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Plattenbau, Wolga und Lob für Putin: Unterwegs in Toljatti, dem WM-Quartier des Schweizer Nationalteams

Das Schweizer Team gastiert während der Fussball-WM in Toljatti. Ein Einheimischer erzählt von der Blütezeit der Stadt, dem Verhältnis zum russischen Präsidenten und den Schock, dass die Schweizer Nationalmannschaft in der Stadt residiert.
Christian Brägger
Toljatti ist eine saubere, von Plattenbauten geprägte Stadt. (Bild: AP)

Toljatti ist eine saubere, von Plattenbauten geprägte Stadt. (Bild: AP)

Es fällt nicht leicht, in Toljatti einen Einheimischen zu finden, der der englischen Sprache mächtig ist. Man hat das geahnt, nicht aber in diesem Ausmass. Doch es gibt Sergej, und der spricht sogar Deutsch. Immerhin weiss die nach einem italienischen Kommunisten benannte Stadt in der Oblast Samara einiges über sich und ihre 700'000 Einwohner zu berichten. So hat der Ort, wo die Schweizer ihr WM-Quartier bezogen haben, eine Blütezeit erlebt.

Vorbei an Waffen und U-Booten

Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg kam sie, als beim Autohersteller Awtowas alle 22 Sekunden vom eineinhalb Kilometer langen Fliessband ein Lada ging.

Noch heute gehört der Lada zum Stadtbild Toljattis. (Bild: Christian Brägger)

Noch heute gehört der Lada zum Stadtbild Toljattis. (Bild: Christian Brägger)

Das ist 30 Jahre her, seither ist die Anzahl Mitarbeiter von 100'000 auf 35'000 geschrumpft, sie schrumpft weiter, entsprechend sinken die Einwohnerzahlen. Zum Glück gibt es ausländische Investoren wie Renault und Nissan sowie den Chemiesektor.

Im Freilichtmuseum gibt es unter anderem dieses u-Boot zu sehen. (Bild: Christian Brägger)

Im Freilichtmuseum gibt es unter anderem dieses u-Boot zu sehen. (Bild: Christian Brägger)

Die Fahrt vorbei am weitläufigen Lada-Werk dauert lange, man staunt, auch über das Freilichtmuseum mit seinen militärischen Exponaten, teilweise aus der Sowjetzeit; Waffen, U-Boote, Abwehrraketen, das alles kennt man nur vom Film.

Auch Radaranlagen, Helikopter und Flugzeuge sind zu besichtigen. (Bild: Christian Brägger)

Auch Radaranlagen, Helikopter und Flugzeuge sind zu besichtigen. (Bild: Christian Brägger)

Der Ort gibt wenig her

Bald überrascht die Verklärungskathe­drale mit ihren goldenen Kuppeln, die man in dieser sauberen, von Plattenbauten geprägten Stadt so gar nicht erwartet. Der Bauherr: Awtowas, wer sonst. Insgesamt aber gibt der Ort wenig her; das spürt man schnell, dreispurige Strassen suggerieren zwar eine Wucht, doch die besitzt er nicht.

Die Verklärungskathe­drale mit ihren goldenen Kuppeln. (Bild: Christian Brägger)

Die Verklärungskathe­drale mit ihren goldenen Kuppeln. (Bild: Christian Brägger)

Einen Stadtkern hat er ebenfalls nicht, das Zentrum hat im weitesten Sinn Dorfcharakter, wenige Restaurants und Läden säumen die Ulitsa Mira. Sergej schockiert etwas mit der Erklärung, der historisch wertvolle Stadtteil sei für die Stromgewinnung mit einem Damm in der Wolga versenkt worden.

Die Wolga ist der längste und wasserreichste Fluss Europas. (Bild: Christian Brägger)

Die Wolga ist der längste und wasserreichste Fluss Europas. (Bild: Christian Brägger)

Und so ist es neben dem vielen Grün, den riesigen Wäldern genau dieser Fluss, der in Toljatti am meisten fasziniert. Die 3500 Kilometer lange Wolga, die Lebens- und Nahrungsquelle ist, scheint hier für alles zu stehen, Erholung, Fernweh, Sehnsüchte, und vielleicht auch für die sagenumworbene russische Seele.

Plattenbauten gehören zum Stadtbild. (Bild: Christian Brägger)

Plattenbauten gehören zum Stadtbild. (Bild: Christian Brägger)

Panik aufgrund der Schweiz

Sergej, der in Georgien im Kaukasus geboren und heute 54 Jahre alt ist, weckt als Gesprächspartner ebenfalls das In­teresse. Der Vater zweier Kinder, die beide für den Beruf in andere Städte gezogen sind, ist Beamter und arbeitet als Tourismusgesandter in der Stadtadministration.

Tourismusinformation in Toljjatti. Bild: Christian Brägger)

Tourismusinformation in Toljjatti. Bild: Christian Brägger)

Sergej hat in Nischni Nowgorod Deutsch studiert, Englisch auch, weil ihm die Sprachen gefielen. Später diente er vier Jahre in Weimar und Erfurt der Sowjetarmee, bis heute hat ihn das Leben nicht allzu sehr gezeichnet. Nun sagt er:

«Es ist ein bisschen Panik ausgebrochen, als wir erfuhren, dass die Schweiz zu uns kommt. Wir sind froh, weil wir dadurch Gelder erhalten, auch wenn nach der WM alles so sein wird wie vorher.»

Und dann, man hatte es kaum anders erwartet, überschüttet Sergej seinen Präsidenten Wladimir Putin mit Lob:

«Es gibt in Russland keinen anderen, der das besser könnte. Wir haben keine Alternative.»

Putin habe sein Gutes, mit den Russen gehe es aufwärts. Auf die Bewohner Toljattis dürfte das vielleicht zutreffen, hier hat es nicht so viele Arbeitslose wie anderswo, auch der Durchschnittslohn ist mit 800 Euro akzeptabel.

«Egal, was ich sage – es ist ohnehin falsch»

Am späten Abend findet sich im Torpedo-Stadion mit Nikolaj endlich ein zweiter Russe, mit dem man reden kann. Einer, für den Deutschland WM-Favorit ist – im Gegensatz zum russischen Team, von dem er nichts hält. «Toljatti hat wohl noch nie so viele Fremde gesehen wie nun mit den Schweizern», sagt Nikolaj. Er arbeitet für ein TV-Team, für welches, darf nicht geschrieben werden. Er sagt, er dürfe nicht mit Journalisten sprechen. Immerhin erzählt er, er wohne in Moskau und arbeite nach der WM in der Hauptstadt wieder in der Werbung. Seine Antwort auf die Frage, wie er Putins Politik beurteilt, ist dezidiert: «Nächste Frage bitte. Es ist doch so: Egal, was ich sage – es ist ohnehin falsch. Und zudem:

«Wie der Westen über uns denkt, gesteuert von seinen Medien, missfällt mir.»

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