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Selina Büchel: «Ich wollte nicht an die Weltspitze»

Die Toggenburgerin Selina Büchel startete als Kind bei Gelände- und Stadtläufen – aus Spass. Leistungssport hingegen war lange kein Thema. Dennoch hat sich die 800-m-Läuferin international durchgesetzt.
Raya Badraun
Selina Büchel startete früher an Gelände- und Stadtläufen. (Bild: Ralph Ribi)

Selina Büchel startete früher an Gelände- und Stadtläufen. (Bild: Ralph Ribi)

Bereits junge Sportler sprechen heute von Olympischen Spielen oder wenigstens von Europameisterschaften. Dieser Traum gehört fast dazu. Bei Selina Büchel war das anders. «Ich wollte nicht an die Weltspitze», sagt sie an diesem Morgen in Wil. Und dennoch ist sie mittlerweile dort angekommen. 26 Jahre alt ist ­Büchel, 800-m-Läuferin, zwei­fache Hallen-Europameisterin, Profisportlerin, Olympiateilnehmerin. Und im August wird sie in Berlin ein weiteres Mal zu den ­Favoritinnen auf die EM-Medaillen gehören. Sie hat das nicht geplant, nicht davon geträumt. «Ich konnte es mir als Kind gar nicht vorstellen», sagt Büchel. Sie ist hineingerutscht in dieses Leben, in dem sich mittlerweile fast alles um Leistung dreht. So beschreibt sie es. Und wenn man sie erzählen hört von ihrer Kindheit und Jugend auf dem Land, dann kann man sich das gut vorstellen.

Aufgewachsen ist Büchel in einem Haus am Waldrand von Mosnang. Ihre Familie sei nicht anders gewesen als andere. Sie gingen mit dem Hund wandern, Velo fahren. «Das Übliche», sagt Büchel. Als Kind hat die Tochter einer Musiklehrerin Geige gespielt. Viel lieber war sie jedoch in Bewegung. «Ich war von klein auf gerne draussen unterwegs – am liebsten zu Fuss.» Als in ihrem Dorf ein Geländelauf stattfand, nahm sie teil. Da war sie sieben oder acht Jahre alt. Ganz genau weiss Büchel das nicht mehr. Doch sie erinnert sich daran, dass sie gut war, Freude hatte. So kam das Mädchen in die Läuferriege, die LR Mosnang. «Es ging nie um Leistung», sagt Büchel. Die Gelände- und Stadtläufe, die sie damals bestritt, beschreibt die Toggenburgerin heute als ­Tagesausflug mit Freunden. «Es hat einfach Spass gemacht.»

Andere Nachwuchsathleten trainierten mehr

In der zweiten Oberstufe stagnierten ihre Leistungen plötzlich, wurden gar schlechter. «Später habe ich gehört, dass das in der Pubertät bei Mädchen ganz normal ist», sagt Büchel. Damals, als junge Läuferin, ärgerte sie sich ­jedoch darüber. Sie erhöhte das Training und wechselte schliesslich zum KTV Bütschwil ins Nachbardorf. So wie andere Athleten vor ihr, die höher hinaus wollten. Dort ging es nicht mehr nur ums Laufen, sondern um Leichtathletik. Und etwas mehr Training reichte damals bereits, damit die Erfolge bei Büchel zurückkamen. «Bei Mädchen, die früh Leistungssport betreiben, ist eine solche Phase viel schwieriger», sagt die St. Gallerin.

In ihrer Jugend hat Büchel immer wieder mitbekommen, dass andere in ihrem Alter mehr trainierten, besser waren. Sie sah sich davon aber nicht unter Druck gesetzt. «Mir war das egal», sagt Büchel. Später hat sie gesehen, dass viele von jenen Läufern bald aufgehört haben mit der Leichtathletik, wegen Verletzungen etwa. «Es ist gefährlich, wenn man zu früh zu viel macht. Der Körper ist nicht bereit dafür.» Büchel hingegen wurde von ihren Trainern Urs und Marlis Göldi langsam herangeführt an den Spitzensport.

Die Heim-EM war der Auslöser

2006 nahm Büchel an ihrer ersten Schweizer Nachwuchs-Meisterschaft teil – und gewann bei den U16 Silber über 1000 Meter. Da hat sie gemerkt, dass sie national mithalten kann. Später realisierte sie, dass auch die Limiten für die internationalen Wettkämpfe gar nicht so weit entfernt sind. Mit 18 Jahren nahm sie schliesslich an der U20-EM teil. «Ich dachte, bei den Jungen mag ich noch mit, bei den Älteren ­werde ich jedoch keine Chance haben», sagt Büchel. Sie, die in Rapperswil eine Lehre machte und eine Stunde Arbeitsweg hatte, trainierte damals maximal viermal pro Woche. «Ich kam mir vor wie eine Hobbyläuferin», sagte sie einst über jene Zeit. Doch dann kam die Heim-EM in Zürich. Im ersten Moment war sie kein Thema für Büchel, obwohl es sie gereizt hätte, im eigenen Land zu starten. Doch zu weit lag damals ihre Bestzeit von der Limite entfernt. Der Verband wies sie jedoch darauf hin, dass sie auf dem richtigen Weg sei, ihre Leistung dem Alter entsprechend. «Das hat mir damals geholfen, mich motiviert», sagt Büchel. «Danach wollte ich es auch probieren.» In der Folge reduzierte sie ihre Arbeitszeit als Raumplanungszeichnerin auf 50 Prozent und trainierte zweimal pro Tag. Schliesslich schaffte sie es an die EM nach Zürich – und sass in den Jahren danach immer seltener im Büro. Am Ende waren es noch 20 Prozent. «Das tönt nach ­wenig», sagt Büchel. Doch für sie war es zu viel. Vom Morgen bis am Abend war sie unterwegs, hatte kaum Zeit, um herunterzufahren und sich zu erholen. Vor zwei Jahren stieg sie schliesslich aus dem Beruf aus, wurde ganz Profi. Sie ist froh, dass sie nun mehr Zeit hat. Doch sie sagt auch: «Es war eine Umstellung. Früher war der Sport noch Freizeit für mich, heute ist er mein Beruf.»

2015 ist bisher das beste Jahr

Der Fokus von Büchel liegt heute stärker auf dem Training – und den Leistungen. «Ich habe mir mehr davon erhofft», sagt sie. Ihr bestes Jahr blieb jedoch 2015. Damals stellte sie in Paris mit 1:57,95 Minuten über 800 Meter einen Schweizer Rekord auf. An diese Zeit kam sie seither nicht mehr heran. «Ich wollte in der vergangenen Saison so gut wie möglich trainieren», sagt Büchel. «Vielleicht war es fast zu gut.» Im Wettkampf fehlte ihr oft die Energie. So verpasste sie unter anderem den WM-Final in London. «Man muss die Balance finden», sagt Büchel. Diese Suche wird sie auch in diesem Jahr ­begleiten.

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