«Ich habe es allen Kritikern gezeigt»

Der Adligenswiler Stephan Lichtsteiner (29) ist im Topsegment des internationalen Fussballs einer der begehrtesten Aussenverteidiger. Ein Gespräch über Karriereplanung, den persönlichen Reifeprozess und die Aufstellung gegen Zypern.

Andreas Ineichen, Mont-Pèlerin
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Ein Leader im Schweizer Nationalteam: der Luzerner Stephan Lichtsteiner, hier beim Testspiel im letzten Jahr gegen Deutschland. (Bild: EQ/Bernd Feil)

Ein Leader im Schweizer Nationalteam: der Luzerner Stephan Lichtsteiner, hier beim Testspiel im letzten Jahr gegen Deutschland. (Bild: EQ/Bernd Feil)

«Stephan Lichtsteiner, beschreiben Sie doch bitte mal Ihren Werdegang als Fussballer in Ihren eigenen Worten.

Stephan Lichtsteiner: Oh (überlegt) ... ich habe mir eigentlich immer etwas überlegt bei meinen Transfers, es war mir immer sehr wichtig, bei Klubs mit grossen Ambitionen zu spielen, in denen ich genügend Einsatzzeit bekam. Gerade bei meinem Wegzug von GC war es ein Ziel, bei einem guten Klub unterzukommen, der in der Europa respektive Champions League spielte. Das war in Lille der Fall. Und ich wollte einen Trainer, der bereit war, mit den jungen Spielern zu arbeiten. Ich machte sehr grosse Fortschritte.

Und dann kam der Wechsel 2008 zu Lazio, einem italienischen Spitzenklub.

Lichtsteiner: Genau. Unter Lazio-Trainer Delio Rossi machte ich vor allem in der defensiven Arbeit nochmals grosse Fortschritte. Und dann natürlich der Transfer zu Juventus, einem absoluten Spitzenklub, als es für mich persönlich darum ging, auf allen Ebenen noch mehr zu reifen und vor allem Titel zu gewinnen.

Erlauben Sie mir die Feststellung, dass Ihnen nicht unbedingt der Ruf vorausgeeilt ist, ein aussergewöhnliches Talent zu sein. Ist es deshalb umso mehr Ihrer offensichtlich durchdachten Karriereplanung geschuldet, dass Sie nun in der First Class der Aussenverteidiger angelangt und einer der begehrtesten Spieler auf dem internationalen Markt sind?

Lichtsteiner: Ihre Einschätzung teile ich so überhaupt nicht. Aber was wichtiger ist als jegliche persönliche Wahrnehmung: Ich habe hart gearbeitet, bin konsequent meinen Weg gegangen und meinen Überzeugungen gefolgt.

Sie sind ein gutes Beispiel für eine wirklich gelungene Karriereplanung. Wie ist es dazu gekommen?

Lichtsteiner: Der erste Schritt aus der Schweiz ist ein zentraler. Für mich kam kein Klub in Frage, von dem ich erahnen konnte, dass meine Einsatzzeit nur eine sporadische ist – und dass der Klub bei jeder Gelegenheit Spieler einkauft. Als Zweites habe ich immer mit dem Sportchef und dem Trainer geredet.

Sie persönlich?

Lichtsteiner: Ja. Ich wollte vom Trainer hören, wie er mit den Talenten arbeitet, ich wollte spüren, ob er auf mich setzt, und ich wollte wissen, wie er mein Potenzial weiterentwickeln will. Denn es gibt auch die Situation, dass der Sportchef von einem Spieler überzeugt ist, aber nicht der Trainer.

Sie haben vorher über Ihre Fortschritte als Persönlichkeit geredet. Auch dahinter steckt ein Entwicklungsprozess. Vor allem in Ihren jungen Jahren waren Sie sehr emotional, bisweilen gar unbeherrscht.

Lichtsteiner: Sehen Sie, als 19-Jähriger kommt man in eine Fussball-Welt, die extrem facettenreich ist. Und da wird erwartet, dass der 19-Jährige schon perfekt sein muss. Aber man kann doch nicht allen Ernstes verlangen, dass ein junger Spieler auf allen Levels schon all den bisweilen auch sehr facettenreichen Ansprüchen genügt. Wenn man danach sucht, wird man bei jedem Talent eine Angriffsfläche finden. Ich bin älter und reifer geworden, und ich habe es allen Kritikern gezeigt, die über mich urteilten und mir nicht zutrauten, dass ich es schaffen würde. Aber ich habe gut darin getan, dass ich auf mich selber gehört habe.

Welche Rolle spielte Ihr persönliches Umfeld bei diesem Reifeprozess, welche Rolle Ihr Mentaltrainer, den Sie engagiert hatten?

Lichtsteiner: Der Mentaltrainer hat mir geholfen, aber vor allem auch mein Bruder Marco, der gleichzeitig mein Vertrauter und Berater ist. Dazu haben mir meine Frau und Eltern Sachen gesagt, die man leichter annimmt, wenn man ihnen blindlings vertraut. Aber in diesem Punkt sind Fussballer nicht anders als jeder andere Zeitgenosse auch.

Seit wenigen Wochen sind Sie zweifacher italienischer Meister mit Juventus Turin. Das ist eine grosse Dimension im internationalen Fussball. Geht Ihre Reise noch in höhere Sphären?

