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INTERLAKEN: Mehr als Schwingen und Steinstossen

Ab Samstag steht am Unspunnenfest während neun Tagen Schweizer Volkskultur im Zentrum. Die Organisatoren wagen in diesem Jahr den Schritt in die Moderne – doch an einigen Dingen gibt es nichts zu rütteln.
Claudio Zanini
Ein Bild des Unspunnenfests von 1981. Für die Ausgabe 2017 wurde gar eine neue Tracht kreiert. (Bild: Keystone (Interlaken, September 1981))

Ein Bild des Unspunnenfests von 1981. Für die Ausgabe 2017 wurde gar eine neue Tracht kreiert. (Bild: Keystone (Interlaken, September 1981))

Claudio Zanini

claudio.zanini@luzernerzeitung.ch

Schweizer Kulturerbe hat Hochsaison. Wer sich in diesen Tagen nicht jeglichem Medienkonsum verschliesst, wird früher oder später auf Alphörner, Fahnen oder Zwilchhosen stossen. Das Unspunnenfest in Interlaken steht an. «Au s Grosi esch debi, mer löhnd z Sorge lo Sorge si», heisst es im offiziellen Festsong «Mir si Unspunne». Ein Wir-Gefühl wird zelebriert, niemand soll bei diesem grossen Fest der Verbrüderung ausgeschlossen werden. Das nationale Fernsehen kündet viele Livestunden «Brauchtum» an, die entsprechenden Trailer sorgen in regelmässigen Abständen dafür, dass wir dies nicht vergessen.

Das Unspunnenfest ist weit mehr als «nur» Schwingen und Steinstossen. Neun Tage lang werden verschiedene Schweizer Traditionen gefeiert (siehe Programm). Unterschieden wird in Unspunnenfest und Unspunnen-Schwinget. Alle zwölf Jahre findet in der Regel das Fest statt, das Schwinget hingegen alle sechs Jahre, letztmals 2011 mit dem St. Galler Sieger Daniel Bösch, der im Schlussgang Christian Schuler bezwang.

Die Ursprünge des Unspunnenfests liegen in der alten Eidgenossenschaft. 1805 fand das Fest erstmals statt. Es fällt in eine Zeit, in der Verunsicherung herrscht nach den napoleonischen Kriegen, bei denen viele Schweizer als Söldner dienten. Man leidet unter dem Diktat des französischen Kriegsherrn. Daraufhin wird das Unspunnenfest kreiert, um die Gräben zwischen Stadt und Land zuzuschütten, die Menschen sollen sich versöhnen. Dabei wirkt das gemeinsame Kulturgut identitätsstiftend: Alphörner, Jodeln und Schwingen werden zum gemeinsamen Nenner der alten Eidgenossen. «Zu dieser Zeit ging das Liedergut verloren, es gab vielleicht noch drei Alphörner, und geschwungen haben nur noch ein paar wenige», sagt Ueli Bettler, der OK-Präsident.

Auch in der Ausgabe 2017 erfährt das Fest eine neuerliche Frischkur. Der bekannte Mundartsänger Trauffer komponierte den offiziellen Festsong, Barbara Klossner alias Miss Helvetia singt die Pophymne des Berners. Ausserdem wurde eigens fürs Fest eine Tracht entworfen – die sogenannte Interlaken- Edelweiss-Tracht. Bei der Schweizerischen Trachtenvereinigung nahm man das neu entworfene Kleidungsstück kritisch auf und hielt fest, dass es die Bezeichnung «Tracht» nicht verdient habe, da keine regionalspezifischen Merkmale erkennbar seien.

Bundesamt erwartet Weiterentwicklung

Ein Spannungsfeld zwischen Altem und Neuem sieht Ueli Bettler nicht, aber natürlich, «Stänkerer» gebe es immer, räumt er ein. Bezüglich der Diskussionen um die Tracht sagt er: «Eine Appenzeller Tracht kostet 12 000 Franken. Die Interlaken-Edelweiss-Tracht 800 Franken, das können sich Junge eher leisten.» Die Ausrichtung des Fests sei ganz klar: «Wir wollen Altes erhalten und Neues gestalten. Wir wollen nicht Asche hüten, sondern der Glut neue Nahrung geben.» Es klingt nicht so, als würde Bettler diese Worte zum ersten Mal in den Mund nehmen. Aber das Motto wird konsequent umgesetzt. Dass man den Popsänger Trauffer für den Titelsong verpflichtete, sei laut Bettler Beleg dafür.

Beim Bund nimmt man die Bemühungen der Organisatoren, die das Fest in die Moderne transferieren möchten, mit Wohlwollen zur Kenntnis. «Man hat in den Schulen Werbung gemacht. Im Bereich der Vermittlung und der Nachwuchsförderung sind sie sehr engagiert», sagt Rosalita Giorgetti vom Bundesamt für Kultur (BAK). Dass das Unspunnenfest den Schritt in die Zukunft wage, sei lobenswert, werde aber vom Bund auch gefordert. «Wir unterstützen das Fest finanziell, haben aber auch Erwartungen, insbesondere was die Weiterentwicklung des Fests betrifft.» Die Beiträge belaufen sich auf 100 000 Franken, zusätzlich gewährt das BAK eine Defizitgarantie von 50 000 Franken.

Keine Billette für Schwingen im Vorverkauf

Mit einem eigenen Budget, einer eigenen Kasse und einem eigenen OK operiert der Unspunnen-Schwinget, der Punkt im Festprogramm mit der ­ wohl grössten Ausstrahlung. 15 000 Zuschauer werden am Sonntag in der Arena die Wettkämpfe verfolgen. Kein einziges Billett ging in den öffentlichen Vorverkauf, wie üblich wurden die Eintritte an die Schwingklubs verteilt. «Das ist ein Punkt, den ich immer wieder kritisiere», räumt Ueli Bettler ein. Doch zu rütteln gibt es an diesem Regime nichts – das war seit jeher so. Und alles muss 2017 auch nicht auf den Kopf gestellt werden. Auch das Wir-Gefühl scheint irgendwo seine Grenzen zu haben.

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