In Dreiergruppen Karten spielen: Wie sich Innerschweizer Spitzenschwinger in der Corona-Krise beschäftigen

Die Innerschweizer Spitzenschwinger Marcel Bieri, Joel Wicki und Pirmin Reichmuth erleben ungewisse Tage. Ob in diesem Jahr geschwungen werden kann, ist unsicher.

Claudio Zanini
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In der vorletzten Woche trainierte Marcel Bieri noch in Magglingen mit anderen Schwingern. Alles lief nach Plan, die Saison hätte starten können. Bieri gehörte im vergangenen Jahr zu den Gewinnern. Am «Eidgenössischen» in Zug stand er nach fünf Gängen an zweiter Stelle, mit fünf Siegen auf dem Notenblatt. Bei einem gewöhnlichen Kranzfest mit sechs Gängen wäre er im Schlussgang gestanden.

Schwinger und Primarlehrer Marcel Bieri muss sich nach alternativen Trainingsmöglichkeiten umsehen.

Schwinger und Primarlehrer Marcel Bieri muss sich nach alternativen Trainingsmöglichkeiten umsehen.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 25. August 2019)

In dieser Saison hätten die wichtigsten Schwingfeste ab dem 3. Mai stattgefunden. Es ist das Datum des Zuger Kantonalen Schwingfests, des ersten Kranzfests des Jahres. Wann das Zuger Kantonale nun stattfindet, weiss derzeit niemand. Dass es am 3. Mai nicht durchgeführt wird, ist aber sicher.

Finden im Herbst Kantonalfeste statt?

Die Kranzfestsaison beginnt traditionell mit den Kantonalfesten, der dritthöchsten Kategorie. In der Innerschweiz würden zwischen dem 3. Mai und dem 7. Juni das Zuger (in Baar), das Ob-/Nidwaldner (in Giswil), das Schwyzer (in Muotathal), das Luzerner (in Rothenburg) und das Urner Kantonalfest (in Erstfeld) stattfinden. Noch ist nichts definitiv entschieden, doch in dieser Saison dürfte keines dieser Feste am geplanten Datum durchgeführt werden können. «Eine mögliche Variante wäre, sämtliche Kantonalfeste um ein Jahr zu verschieben», sagt Peter Achermann, der Präsident des Innerschweizer Schwingerverbands. Der ISV sei mit allen Organisationskomitees in Kontakt. Anfang kommender Woche werde ein Entscheid fallen, sagt Achermann.

Eine Verschiebung in den Herbst dieses Jahres dürfte sich in vielen Fällen als kompliziert herausstellen. So ist vielerorts nicht klar, ob man Anlagen wie Sportplätze und Turnhallen auch im Herbst wieder mieten könnte. Beim Zuger Kantonalen, das am 3. Mai in Baar geplant wäre, heisst es, das Fest finde «realistisch gesehen» am 3. Mai nicht statt. Weitere Informationen würden folgen. Ausserhalb der Zentralschweiz wurden schon drei Kranzfeste abgesagt. Nach den Kantonalfesten stünden ab dem 14. Juni (Stoos-Schwinget) die Berg- und Teilverbandsfeste auf dem Programm. Höhepunkt der Saison wäre das Jubiläumsschwingfest des Eidgenössischen Schwingerverbandes in Appenzell am 30. August. (cza)

Marcel Bieri hat auch ein Leben neben dem Schwingsport. Er ist Primarlehrer in Rudolfstetten-Friedlisberg, im Kanton Aargau. Weil der Schulunterricht während der Corona-Krise ausfällt, beschäftigt er zurzeit Kinder, die von ihren Eltern nicht betreut werden können. In Dreiergruppen wird mit Karten gespielt oder Sport gemacht. «Die Kinder müssen jeden Morgen Fieber messen und Hände waschen», sagt Bieri beiläufig. Vor wenigen Wochen wäre das noch erwähnenswert gewesen.

Krafttraining in den eigenen vier Wänden

Es ist nicht sicher, ob in dieser Saison noch Wettkämpfe stattfinden. Vor 10 Tagen hat der Eidgenössische Schwingerverband als Reaktion auf die Massnahmen des Bundes, ein Trainingsverbot verhängt, vorerst bis Ende April. Solange Sicherheitsabstände von zwei Metern eingehalten werden müssen, ist an Schwingen nicht zu denken. Marcel Bieri sagt, er wisse noch nicht, wie er in den nächsten Wochen trainieren werde. «Wahrscheinlich nehme ich Geräte unseres Kraftraums nach Hause und richte mir mein eigenes Fitnessstudio ein.» Krafttraining zu Hause machen, ist nicht abnormal. Sich in den eigenen vier Wänden zu schinden, aber nicht zu wissen wofür, ist hingegen merkwürdig. Bieri sagt: «Viele Schwinger werden wohl das Krafttraining zurückfahren, wenn keine Wettkämpfe in Sicht sind.»

Wie Bieri trainierte auch Joel Wicki vor kurzem noch in Magglingen. Für den Erstgekrönten von Zug wäre in diesen Tagen ohnehin eine Ruhephase eingeplant gewesen. Diese wird nun länger als angedacht. Wicki will sich zu Hause fit halten, er sagt aber: «Training zu Hause und Training im Krafttraining kann man nicht vergleichen. Zu Hause ist die Intensität viel geringer.»

Joel Wicki trainiert zu Hause, vermisst aber das Schwingtraining.

Joel Wicki trainiert zu Hause, vermisst aber das Schwingtraining.

Bild: Pius Amrein / Luzerner Zeitung

Die grösste Schwierigkeit sei aber, dass man bis auf weiteres auf das Schwingtraining verzichten müsse. «Schwingtraining wäre jetzt enorm wichtig», sagt er. «Aber wir befinden uns letztlich alle in der gleichen Situation. Nicht nur wir Schwinger, sondern so gut wie alle Sportler.»

Auch Pirmin Reichmuth bleibt derzeit nichts anderes übrig, als sich zu Hause fit zu halten. Mit seinen Brüdern hat er spontan einen Kraftraum eingerichtet. Normalerweise wäre das Trainingsvolumen aber grösser, so kurz vor der Saison. Er könne nur mutmassen, wann es losgehen könnte, sagt Reichmuth. «Ich könnte mir vorstellen, dass vielleicht das Bergfest auf dem Stoos mein erstes Schwingfest in diesem Jahr wird», sagt Reichmuth. «Aber zurzeit wissen wir nicht einmal, ob es überhaupt losgehen wird.»

Pirmin Reichmuth schreibt aktuell an seiner Bachelorarbeit.

Pirmin Reichmuth schreibt aktuell an seiner Bachelorarbeit.

Stefan Kaiser (zz) / Zuger Zeitung

Nach jetzigem Stand wäre vorstellbar, dass sämtliche Kantonalfeste in den Herbst oder ins nächste Jahr verschoben würden. Der Stoos-Schwinget, das erste Bergfest der Saison, könnte am 14. Juni der Auftakt sein. Nun habe er halt mehr Zeit für den Aufbau, sagt Reichmuth. Und mehr Zeit für berufliche Dinge. Im Moment schreibt er an der Bachelorarbeit für sein Physiotherapie-Studium.