Interview

Ambri-Leitfigur Michael Fora: «In Nordamerika bin ich als Mensch gewachsen»

Verteidiger Michael Fora ist in Ambri zum Schlüsselspieler gereift, die Erwartungen sind gross. Verrückt machen lässt er sich davon nicht.

Sven Aregger
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Michael Fora: Der Traum von der NHL lebt immer noch.

Michael Fora: Der Traum von der NHL lebt immer noch.

Bild: Alessandro Crinari/Keystone (Ambri, 20. Dezember 2019)

Eis sucht man an diesem Nachmittag Mitte Juni vergebens in der Valascia. Stattdessen schwitzen die Spieler auf nacktem Beton. Sie absolvieren Läufe, Kraft- und Stabilitätsübungen in der altehrwürdigen Arena von Ambri-Piotta. Einer ragt allein schon körperlich aus dem Spielerpulk heraus: Michael Fora, 1,92 m, 98 kg. Der 24-jährige Verteidiger, der seit Juniorentagen für Ambri spielt und einen Vertrag bis 2021 hat, ist aber nicht nur seiner Gardemasse wegen eine auffällige Figur im Dorfclub. Der WM-Silbergewinner 2018 ist zum Schlüsselspieler gereift. Sportchef Paulo Duca sagt über ihn: «Ich denke, ein Spieler dieses Kalibers gibt es bei uns nur alle 20 bis 30 Jahre.»

Anfang Juni hat Fora mit Ambri das Mannschaftstraining wieder aufgenommen. Im Club sind in den vergangenen Wochen wichtige Personalentscheide gefallen, Leistungsträger wie der Kanadier Matt D’Agostini haben ihren Vertrag verlängert, der oft unterschätzte Stürmer Daniele Grassi kehrt vom SC Bern ins Tessin zurück. Fora sagt nach der Trainingseinheit: «Ich spüre eine gute Stimmung im Team. Wir können nun eine gute Gruppe aufbauen für die nächste Saison.»

Das Tessin wurde vom Coronavirus hart getroffen. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?

Michael Fora: Es war eine komische Zeit. Zum Glück ist meine Familie vom Virus verschont geblieben. Ich bin oft zu Hause in der Nähe von Bellinzona gewesen und habe viel trainiert, manchmal bin ich auch aufs Velo gestiegen. Ausserdem habe ich Bücher über Sport und mentale Themen gelesen. Sachen, die mir in meinem Beruf und in meinem Leben zugutekommen.

Nach dem Abbruch der Saison in der National League wurde auch die Heim-WM abgesagt. Als Nationalspieler muss das für Sie eine besondere Enttäuschung gewesen sein.

Es war schwierig, diesen Entscheid zu akzeptieren. Es wäre ein ganz grosses Jahr für die Schweizer Nationalmannschaft gewesen. Hoffentlich erhalten wir diese Chance nochmals.

Was macht es aus einem Sportler, wenn er plötzlich seinem Beruf und seinen Zielen nicht mehr nachgehen kann?

Ich habe mich mit der Situation abgefunden und versucht, die gewonnene Zeit für mich sinnvoll zu nutzen, Ich wollte mir nicht zu viele Gedanken machen, sondern Tag für Tag nehmen. Sehr wichtig war, dass ich regenerieren und auch kleine Blessuren auskurieren konnte.

Vor dem Abschied nach Nordamerika: Michael Fora (links) und Ambri Piotta-Trainer Luca Cereda verkünden an einer Medienkonferenz Foras Wechsel zu den Carolina Hurricanes.

Vor dem Abschied nach Nordamerika: Michael Fora (links) und Ambri Piotta-Trainer Luca Cereda verkünden an einer Medienkonferenz Foras Wechsel zu den Carolina Hurricanes.

Samuel Golay/Keystone (Bellinzona, 15. Juni 2018)

Schon 2018 war ein turbulentes Jahr für Sie, als Ihr NHL-Abenteuer bei den Carolina Hurricanes nach drei Monaten endete: Nach der Verbannung in die drittklassige ECHL kehrten Sie zu Ambri zurück. Inwiefern hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Ich sehe es positiv. Ich habe einen Einblick erhalten, wie das Eishockey in Nordamerika funktioniert – auf und neben dem Eis. Auch persönlich habe ich einen grossen Schritt gemacht, ich bin als Mensch gewachsen, selbstständiger und selbstbewusster geworden.

Lebt der NHL-Traum noch?

Wenn wieder eine Chance kommt, wäre das sicher schön. Meine Philosophie ist aber, von Tag zu Tag zu schauen und immer vollen Einsatz zu geben. Ich will mir nie vorwerfen müssen, dass ich nicht alles für den Erfolg getan habe.

Mit Ihrem Willen und Fleiss stehen Sie für die Werte von Ambri. Die Erwartungen an Sie sind gross in der Leventina. Wie gehen Sie damit um?

Ich verspüre keinen Druck und lese auch selten Zeitungen. Vielmehr konzentriere ich mich darauf, was ich selber beeinflussen kann. Ich versuche, den Fokus zu behalten. Wichtig ist für mich, nach einem guten Spiel nicht abzuheben. Aber auch, mich nach einer schlechten Leistung nicht runterzuziehen.

Der hochgelobte Headcoach Luca Cereda hat Sie schon trainiert, als Sie noch im Nachwuchs von Ambri spielten. Was macht ihn so besonders?

Er interessiert sich nicht nur für den Spieler auf dem Eis, sondern auch für den Menschen daneben. Der Trainer kann sich in uns hineinversetzen und kennt die Emotionen im Verlauf einer Saison.

Ambri kämpft nahezu jedes Jahr um den Ligaerhalt. Wie lautet die Zielsetzung nun, da es in der kommenden Saison keinen Absteiger geben wird?

Darüber haben wir teamintern noch nicht gross gesprochen. Wie immer wollen wir aber unser Bestes geben und probieren, jedes Spiel zu gewinnen.

Es wird auch die letzte Saison im Kultstadion Valascia sein. Verliert Ambri ein Stück seiner Identität?

Die Valascia hat einen grossen Stellenwert in der Geschichte von Ambri-Piotta. Die Atmosphäre hier ist unglaublich. Wir werden das Stadion bestimmt vermissen.

Ambri-Fans in der Valascia.

Ambri-Fans in der Valascia.

Bild: Pablo Gianinazzi/Keystone (Ambri, 12. März 2019)