Ex-Radstar Jan Ullrich filmt seinen Niedergang

Unfassbar: In einem Kurzfilm porträtiert sich ein von Drogen und Alkohol gezeichneter Ex-Radstar Ullrich gleich selber. Die Bilder zeigen einen Menschen, der, so scheint es, mit dem Leben abgeschlossen hat.

Thomas Heer
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Sein Leben ist eine Achterbahn: Ex-Radstar Jan Ullrich. (Bild: Keystone)

Sein Leben ist eine Achterbahn: Ex-Radstar Jan Ullrich. (Bild: Keystone)

Der Film von und mit Jan Ullrich dauert rund sechs Minuten und wurde der «Zentralschweiz am Sonntag» diese Woche zugestellt. Ullrich ist alleine zu Hause in seiner Villa auf Mallorca. Die Bilder zeigen herumstreunende Katzen, Urinflecken im Terrassenbereich, Familienfotos, den Kühlschrank von aussen und innen, aber auch eine an der Wand fixierte Tafel mit der Überschrift: «Family rules», Familienregeln, wo es unter anderem heisst: «Say I love you», sag, ich liebe dich.

Vielleicht ist es genau Letzteres, was Ullrich mit seinem selbst geschaffenen Handy-Video ausdrücken will. Es erscheint als Hilferuf eines Menschen, der die Bodenhaftung endgültig zu verlieren droht. Ein gefallener Sportstar auf dem «Highway to Hell». Umkehr ausgeschlossen.

Heiseres diabolisches Lachen

Jan Ullrich filmt aber nicht nur sein häusliches Umfeld, sondern vor allem sich selber. Um den Hals hat sich der 44-Jährige eine Perlenkette aus Holz gehängt. An deren Ende findet sich ein Kruzifix. Ulrich ist schlampig gekleidet. Sein T-Shirt bedeckt den Oberkörper, auf dem eine Schürfwunde deutlich zu erkennen ist, nur halbseitig. Das aber ist alles nur Pipifax. Die wirkliche Tragik zeigt sich in Ullrichs aufgedunsenem Gesicht. Und dann diese Augen, die Spiegel der Seele. Eine Mischung aus Wut, Trauer und Hilflosigkeit. Jan Ullrich redet auch, oder besser, er lallt, er lacht heiser, diabolisch. Er sagt Sätze wie «Wo sind denn meine Freunde?», «Die ganze Nacht war keine Sau da» und beschwert sich: «Ich habe zwei Köche, damit ich selber koche.» Und zu vernehmen ist auch Folgendes: «Ich bleibe ruhig, so lange ich will.» Diese Aussage ist schon fast als Drohung aufzufassen. Denn in den letzten Wochen und Monaten häuften sich die Meldungen, dass Ullrich mitunter nicht immer ruhig sein will, sondern auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Jan Ullrichs Leben ist eine Achterbahn. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR, darf er auf eine beeindruckende Sportkarriere zurückblicken. Dabei bildet der Tour-de-France-Sieg 1997 den Höhepunkt und macht ihn damit zu einem der erfolgreichsten deutschen Athleten der letzten Jahrzehnte. Ullrich wurde aber auch als Doper überführt und 2012 vom Internationalen Sportgerichtshof in letzter Instanz für schuldig befunden.

Jan Ullrichs Jugend war geprägt von seinem alkoholkranken und meist abwesenden Vater. Diese Woche war in der NZZ folgendes zu lesen: «Jan Ullrich war neunzehn Jahre alt, als er ein Rundstreckenrennen auf dem Berliner Kurfürstendamm fuhr und ihm ein Mann vor dem Start aus der Menge zurief. Sein Vater mit glänzenden Augen. Werner Ullrich schrieb seine Telefonnummer auf einen Zettel, und der Sohn steckte sie in sein Trikot. Als er am Ziel ankam, war der Zettel aufgelöst und die Nummer gelöscht. Während des Rennens hatte starker Regen eingesetzt.» Seinen Vater hat Jan Ullrich danach nie mehr gesehen.

Der tiefe Fall einer Velo-Ikone

Weil er auf Mallorca im Garten des Schauspielers Til Schweiger pöbelte und drohte, wurde der ehemalige Radprofi Jan Ullrich am Freitag verhaftet. Es ist nicht das erste Mal, dass der Deutsche mit dem Gesetz in Konflikt gerät.
Ralph Schulze, Madrid