Schweizer Meisterschaften in St. Gallen: Wenn jeder Lauf eine Geschichte hat

An den Schweizer Hallenmeisterschaften läuft Mujinga Kambundji Jahresweltbestzeit über 60 m. Für Ernüchterung sorgt Kariem Hussein, der zwar anwesend ist – aber nicht startet.

Philipp Wolf
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Der schnellste 60-m-Final der Frauen an Schweizer Meisterschaften: Siegerin Mujinga Kambundji (Mitte), Léa Sprunger (links) und Ajla Del Ponte. (Bild: Urs Bucher)

Der schnellste 60-m-Final der Frauen an Schweizer Meisterschaften: Siegerin Mujinga Kambundji (Mitte), Léa Sprunger (links) und Ajla Del Ponte. (Bild: Urs Bucher)

Das Spannendste am ersten Meisterschaftstag in St. Gallen fand innerhalb von 60 Metern statt. Praktisch jeder Lauf über die Kurzdistanz hatte seine eigene Hauptdarstellerin oder seinen eigenen Hauptdarsteller.

Da war beispielsweise Léa Sprunger. Die 28-jährige Waadtländerin, Europameisterin über 400 Meter Hürden, startete zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder über 60 m – und gewann ihren Vorlauf so souverän, als wäre es ihre Paradedisziplin. Bereits ­einen Lauf später, im Halbfinal, unterbot sie mit einer Zeit von 7,38 Sekunden die Limite für die EM Anfang März in Glasgow. ­Dabei ist Sprunger eigentlich auf den Distanzen über 200 m und 400 m zu Hause. Bei den Männern wurde die EM-Limite über 60 m mehrmals erreicht. Zum einen von Sylvain Chuard. Dieser lief die geforderten 6,78 Sekunden und unterbot gleichzeitig seine eigene Bestzeit um zwei Zehntelsekunden.

Das schnelle Enfant terrible

Die gleiche Zeit erreichte auch Pascal Mancini. Der Freiburger ist den meisten für seine nationalistischen Gesten und seine rechte Gesinnung bekannt und nicht für seine schnellen Beine. Für Ersteres wurde Mancini auch vom Verband für die EM 2018 gesperrt. Als er in St. Gallen die EM-Limite erfüllte, kam vom Publikum kein grosser Jubel und Applaus, wie das noch bei Chuard der Fall gewesen war.

Die Geschichte, die bereits vor den Meisterschaften hatte erwartet werden können, kam von Mujinga Kambundji. Die 26-jährige Bernerin wurde ihrer Favoritenrolle gerecht und verteidigte mit einer Zeit von 7,08 Sekunden ihren nationalen Titel über 60 m. Einzig sie selbst schien überrascht. «Vor den Wettkämpfen hatte ich ein ziemlich schlechtes Gefühl», sagte Kambundji nach dem Final, den sie mit Jahresweltbestzeit gewann.

Und dann war da noch eine Geschichte, die nicht geschrieben wurde. Dabei in der Hauptrolle: Kariem Hussein. Der Thurgauer sorgte im Athletik-Zentrum für Verwirrung.

Husseins verschobene Premiere

Der 30-Jährige, der spätestens seit seinem EM-Titel 2014 in ­Zürich über 400-Meter-Hürden zu den Grossen der Schweizer Leichtathletik zählt, war über­raschend für die Rennen über 400 und 800 m flach gemeldet. Nur: Er startete nicht. Hussein war zwar in der Halle zugegen und wirkte entspannt, doch zog er sich aus noch unbekannten Gründen von den Wettkämpfen zurück. Für den Thurgauer verzögert sich so der Beginn eines neuen Kapitels seiner Karriere. Nach dem Abschluss seines Medizinstudiums im vergangenen Sommer will der Tägerwiler diese Saison erstmals überhaupt voll auf den Sport setzen.