INTERVIEW MARIO GOMEZ: «Mein Job ist nicht so schwer»

Mario Gomez (22) ist derzeit der beste deutsche Stürmer. Vor dem Länderspiel in Basel spricht er über die Euro, die Schweizer - und seine Vergangenheit als echter Fan.

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Für den deutschen Torjäger Mario Gomez gibt es an der EM nur ein Ziel: «Wir wollen Europameister werden.» (Bild Witters)

Für den deutschen Torjäger Mario Gomez gibt es an der EM nur ein Ziel: «Wir wollen Europameister werden.» (Bild Witters)

Mario Gomez, ist es eine Legende oder die Wahrheit, dass Sie an der WM 2006 mit einer Deutschland-Perücke nach München zum Public Viewing fuhren?

Mario Gomez: Es ist die Wahrheit. Deutschland gegen Schweden habe ich da gesehen und abends war noch Argentinien - Mexiko.

Und da waren Sie mitten im Fanpulk ohne erkannt zu werden?

Gomez: Perücke auf, Brille auf?

?keiner wollte ein Autogramm?

Gomez: ?niemand?

?und eineinhalb Jahre später sind Sie in Deutschland Stammspieler in der Nationalmannschaft. Da ist einiges passiert.

Gomez: Stimmt, es passierte einiges. Sportlich waren die letzten eineinhalb Jahre sehr erfolgreich, zumindest die letzte Saison, als wir mit dem VfB Stuttgart Meister wurden. Für mich hat sich vieles verändert.

Was vor allem? Mehr Interviewtermine?

Gomez: Ich beziehe es vor allem auf das Sportliche. Privat bin ich immer noch der Gleiche. Ich würde wieder nach München fahren und mit der Perücke dastehen, um mit der Masse ein Spiel auf Grossleinwand zu sehen. Damit habe ich überhaupt kein Problem. Natürlich stehe ich jetzt stärker im Fokus, es wollen viele Leute etwas von mir.

Stecken Sie den Rummel locker weg?

Gomez: Ich versuche zu erfüllen, was möglich ist, schreibe jedem Fan ein Autogramm, wenns geht. Aber wenn ich meine Ruhe will, dann ziehe ich mich zurück und habe meine Ruhe.

Vor zwei Jahre gab es fast keine Termine, jetzt täglich?

Gomez: Vor zwei Jahren lautete die Fragen: Wirst du es packen? Heute wird gefragt: Wie hast du es gepackt? Und natürlich sind es mehr Anfragen als damals.

Haben Sie sich jemals vorstellen können, dass es mit der Karriere so schnell vorangeht? Gab es einen Plan?

Gomez: Niemand konnte im Grunde damit rechnen, dass wir Meister werden. Mit dem VfB war das eine einmalige Sache und darum nicht planbar. Wir hatten gute Spieler, aber eine noch bessere Mannschaft. In dieser Saison passte alles, und davon profitierte jeder einzelne, auch ich. Wenn alles passt, kommst du schnell rauf, kommst in eine Euphorie und schlägst selbst Gegner, die auf dem Papier besser sind.

Obwohl es in der Saison nach dem Meistertitel nicht gleich gut läuft, gibt es bei Ihnen eine Konstante: Sie schiessen weiterhin Ihre Tore und lassen sich offensichtlich nicht irritieren.

Gomez: Das ist das Schöne. Für einen Stürmer ist es einfacher aus einer allfälligen Krise zu kommen als für einen Mittelfeldspieler oder Verteidiger. Du schiesst ein, zwei Tore und bist wieder voll da. Mein Job ist gar nicht so schwer.

Wissen Sie, wie es ist, eine Krise meister zu müssen?

Gomez: Über Monate nicht zu treffen, das ist mir bis jetzt nicht passiert, nein. Irgendwann wird das kommen. Aber Gedanken mache ich mir nicht.

Ihre Quote ist dieses Jahr sogar besser als in der Meistersaison.

Gomez: Letzte Saison hatte ich 25 Spiele und 14 Tore, jetzt sind es 19 Spiele und 15 Treffer. Und es sind ja noch ein paar Runden aus.