Lichtsteiner: In diesen Dimensionen habe ich immer gedacht, ja. Ich habe mich mit Fussball auseinandergesetzt, seit ich denken kann, und ich wusste immer um meine Qualitäten, auch wenn ich oft unterschätzt wurde. Für mich gibt es kein Dach nach oben, aber dazu gehört auch Glück. Ich rede in erster Linie vom Glück, nicht von Verletzungen heimgesucht zu werden. Aber gegen das Verletzungspech kann man auch viel machen. Ich bin immer sehr gut vorbereitet, sei es auf Trainings oder Spiele, ich weiss, was ich brauche. So gesehen bin ich meines eigenen Glückes Schmied.

Sie sind einer der begehrtesten Aussenverteidiger auf dem Markt und bei der Topelite des Klubfussballs wie Real Madrid oder Paris St. Germain begehrt. Im Fall von Real sollen Sie Teil eines Deals sein mit Gonzalo Higuain sein, der von den Spaniern zu Juventus wechseln soll. Können Sie auf dieser Stufe Ihre Karriereplanung überhaupt noch nach eigenem Gusto prägen?

Lichtsteiner: Letzten Endes entscheide immer ich. Für mich geht es in erster Linie darum, möglichst viele Titel zu gewinnen. Und dabei will ich kein Mitläufer sein, sondern ein Leistungsträger, einer, auf den der Trainer baut und vertraut. Und, bitte, ich bin bei Juventus Turin, bei einem sehr renommierten Verein, bei einer tollen Mannschaft mit einem grossen Trainer. Ich bin nach zwei Meistertiteln in Folge sehr zufrieden, aber alles andere als satt, sondern erfolgshungrig wie eh und je.

Allerdings sind es nicht wenige Fussballfans, die glauben, die italienische Liga gehöre nicht mehr zur Elite in Europa.

Lichtsteiner: Wer das behauptet, scheint die italienische Liga nicht gut zu kennen. (Pause) Niemand bestreitet, dass die italienischen Klubs in den letzten drei Jahren Mühe hatten in den finalen Phasen der Champions League, klar setzte Bayern München mit drei Finalteilnahmen in den letzten vier Jahren Akzente. Aber das heisst doch nicht, dass der deutsche Fussball besser ist als der italienische. Viel mehr geht es um einen ausgeprägten Mentalitätsunterschied: In Italien liegt die Schönheit in der Perfektion.

Erläutern Sie das, bitte.

Lichtsteiner: Perfekter Fussball heisst nicht, dass viele Tore fallen, auch wenn mir bewusst ist, dass die Leute viele Tore sehen wollen.

Sie sind eine der Persönlichkeiten in einer Schweizer Nationalmannschaft, die sich gegen Ende der verpassten EM-Qualifikation neu erfunden hat. Worauf kommt es an, um ein Leader dieses Teams sein?

Lichtsteiner: Man muss ein gutes Vorbild auf und neben dem Platz sein. Man muss die richtigen Worte finden und zuhören können. Es kann ja durchaus sein, dass ein junger Spieler mit seiner Meinung Recht hat. Dann muss man einen Kompromiss finden.

Ein Kontrast zu Ihrer Zeit?

Lichtsteiner: Absolut: Zu meiner Zeit als junger Spieler hatte ich nie das Gefühl, dass meine Meinung etwas zählte. Der Ältere kam und sagte, was Sache ist, und ich hatte Mühe, das zu akzeptieren, weil vieles einfach nicht richtig war.

Für die Spieler ist es nun mindestens eine Woche her, seit die Meisterschaft zu Ende gegangen ist. Wie hält man da die Anspannung, die Emotionalität hoch, um gegen Zypern den Sieg zu erreichen, der verlangt ist?

Lichtsteiner: Es geht um einen Traum, um die WM in Brasilien. Die Voraussetzungen dafür, dass wir es schaffen, stehen gut, und es macht wirklich Spass in diesem Team. Ich bin gerne hier, auch wenn ich deshalb zwei, drei Wochen Ferien verliere. Aber wir haben eine Verpflichtung gegenüber unserem Land und den Fans, und wir haben so extreme Qualitäten im Team, dass ich mir sicher bin, dass wir auch an der WM für Furore sorgen werden. Aber erst mal geht es um sehr wichtige Punkte gegen Zypern, damit wir in unserer Kampagne nicht noch unter zusätzlichen Druck geraten.

Gehts im Vergleich zum torlosen Spiel auf Zypern primär nur darum, die Chancen zu verwerten?

Lichtsteiner: In der Hauptsache ja. Aber wir müssen ruhig bleiben, wenn es nach 40 Spielminuten noch 0:0 stehen sollte. Es kann nicht sein, dass wir dann in Einzelaktionen verfallen, dass das Gefühl aufkommt, einer allein könnte den Unterschied ausmachen. Wir als Team spielen schönen Fussball, aber wir müssen vor dem gegnerischen Tor aggressiver sein. Es ist zu gefährlich zu glauben, dass irgendwann schon ein Ball rein geht. Und noch etwas erachte ich als zentral.

Schiessen Sie los.

Lichtsteiner: Wichtig ist der Support der Routiniers. Wir müssen zurück zu unseren Automatismen. Das heisst, dass es in un­serem Team nicht zu viele Wechsel geben darf. Es gibt Spieler, die bei ihrem Klub nicht viel gespielt, aber trotzdem ihren Level erreicht haben. Als Stütze für das Schweizer Team sind sie extrem wichtig. Das macht die Arbeit von Ottmar Hitzfeld schwierig. Er hat die Qual der Wahl. Er muss Luxusprobleme lösen. Das ist nicht einfach. Aber der wesentliche Faktor dabei ist: Das spricht für unsere Qualität.