«Ich war froh, als das Eidgenössische vorbei war»: Schwinger Pirmin Reichmuth und seine Vorsätze für 2020

Pirmin Reichmuth lernte 2019 eine abnormale Drucksituation kennen. Im neuen Jahr will er es lockerer angehen.

Claudio Zanini
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Das «Eidgenössische» hätte 2019 der Höhepunkt werden sollen. Doch Pirmin Reichmuth war vor allem froh, als es vorbei war.

Das «Eidgenössische» hätte 2019 der Höhepunkt werden sollen. Doch Pirmin Reichmuth war vor allem froh, als es vorbei war.

Stefan Kaiser

Zwischen seinen Gängen isst Pirmin Reichmuth jeweils ein Mutschli, gefüllt mit Bündnerfleisch. Es geht nicht bloss um die Energiezufuhr, sondern auch ums Ritual. Reichmuth ist nicht der einzige, der in der Kabine Mutschlis mit Bündnerfleisch vertilgt. Marco Fankhauser, der Entlebucher Schwinger, macht es genauso. Eigentlich habe er sich das Bündnerfleisch-Mutschli bei Fankhauser abgeschaut, sagt Reichmuth – nicht ohne Anerkennung für den Kameraden. Ein Grossteil der Menschen würde sich vielleicht zum Jahreswechsel vornehmen, 2020 den Mutschli-­Konsum zu drosseln. Bei Schwingern ist das anders, ihnen graut vor dem Gewichtsverlust. Pirmin Reichmuth ist 1,98 Meter gross und wiegt 118 Kilogramm. Von dieser Masse würde er nichts hergeben. Er sagt: «Wenn ich zwei Wochen nicht trainiere, habe ich sofort Angst, ich nehme ab.»

Der 28. Juli 2019 war einer dieser Sonntage, an dem er ein Mutschli nach dem anderen ass. Und einen Gegner nach dem anderen auf den Rücken legte. Nach fünf Gängen hatte er 50 Punkte auf dem Notenblatt, das Maximum. Im Schlussgang konnte er sich gegen Joel Wicki einen Gestellten leisten und es reichte dennoch zum Festsieg. Die Demonstration war eindrücklich. Doch sie hatte einen Haken. Reichmuths hochüberlegene Vorstellung geschah an einem Ort, an dem der Mythos kaum grösser und die Aufmerksamkeit kaum höher hätte sein können. Er gewann am Bergkranzfest auf dem Brünig, vier Wochen vor dem Eidgenössischen Schwingfest. Spätestens jetzt war den Letzten klar: Wer Schwingerkönig werden will, muss gegen Reichmuth bestehen. Doch die Rolle des Topfavoriten fühlte sich nicht gut an.

«Mit dem Brünig-Sieg war ich nochmals in allen Medien. Das war zu viel für mich.»

Es ist Ende Dezember, als Pirmin Reichmuth, 24, das sagt. Zwischen dem Saisonhöhepunkt und der Gegenwart liegt viel Zeit. Die Distanz zum Geschehenen ist gross geworden, die Resultate sind längst eingeordnet. Er sagt: «Zwei Wochen vor dem Eidgenössischen war der Druck abnormal, das hat mich kaputt gemacht. Ich war froh, als das Fest vorbei war.»

Die Vorbereitung für 2020 begann längst

Kurz vor dem Fest schien Reichmuth zu leiden. Bei einem letzten Medientermin, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückzog, sagte er: «Es hängt an, sich andauernd fokussieren zu müssen.» Die Konstellation war besonders. Die Innerschweizer warteten seit 33 Jahren auf den Titel. Nun hatten sie mit Pirmin Reichmuth einen Schwinger mit herausragendem Formstand, der noch dazu vor seiner Haustüre in Zug antreten durfte. Reichmuth hätte Harry Knüsel als König beerbt, die beiden gehören dem gleichen Schwingklub an. Ein besseres Skript hätte es nicht geben können.

Zwei Tage nach dem «Eidgenössischen» wird Pirmin Reichmuth in Cham empfangen.

Zwei Tage nach dem «Eidgenössischen» wird Pirmin Reichmuth in Cham empfangen.

Stefan Kaiser

Er denke nicht mehr oft ans «Eidgenössische», sagt Pirmin Reichmuth. Er überlegt sich auch nicht, was er gegen Christian Stucki im ersten Gang hätten anders machen müssen, um eine Niederlage abzuwenden. «In meiner Situation war es nicht möglich, das Fest locker anzugehen. Es musste so herauskommen.» Einen Monat später, Ende September, stieg Reichmuth wieder ins Training ein, die Vorbereitung für 2020 begann. Die Ziele seien nicht kleiner geworden, sagt er. Er hat erneut die grossen Feste im Visier. Der Höhepunkt der Saison findet am 30. August 2020 statt, das Jubiläumsschwingfest des Eidgenössischen Verbands in Appenzell (siehe Kasten). Es wird die Revanche des «Eidgenössischen», vor allem auch für Reichmuth, diesmal weit weg von zu Hause, frei von jeglicher Last. Er muss keinen Innerschweizer Fluch besiegen, er kann einfach hingehen und schwingen. «Ich will wieder in dieses Gefühl hineinkommen, ich will an Schwingfeste gehen und mir sicher sein, dass ich gewinne.»

Ein Praktikum im Vollzeitpensum

Die Saison startet mit dem Zuger Kantonalfest in Baar am 3. Mai. Im Frühling wird es auch beruflich intensiver. Er steckt im letzten Teil seines Physiotherapie-­Studiums. Im März beginnt er ein einjähriges Praktikum, im Vollzeitpensum. Er lacht, wenn er daran denkt. «Ich weiss ehrlich gesagt noch nicht, wie ich das mit dem Schwingen vereinbare», sagt er.

Die Aussage passt gut zum Vorsatz, im kommenden Jahr vor allem locker zu bleiben. Auch heute Abend, wenn er ­Silvester feiert. Ein Gläschen Wein liegt drin, vielleicht sogar eine Zigarre, auch das würde er sich erlauben. Wahrscheinlich aber kein Mutschli mit Bündnerfleisch. Das gibt es ab Mai wieder, nahezu jeden Sonntag. Sein Hunger ist unverändert gross.

Revanche in Appenzell

Nach dem «Eidgenössischen» in Zug steht 2020 der nächste Anlass von eidgenössischem Charakter auf dem Programm. In Appenzell findet am 30. August das Jubiläumsschwingfest zum 125-jährigen Bestehen des Eidgenössischen Verbands statt. Die 120 besten Schwinger sind beim Saisonhöhepunkt startberechtigt. Mit 38 Startplätzen stellen die Innerschweizer das grösste Kontingent. Die Berner und Nordostschweizer sind mit je 28 Athleten dabei, die Nordwest- und Südwestschweizer mit je 13. Ein weiterer Höhepunkt ist der Brünig-Schwinget am 26. Juli. Dort treffen die drei grossen Verbände – Innerschweiz, Bern, Nordostschweiz – aufeinander. Ebenfalls hoch einzustufen sind die Bergfeste auf dem Stoos (14. Juni) und auf der Rigi (12. Juli) sowie das Innerschweizer Teilverbandsfest, das am 5. Juli in Ibach SZ ausgetragen wird. (cza)

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