Der VfB Stuttgart hat in der Vergangenheit oft Stürmer aus dem Ausland von vermeintlicher Qualität eingekauft. Tomasson kam, Groenkjaer kam, Streller war auch da, aber die erfolgreichsten Angreifer sind die Eigengewächse. Gibt Ihnen das Genugtuung?

Gomez: Nein. Ich hätte es den anderen gewünscht, wenn sie sich durchgesetzt hätten, auch Marco (Streller). Er ist ein Freund von mir, hatte aber Pech mit Verletzungen. Grundsätzlich ist es für den Verein gut zu wissen, dass er eine Jugendarbeit hat, auf die er sich verlassen kann.

Haben Sie mit Streller noch regelmässig Kontakt?

Gomez: Ja. Leider hat sich noch kein Besuch in Basel ergeben. Aber jetzt treffen wir uns ja am Mittwoch.

Was haben Sie sonst für Beziehungen zur Schweiz?

Gomez: Ich habe einen Onkel, der in Frauenfeld lebt, dazu gibt es zwei gute Freunde aus der Schweiz: Einer spielt bei uns, Magnin. Und einer war bei uns, Streller. Ausserdem habe ich in der Schweiz einmal eine U17-Europameisterschaft gespielt. Gegen Spanien sind wir ausgeschieden.

Mit der Schweiz verbindet Sie Ihr Länderspieldebüt, bei dem Sie auch Ihr erstes Tor erzielten. Jetzt begegnen Sie der Schweiz wieder.

Gomez: Es wird etwas anderes sein als vor einem Jahr in Düsseldorf. Damals ging es um nichts. Jetzt haben die Schweizer etwas gutzumachen, spielen vor dem eigenen Publikum, und wir haben gegen Österreich gesehen, wie schwer man sich tut, wenn ein ganzes Land euphorisch ist und sich auf ein grosses Ereignis vorbereitet. Da müssten wir zur Pause 0:3 zurückliegen - und haben letztlich 3:0 gewonnen. In der Schweiz wird es für uns noch etwas schwieriger. Dieses Team hat meines Erachtens mehr Klasse als Österreich.

Sie haben es am Mittwoch in der Hand, die Vorfreude auf die Euro in der Schweiz zu schüren, wenn Ihr 0:2 verliert. Liegt der Gefallen drin?

Gomez: Vor dem letzten Spiel kam der Ludo zu mir und hat mir vorgesungen, dass wir keine Chance haben würden. Danach war er sehr ruhig. Und jetzt kommt Ihr so und bettelt quasi, dass wir Euch den Sieg schenken sollen (lacht). Wir geben den Sieg sicher nicht kampflos her.

Nach der Auslosung der EM-Gruppen war der allgemeine Tenor der: Die Deutschen haben wieder einmal Losglück gehabt mit Polen, Österreich und Kroatien.

Gomez: Jeder redet davon, dass Deutschland sicher Gruppenerster wird, das ist das gefährliche und schwierige. Auf dem Weg zum Titel muss man genügend gute Mannschaften bezwingen. Aber klar ist: Wir wollen Europameister werden?

?das wollen die Schweizer auch.

Gomez: Was sollen sie sonst sagen? Sie spielen im eigenen Land, vieles ist möglich. Die Schweizer haben wirklich eine gute Mannschaft, vielleicht nicht ganz Spitze, aber man hat das letzte Saison bei uns gesehen: Der VfB Stuttgart war auf dem Papier auch nicht das beste Team der Liga, und trotzdem sind wir Meister geworden. Wieso soll das nicht bei der Euro so sein? Erinnern wir uns nur an das Beispiel Griechenland.

Sie gelten in Deutschland als Hoffnungsträger für die Euro.

Gomez: Von aussen wird viel hereingetragen. Ich glaube aber nicht, dass die aktuelle Form viel mit dem Turnier zu tun haben wird. Die Euro ist immer noch zwei Monate weg.

Wissen Sie, wann Deutschland letztmals an einer EM-Endrunde ein Spiel gewonnen hat?

Gomez: 2000 war nichts, 2004 auch nicht. 1996 war das.

