein. Ich kann hart und konsequent sein. Ich bin authentisch und sage, was ich will und was ich denke. Aber auch die Wertschätzung der Spieler ist sehr wichtig. Es spielt keine Rolle, wie einer heisst. Es geht um die Leistung, ohne Rücksicht auf Namen und Verdienste. In meiner Anfangszeit als Coach habe ich zu oft die Konfrontation mit den Spielern gesucht.

Sie passen also Ihren Führungsstil der neuen Generation an?

Ich habe kein gutes Gefühl, wenn ich laut werde. Wenn einer etwas nicht gut macht, dann spreche ich ihn darauf an, und dann diskutieren wir das aus. Das war bei Ralph Krueger sehr ähnlich. Es geht darum, Klarheit zu schaffen, indem jeder weiss, was wir von ihm erwarten und welche Rolle er spielt. Die jungen Spieler wollen wissen, woran sie sind. Sie wissen sehr viel und sie haben auch eine sehr hohe Leistungs- und Verzichtsbereitschaft. Die sind sehr weit, weiter als wir es damals waren, sie sind fit und sie sind reif. Ich muss heute ­keinem mehr sagen, wann es Zeit ist, schlafen zu gehen.

Wie ist Ihre Einstellung zu den sozialen Medien?

Wir informieren vor den Zusammenzügen über Gefahren. Und empfehlen beispielsweise, darauf zu achten, keine unbedachten Kommentare ins Netz zu stellen. In der Garderobe und am ­Esstisch dulde ich keine Smartphones. Sonst schaut jeder auf sein Gerät und wir reden nicht mehr miteinander.

Nach vier WM-Turnieren im ­Ausland steht nun ab dem 8. Mai 2020 die Heim-WM in Zürich an. Ralph Krueger hat 2009 für viel Auf­regung gesorgt, als er vom «Heim-Nachteil» sprach. Ändern Sie deshalb etwas bei der Vorbe­reitung?

Die Saison läuft nach dem gleichen Plan. Beim November-Zusammenzug mit dem Deutschland-Cup erhalten junge Spieler wie bisher die Chance, sich zu empfehlen. Beim Heimturnier im Dezember in Visp treten wir erneut mit der bestmöglichen Mannschaft an, und im Februar geben wir wie gewohnt jungen Spielern eine Chance auf internationale Erfahrungen. Aber eine WM im eigenen Land ist etwas anderes.

Was ist der Unterschied?

Es gibt viel mehr Ablenkung. Alle ­haben ihre Familien, Freunde, ­Freundinnen sozusagen gleich um die Ecke. Es ist nicht so, dass die Spieler ihre ­Familien während der WM nie ­sehen. Aber eben nur zu einer ganz ­bestimmten Zeit. Wir leben sehr stark vom Teamgeist, und deshalb braucht es eine klare Abgrenzung. Bei einer WM im Ausland sind wir unter uns. Wir ­haben im Spielerhotel einen Gemeinschaftsraum, den wir unsere SAC-­Hütte nennen. Dort sind immer gut ein ­Dutzend Spieler.

Wie erklären Sie eigentlich einem Laien den Unterschied zwischen nationalem und internationalem Hockey?

Es ist sehr erfreulich, wie sich unsere Liga entwickelt. Die vermeintlich ­kleinen Teams sind noch besser ge­worden. Sie spielen schnell, intensiv und gut strukturiert. Wir haben sehr gute Coaches, die unsere Liga besser ­machen. Die Russen sagen, gutes ­Eishockey beginne mit einem Pass und ende mit einem Schuss, bei den ­Kanadiern fange alles gleich mit einem Schuss an. Dieses wilde nord­amerikanische Hockey können wir eigentlich schon lange. Nun bringen sehr gute Coaches aus Finnland und Schweden das gepflegtere Hockey mit einer ­besseren Auslösung und besseren Pässen.

Aber es gibt einen Niveau-Unterschied zwischen der Liga und einer WM?

Ja. Der Hauptunterschied zwischen der Liga und dem internationalen Hockey ist die Zweikampfstärke ums Tor herum, im «Million Dollar Spot». Wer ist der grösste Gegner, wenn wir über die blaue Linie kommen? Der Torhüter. Er macht uns am meisten Schwierig­keiten. Also müssen wir ihn aus dem Konzept bringen. Einer muss ihn ­einfach konsequent stören, und so beschäftigen wir auch noch einen Ver­teidiger. Denn wenn einer vor dem Torhüter steht, muss dort auch ein Ver­teidiger sein. In der Liga wird zu wenig konsequent der Weg vors gegnerische Tor gesucht. In der NHL ist dies in­zwischen ein zentraler Faktor. Bei der WM sind wir in diesem Bereich besser geworden.

Sie dürften ja Ihr WM-Team im Kopf haben. Welche Positionen machen Ihnen Sorgen? Die ­Torhüter?

Nein. Sie denken das wohl, weil Leo Genoni in Zug noch nicht sein bestes Hockey spielt und Reto Berra mit ­Gottéron weit hinten klassiert ist. Aber Genoni hat auf Schwierigkeiten noch immer die richtige Antwort gefunden, und Gottérons Probleme haben nichts mit Berra zu tun. Beide sind auch auf internationalem Niveau sehr gute ­Goalies. Worüber ich mir vor allem ­Gedanken mache: wir sind auf der ­Center-Position dünn besetzt.

Es wird also wichtig sein, dass Nico Hischier und Gaëtan Haas bei der WM dabei sind.

Ja, mindestens einer der beiden. Ich wünsche mir mehr starke Center. Sie nehmen eine sehr wichtige Position ein, und ich kann verstehen, dass viele Klubs die erste und zweite Center- Position mit einem ausländischen ­Spieler besetzen.

Haben Sie eigentlich eine Ausstiegsklausel für die NHL in Ihrem Vierjahresvertrag?

Nein, ich wollte keine solche Klausel. Meine Vertragsverlängerung ist ein ­Bekenntnis zur Nationalmannschaft ohne «Wenn» und «Aber». Ich verlange dieses Bekenntnis ja auch von meinen Spielern.

Und wenn Ihnen im nächsten Sommer die New York Rangers den Cheftrainerposten anbieten?

Dann sage ich nein.