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Nati-Coach-Petkovic: «Ich werfe mir einiges vor»

52 Tage nach dem WM-Out erklärt sich der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic. Er verspricht, offener zu werden.
Etienne Wuillemin, Ittigen
Nationaltrainer Vladimir Petkovic mit Verbandspräsdient Peter Gilliéron und Nati-Delegierter Claudio Sulser während der Medienorientierung vom Freitag (v. r. n. l) (Bild: Peter Schneider/Keystone (Ittigen, 24. August))

Nationaltrainer Vladimir Petkovic mit Verbandspräsdient Peter Gilliéron und Nati-Delegierter Claudio Sulser während der Medienorientierung vom Freitag (v. r. n. l) (Bild: Peter Schneider/Keystone (Ittigen, 24. August))

Es ist der Tag der Erklärungen im Schweizer Fussballverband. Der Tag, an dem das ewige Schweigen vorbei ist. Da sitzen sie nun, die mächtigen Männer: Präsident Peter Gilliéron, der Nati-Delegierte Claudio Sulser und Vladimir Petkovic. Das Haus des Schweizer Sports in Ittigen ist die Bühne. Um 15 Uhr beginnen sie zu reden. Ein bisschen kann man in ihren Gesichtern das schlechte Gewissen ablesen, weil so vieles falsch gelaufen ist in den letzten Wochen.

Der Nationaltrainer ist an erster Stelle gefragt. Man mag über Strukturen und Konzepte im Verband diskutieren – aber er, Petkovic, ist es, dessen Zukunft es zuallererst zu klären gilt. Mit ernster Miene hört er seinen Vorgesetzten zu. Dann ergreift er das Wort, gut vorbereitet und gecoacht – wobei dafür auch reichlich Zeit vorhanden war. 52 Tage sind zwischen dem Schweizer WM-Aus im Achtelfinal gegen Schweden und dem Auftritt am Freitag vergangen. Petkovic gibt sich offen, empathisch, mitfühlend auch. Sein erster Satz: «Es ist wichtig, dass wir alle wieder ins gleiche Boot zurückkehren.» Die Frage ist: Sind es mehr als schöne Worte? Und wie denkt Petkovic wirklich? Die Geschichte in drei Akten.

Die Krise

Schon während der WM in Russland erlebte die Schweiz einen zurückgezogenen Nationaltrainer, dessen Gedanken kaum klar waren. In der Krise akzentuierte sich dieser Eindruck. Ob die Doppeladler flatterten, ob gerade ein WM-Aus Tatsache war, ob der Sturm nach der Doppelbürger-Affäre tobte, nie hatte man den Eindruck, als würde sich der Nationaltrainer dafür interessieren, was gerade im Land passiert mit dieser Nationalmannschaft.

Und dann ist es eben auch nicht verwunderlich, dass ihm der Rücktritt von Valon Behrami um die Ohren fliegt. Petkovic sagt, dass er geschwiegen hat, weil es seit der WM ohnehin nicht mehr um den Sport ging. Mag sein. Doch er hätte dafür sorgen können, die Debatte in eine andere Richtung zu lenken. Es wäre auch die Gelegenheit gewesen, sich in aller Deutlichkeit schützend vor seine Spieler zu stellen. Diese Chance hat Petkovic verpasst. Und so fühlten sich einige Spieler nicht nur vor den Kopf gestossen wegen der Aussagen von Ex-Generalsekretär Miescher («Wir müssen uns fragen, ob wir in Zukunft noch Doppelbürger wollen»), sondern auch alleine gelassen.

Der Fall Behrami

Am meisten Aufsehen erregt rund um das Nationalteam hat der Rücktritt von Valon Behrami. Gestern übte Petkovic Selbstkritik: «Es tut mir wirklich Leid, was mit Behrami passiert ist.» Dieser habe das nicht verdient. «Ich werfe mir einiges vor, dass die Lage eskaliert ist», sagte Petkovic.

