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Irritierender Boss, motivierte Teamfahrer: Der Rückblick auf die Ski-WM in Åre

Noch zwei Rennen sind an der Ski-WM zu fahren; bevor die Slalomfahrerinnen heute und die Slalomfahrer morgen für den Schlusspunkt sorgen, lohnt sich ein erster Rückblick: Was war enttäuschend, wer hat sich blamiert, wer wurde zur WM-Figur?
Martin Probst und Claudio Zanini, Åre

Der Fauxpas

Der Engadiner FIS-Präsident Gian Franco Kasper steht in der Kritik. (Bild: Christian Bruna/EPA, Åre, 4. Februar 2019)

Der Engadiner FIS-Präsident Gian Franco Kasper steht in der Kritik. (Bild: Christian Bruna/EPA, Åre, 4. Februar 2019)

Die hohen Tiere im Skisport residieren in Åre im Holiday Club. Und wer sich ein bisschen in der Lobby umhört und mit den Funktionären spricht, landet schnell bei Gian Franco Kasper (75). Der Schweizer Präsident des Internationalen Skiverbandes FIS hat sich in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» ins Abseits manövriert, als er sagte, es gebe keine Beweise für den Klimawandel. Seine Aussagen, auch über Vorteile von Wettkämpfen in Diktaturen, stiessen auf heftige Kritik. Zwar versuchte er sich zu rechtfertigen, indem er erst abstritt, die Aussagen getätigt zu haben, und als die Zeitung die Tonaufnahmen veröffentlichte, behauptete, man habe seine Aussagen verändert oder herausgenommen. Doch damit machte er sich nur noch mehr zum Gespött. Er habe nicht mehr viele Fürsprecher, hört man in der Lobby. Kasper ist noch bis 2022 gewählt, er sagt: «Ich habe mir vorbehalten, dass ich 2020 aufhöre. Das wäre eine Möglichkeit. Aber beschlossen habe ich noch nichts. Sonst wäre ich eine lahme Ente.» Mögliche Nachfolger wittern ihre Chance.

Das Märchen

Die Schwyzerin Corinne Suter präsentiert Silber und Bronze an der WM. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 10. Februar 2019)

Die Schwyzerin Corinne Suter präsentiert Silber und Bronze an der WM. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 10. Februar 2019)

Als Corinne Suter (24) vor zwei Wochen nach Schweden reiste, war sie eine andere Athletin. Sie war die Schweizer Pechmarie, die das Podest immer wieder verpasste. Manchmal fehlte mehr, manchmal nur ein Hundertstel. Je näher die WM kam, desto deutlicher zeigte die Formkurve der Schwyzerin nach oben. Dass sie in Åre aber eine Medaille gewinnen würde, war zwar als Traum vorhanden, aber niemals budgetiert. Doch dann der Paukenschlag: Im ersten Rennen, dem Super-G, ergatterte sich Suter Bronze. Das fehlende Glück der Vergangenheit kam in einem Stück zurück. Die Freudentränen flossen bis spät in die Nacht. Dass Suter überhaupt starten konnte, war lange nicht absehbar. Zehn Tage vor der WM hatte sie die Selektionskriterien für den Super-G nicht erfüllt. Erst bei letzter Gelegenheit qualifizierte sie sich. Nach ihrem Medaillengewinn gehörte sie auch in der Abfahrt zum Favoritenkreis. Suter hielt den Erwartungen stand und legte mit der Silbermedaille nach. Mit zwei Medaillen reiste sie heim – das ist eine märchenhafte Verwandlung.

Der Dämpfer

Enttäuschter Beat Feuz nach Platz 4 in der Abfahrt. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 9. Februar 2019)

Enttäuschter Beat Feuz nach Platz 4 in der Abfahrt. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 9. Februar 2019)

In fünf Abfahrten in Folge stand Beat Feuz (31) vor der WM auf dem Podest und ausgerechnet in Åre wurde er Vierter. Damit endete die Erfolgsserie im dümmsten Moment. Das ist bitter. Feuz ist der beste Abfahrer der Gegenwart. Er gewann im letzten Winter die Disziplinenwertung und führt sie auch in dieser Saison an. Eine weitere WM-Medaille in der Abfahrt nach Bronze 2015 und Gold 2017 wäre aufgrund seines Leistungsausweises verdient gewesen. Doch der Skisport lässt sich nicht auf dem Papier planen. Zu viele Faktoren spielen eine Rolle. In der WM-Abfahrt war es das Wetter. Wind und Schneefall behinderten die Fahrer. Feuz: «WM-würdig war das nicht. Ich habe alles gegeben – und einer muss ja Vierter werden.» Der Frust war gross. Aber nur kurz. Seit er im Sommer Vater einer Tochter geworden ist, erlebt er in der Familie die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Das hilft. Die Geschichte des Tages schrieb Aksel Svindal. In seinem letzten Rennen holte er Silber. Lindsey Vonn machte es ihm einen Tag später mit Bronze in der Abfahrt nach.

