Interview

«Ich habe lieber Typen, die mal einen raushauen»: FCSG-Meistergoalie Jörg Stiel über sein Engagement bei Xamax und die Goaliefrage bei den Espen

Jörg Stiel, Meistergoalie des FC St.Gallen, wird Torhütertrainer von Xamax und zügelt in die Westschweiz. Im Interview verrät er, wie es zu diesem Wechsel kam, wie es um sein Französisch steht und was er von der Kampfansage Jonathan Klinsmanns an die Adresse von Dejan Stojanovic beim FCSG hält.

Daniel Walt
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So kannten und liebten ihn die St.Galler Fans: Jörg Stiel im Tor des FCSG. (Bild: Keystone)

So kannten und liebten ihn die St.Galler Fans: Jörg Stiel im Tor des FCSG. (Bild: Keystone)

Bei Xamax wartet ein hartes Stück Arbeit auf Sie. Die Neuenburger waren in der vergangenen Saison jene Equipe, die in der Super League am meisten Tore erhalten hat.

Klar, das wird eine Herausforderung. Aber zum einen sind solche Aufgaben auch der Anspruch an mich selbst – ich will im Leben nicht stehen bleiben. Zum anderen ist es zu einfach, die Anzahl Gegentore, die eine Mannschaft kassiert, nur auf den Goalie zu münzen.

Wie kam dieses Engagement zustande? Mit Xamax hat Sie bislang nicht viel verbunden.

Die Fussballwelt ist klein. Bei Basel hatte ich fantastische fünf Jahre als Torhütertrainer diverser Nachwuchsteams. Es gab für mich dort aber keine Perspektiven für eine Weiterentwicklung, zumal Massimo Colomba als Torhütertrainer der ersten Mannschaft über einen mehrjährigen Vertrag verfügt. Der Schritt zu Xamax ist in meiner Weiterentwicklung jetzt der richtige.

Ziehen Sie nun auch in Richtung Westschweiz?

Klar. Mit allen Konsequenzen, auch was die Sprache angeht. Ich rede zwar Schulfranzösisch – aber da habe ich noch sehr viel Potenzial…

Wie sehen Sie die Entwicklung bei Ihrem ehemaligen Verein, dem FC St.Gallen?

Von aussen ist das immer schwer zu beurteilen, ich masse mir kein abschliessendes Urteil an. Mit Torhüter Dejan Stojanovic unterhalte ich mich ab und an, weil er in Handschuhen des Unternehmens spielt, das ich mitbegründet habe. Fest steht: Der FC St.Gallen hat nach wie vor grosses Potenzial, das er teils ausschöpft – teils aber auch nicht.

Stichwort Stojanovic: Der FC St.Gallen hat mit Jonathan Klinsmann einen neuen Torhüter verpflichtet. Was sagen Sie dazu?

Ich kenne Jonathan Klinsmann nicht gut. Er hat einen bekannten Vater, aber der war Stürmer – und von da auf einem Goalie zu schliessen, ist schwierig. Dass Klinsmann von Hertha Berlin kommt und die Nummer 1 der US-Olympiaauswahl ist, zeigt aber: Er weiss mit Sicherheit, wie man Bälle fängt.

Klinsmann hat Stojanovic sogleich den Kampf angesagt und öffentlich geäussert, er wolle so rasch als möglich die Nummer 1 werden. Die richtige Strategie?

Es wäre doch seltsam, wenn einer hierherkommt und sagt, er sei die Nummer 2 und schaue mal, wie es hier so laufe. Da habe ich lieber Typen, die mal einen raushauen, anstatt Floskeln von sich zu geben. Klinsmanns Aussage passt auch zur deutsch-amerikanischen Mentalität, mit der er gross geworden ist. Richtig war seine Strategie dann, wenn die Leistungen auf dem Platz auch stimmen.

Der FC St.Gallen verfügt nach dem Duo Lopar/Stojanovic nun wieder über zwei Torhüter, die ähnlich stark einzuschätzen sind, und nicht über eine unangefochtene Nummer 1. Was zählt in Ihren Augen mehr: Der harte Konkurrenzkampf, den es nun gibt und der beide Torhüter möglicherweise besser macht, oder die Gefahr von Missstimmung zwischen den beiden?

Konkurrenz belebt das Fussballgeschäft. Wenn die Verpflichtung von Jonathan Klinsmann dazu führt, dass sowohl Stojanovic als auch er besser werden, dann hat es etwas gebracht. Entscheidend ist, dass beide versuchen, Topleistungen abzuliefern und auf sportliche Art die Nummer 1 zu werden respektive zu bleiben. Was ich nie geschätzt habe, sind Nebenschauplätze – wenn ein Goalie Stimmung gegen den anderen macht. Das habe ich in meiner Karriere einmal erlebt – dann wird es anstrengend. Die persönlichen Ziele der einzelnen Torhüter sind dem Teamgedanken immer unterzuordnen.

Die Umfrage zum Goalieduell beim FC St.Gallen:

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