Das ist eine Weile her. Und gemessen daran ist der EM-Titel für Deutschland ein sehr ehrgeiziges Ziel.

Gomez: Stimmt, ja. Aber es ist okay, wenn wir alle zwölf Jahre ein gutes Turnier spielen und gleich bis zum Ziel durchmarschieren.

Wie wäre das, wenn Sie im Lauf des Turniers auf Spanien treffen würden? Sie sind Deutsch-Spanier.

Gomez: Das wäre kein Problem. Ich bin stolz, deutscher Nationalspieler zu sein. Und ich fühle mich als Schwabe. In den Ferien bin ich gerne in Spanien, ich esse gerne dort, aber fussballerisch bin ich Deutscher.

Was ist für Sie der ideale Stürmer?

Gomez: Den gibt es nicht. Es gibt Eto'o, es gibt Nistelrooy, es gibt Ibrahimovic. Alle drei sind Weltklasse, aber alle drei sind komplett anders.

Hatten Sie ein Vorbild?

Gomez: Ganz früher war das Romario. 1994 war ich in Italien im Urlaub, als der WM-Final stattfand. Alle waren für Italien, nur ich nicht. Ich war für Brasilien. Der Baggio schoss im Penaltyschiessen an die Latte, Romario aber traf. Romario spielte danach für Barcelona. Ich bin ein kleines Barcelona-Kind und hatte Freude an den Toren, die er schoss. Fan bin ich immer noch.

Mit Leib und Seele?

Gomez: Bevor ich beim VfB Stuttgart richtig Profi war, sah ich fast jedes Spiel von Barcelona und sass zitternd vor dem Fernseher. Jetzt freue ich mich mit, wenn die Mannschaft gewinnt. Nervös bin ich nicht mehr.

Nervös dürften die Stuttgarter sein, weil Sie wissen, dass Mario Gomez irgendwann den nächsten Karriereschritt nimmt und den Verein verlässt.

Gomez: Es ist amüsant, wer was dazu weiss und wie das kommentiert wird, mit wem ich in Kontakt stehen soll. Darauf lege ich keinen Wert. Was geschrieben wird, ist mir nicht wichtig. In den letzten Wochen habe ich nie daran gedacht, was im Sommer sein könnte. Meine Konzentration gehört dem VfB und Deutschland. Das Bedürfnis zu gehen habe ich nicht. Aber mein Traum ist kein Geheimnis. Eines Tages möchte ich in Spanien spielen. Und eine WM spielen. Und die Champions League gewinnen.

Sie sind erst 22 Jahre, wirken aber reif und überlegt. Müssen Sie sich ab und zu auch zusammenreissen?

Gomez: Man steht in der Öffentlichkeit und muss aufpassen, was man tut und sagt. Man wächst da relativ schnell rein. Das Wichtigste ist aber immer noch die Ehrlichkeit. Und wenn mir etwas nicht passt, sage ich das auch.

Wie jüngst, als Sie den Karlsruher Maik Franz als «Arschloch» bezeichneten.

Gomez: Im Nachhinein sage ich, ich hätte das Wort nicht unbedingt gebrauchen müssen, um meine Meinung über diesen Spieler zu äussern. Aber ich fand es zu diesem Zeitpunkt einfach angebracht. Es ist nun mal so, es ist die Realität. Und wieso soll ich immer das tun, was andere wollen? Ich habe meinen eigenen Kopf und eigenen Willen.

Gab es für Ihren Kraftausdruck auch Kritik?

Gomez: Ich bekam sehr viele Rückmeldungen. Positive.

Wie gehen Sie mit medialer Kritik um?

Gomez: Ich bin ein Typ, der alles duldet, was geschrieben wird. Ich lese es, akzeptiere und mache mir nichts draus - solange es sachlich ist. Sobald es aber persönlich wird, wie es in den letzten Wochen öfter der Fall war, habe ich kein Verständnis mehr. Plötzlich wird aus dem anständigen, bodenständigen Profi ein arroganter Millionär, wenn man mal zwei Spiele nacheinander verloren hat. Da wehre ich mich.

Interview von Peter Birrer, Stuttgart