Das Tauwetter

Die Wetterkapriolen machen den WM-Organisatoren zu schaffen. (Bild: Christian Bruna/EPA, Åre, 9. Februar 2019)

Die Wetterkapriolen machen den WM-Organisatoren zu schaffen. (Bild: Christian Bruna/EPA, Åre, 9. Februar 2019)

Die Meteorologen von Åre hatten einen schweren Stand. Was sie verkündeten, war eigentlich nie richtig. Gestartet hat die WM bei ultrafrostigen Temperaturen. Je nach Quelle waren es 22 bis 25 Grad unter null. In der ersten Woche stieg das Thermometer kontinuierlich – bis an den Gefrierpunkt. In der zweiten Woche die Fortsetzung. Gestern Freitag lag die Temperatur bereits bei plus 8 Grad Celsius. Innerhalb von knapp zwei Wochen ergibt das eine Temperaturdifferenz von 30 Grad (!). Der vermeintlich ewige Schnee floss in Bächen davon. Der gefrorene See begann zu tauen. Doch die Besucher haben gelernt, dass die Menschen in Åre eigentlich nichts erstaunt, wenn es ums Wetter geht. «Es kann vorkommen, dass es hier vier Jahreszeiten am Tag gibt», sagte Pia Hultgren, die Chef-Meteorologin der WM, die bereits bei der WM 2007 für die Prognosen zuständig war. Die warmen Temperaturen und der Regen wirkten sich vor allem auf die Piste aus. Noch zwei Slaloms muss sie aushalten. Am Samstag jenen der Frauen, am Sonntag den der Männer.

Die Kehrtwende

Die Kombination wird auch an der nächsten WM im Jahr 2021 gefahren. (Bild: Alessandro Trovati/AP, Åre, 11. Februar 2019)

Die Kombination wird auch an der nächsten WM im Jahr 2021 gefahren. (Bild: Alessandro Trovati/AP, Åre, 11. Februar 2019)

Totgesagte leben länger. Es ist ein abgedroschenes Sprichwort, aber in diesem Fall eben sehr passend: Ob in Wengen, wo die bisher einzige Kombination im Weltcup in diesem Winter ausgetragen wurde, oder beim Gespräch mit Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann. Wirklich daran glauben, dass die Kombination eine Zukunft hat, wollte niemand mehr. Zu sehr stand die Disziplin in der Kritik, zu stark wurden die Parallelrennen gepusht. Doch dann am Mittwoch plötzlich die Wende. Die Kombination bleibt im WM-Programm für 2021. Statt eine Disziplin zu beerdigen, will die FIS eine weitere aufnehmen. In Cortina sollen inklusive Parallelrennen einfach in sechs Wettbewerben Medaillen verteilt werden. Der Internationale Skiverband FIS hat einen Schweizer Präsidenten und seinen Hauptsitz in der Schweiz. Da passt dieser fast typisch schweizerische Kompromiss. Im Weltcup will die FIS die Kombi nun stärken und träumt von drei bis vier Rennen pro Geschlecht und Saison. Mal sehen, ob der Jungbrunnen für die sterbende Disziplin gefunden wird.

Das Goldteam

Yule, Holdener, Zehnhäusern und Danioth jubeln über den Sieg im Team. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 12. Februar 2019)

Yule, Holdener, Zehnhäusern und Danioth jubeln über den Sieg im Team. (Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone, Åre, 12. Februar 2019)

Sie sind Königin und König des Teamwettkampfs, das perfekte Paar für diesen Event: Wendy Holdener und Ramon Zenhäusern führten die Schweiz in Åre wie bereits an Olympia vor einem Jahr fast im Alleingang zu WM-Gold. Sie beherrschen den parallelen Tanz durch die Stangen wie kaum jemand sonst. Auch deshalb führt die Schweiz zwei Rennen vor Schluss im Medaillenspiegel. Holdener und Zenhäusern sind echte Teamplayer. Während andere Cracks wie Marcel Hirscher und Mikaela Shiffrin auf den Mix-Wettbewerb verzichten, sind die beiden mit Stolz und Motivation dabei. Dank ihnen wurden plötzlich aus Aline Danioth und Daniel Yule Weltmeister, und selbst die Ersatzleute Andrea Ellenberger und Sandro Simonet strahlten mit Gold. Überhaupt ist Swiss-Ski Spezialist für Disziplinen, die andere Nationen stiefmütterlich behandeln. So holte Holdener erneut Kombi-Gold. Vor zwei Jahren holte Swiss-Ski vier von sieben WM-Medaillen in dieser Disziplin. Das soll aber die starke Leistung von Holdener und Zenhäusern auf keinen Fall schmälern.

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