Am Anfang dieses Eklats stand ein Telefongespräch. Der Nationaltrainer wusste nicht, dass auch Behrami gerade in Lugano war. Es war für ihn auch nicht weiter wichtig. Weil er Behrami einzig mitteilen wollte, dass sich dessen Rolle in Zukunft ändern könnte, dass jüngere Spieler Chancen zur Bewährung erhielten. Verständlich, schliesslich wird Behrami bei der EM 2020 35 Jahre alt sein. Zum selben Zeitpunkt hat Petkovic auch Captain Lichtsteiner, Gelson Fernandes, Djourou und Dzemaili über seine Pläne informiert. Doch Behrami tickt anders, ist manchmal emotional – auch dafür gibt es gerade in diesen Zeiten gute Gründe. Schliesslich war er es, der – so erzählt es Behrami selbst – mitgeholfen hat, die Teamkollegen nach den Doppelbürger- Unruhen zu beruhigen. Es entwickelt sich eine Geschichte mit lauter Verlierern. Behrami tritt im Eifer zurück, Petkovic steht einmal mehr im schlechten Licht. Ein Ausweg scheint ausgeschlossen. Petkovic sagt zwar, die Tür «war und ist für alle offen», aber eben auch, dass Behrami wohl unumstössliche Fakten geschaffen habe. «Und das, obwohl ich nie eine definitive Entscheidung fällen wollte. Denn ein Nationaltrainer hat kein Recht, einen Spieler in Pension zu schicken. Er hat das Recht, ihn technisch in ein Aufgebot zu nehmen oder nicht.»

Unbestritten ist: Behrami war eine starke Figur in dieser Nationalmannschaft. Dass er auch seine Launen hatte, ist genauso überliefert. Auch wenn das so war, und selbst wenn sich manch einer vielleicht gewundert hat, warum Freundin Lara Gut etwas gar oft ums Team her­umschwirrte, muss man sich erst einmal von ihm emanzipieren. Gut möglich, dass man erst erkennt, was die Schweiz an ihm hatte, wenn er dauerhaft fehlt.

Die Zukunft

Nach den Ereignissen der vergangenen Wochen ist Petkovic als Nationaltrainer angezählt. Sein Kredit in der Öffentlichkeit ist aufgebraucht, der «Blick» forderte offen seine Absetzung. Immer wieder gab es Gerüchte, wonach sich Petkovic umschauen würde, ob er im Klubfussball einen neuen Job fände. Zumindest tönt es nun danach, als würde er sehr gerne als Schweizer Nationaltrainer weitermachen. Unterstützung erhielt er auch von seinen Vorgesetzten. Sowohl Präsident Gilliéron wie auch der Nati-Delegierte Sulser lobten ihn für seine Arbeit auf dem Platz.

Dass die statistischen Werte der Nationalmannschaft gut sind, daran zweifelt kaum jemand. Die Frage ist indes: Ist Petkovic bereit, sich selbst den Spiegel vorzuhalten. Ist er bereit, sich noch einmal zu öffnen? So, wie er das schon vor der EM 2016 getan hat. Realisiert er, dass zum Jobprofil eines Nationaltrainers sehr viele Repräsentationspflichten dazugehören, die über den Fussball hin­aus gehen? Petkovic ist jetzt als Krisenmanager gefordert. Zunächst einmal Anfang September. Dann beginnt die Nations League. Dann findet sich der Nati-Tross ein erstes Mal zusammen. Dann muss er den Dialog aller Parteien moderieren. Auch auf Spieler-Seite ist die Verunsicherung nach der unnötigen Doppelbürger-Affäre gross.

Gleichzeitig soll der sanfte Umbruch im Team stattfinden. Es werden neue Gesichter eine Chance erhalten. Es muss sich eine neue Hierarchie etablieren. Petkovic muss Leader finden, die für ihn durchs Feuer gehen – und bereit sind, mitzuhelfen, dass das Image des Schweizer Teams wieder positiver wird. Das braucht viel Zeit, Energie und Geduld.

Nur: Allzu sicher sollte sich Petkovic nicht fühlen. Seit Freitag ist klar, dass «HWH», die Beratungsfirma der ehemaligen FCB-Führung um Bernhard Heusler und Georg Heitz, die Vorgänge rund um das Nationalteam unter die Lupe nimmt. Auch Petkovics Rolle und Verhalten wird zentraler Bestandteil sein davon. Da kann es nur helfen, wenn Petkovic verspricht, sich zu öffnen.

Der Auftritt in Ittigen könnte ein kleiner Befreiungsschlag sein. Entscheidend aber wird der Herbst. Vielleicht geht es bald wieder ein bisschen mehr um den Sport als derzeit. Vielleicht auch nicht. Auch in sportlicher Hinsicht muss sich Petkovic jedenfalls beweisen. Der emotionslose Auftritt gegen Schweden war rätselhaft, die vielen schlechten Starts im Allgemeinen ebenso. Und auch der spielerische Rückschritt im Vergleich zur EM 2016 wirft Fragen auf. Ein einziger Tag der Erklärungen reicht nicht.

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