Joachim Löw bleibt nach Krisengespräch Bundestrainer

Joachim Löw bleibt trotz des historischen Debakels in Spanien Bundestrainer. Er muss aber zahlreiche Brände löschen und sich mit der möglichen Rückkehr von Thomas Müller und Co. auseinandersetzen.

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Joachim Löw verlässt das Stadion nach der 0:6-Niederlage gegen Spanien.

Joachim Löw verlässt das Stadion nach der 0:6-Niederlage gegen Spanien.

Bild: Julio Munoz / EPA

Der angezählte Joachim Löw stand seinen Vorgesetzten Oliver Bierhoff und Fritz Keller nach dem Ende der desaströsen Dienstreise Rede und Antwort - nach einem halbstündigen Krisengespräch im VIP-Terminal des Münchner Flughafens stand endgültig fest: Löw bleibt trotz der zweithöchsten Niederlage der deutschen Länderspiel-Geschichte Bundestrainer. Nach SID-Informationen gibt es keinerlei Anzeichen für eine Trennung.

DFB-Direktor Bierhoff und der Verbandspräsident Keller werteten das historische 0:6 (0:3)-Debakel in Spanien als «einmaligen Blackout». Im «Krisenmodus» sieht sich der Deutsche Fußball-Bund (DFB) daher nicht. «Unsere junge Mannschaft kann an diesem herben Rückschlag wachsen», sagte Keller dfb.de. Die Zusammenkunft nach der Landung, von der die Bild zuerst berichtete, war schon länger geplant. Die Botschaft: Alle sind vom eingeschlagenen Weg überzeugt, auch wenn dieser «steinig sein» und zu «schmerzhaften Niederlagen führen» könne, so Keller.

Nach dem Schulterschluss machten sich Löw und Keller sogar gemeinsam auf den Weg nach Freiburg. Bierhoff stand bereits nach dem Abpfiff der Schmach von Sevilla felsenfest hinter Löw. «Das Vertrauen ist vollkommen da, absolut», sagte Bierhoff. Dennoch wollten Löw und seine schwer gedemütigten Spieler schnell weg - sie verließen den Ort der Schande noch vor dem Morgengrauen. Löw kletterte nach einer kurzen Nacht niedergeschlagen in den Teambus.

Trotz der Rückendeckung von Verbandsseite wächst der Druck auf den ratlos wirkenden Bundestrainer nach dem kompletten Systemabsturz beim grausamen Jahresabschluss massiv. Der 60-Jährige ist angesichts der höchsten Niederlage seit 89 Jahren in Erklärungsnot, er steht zweieinhalb Jahre nach dem WM-Desaster vor den Trümmern seiner ohnehin kritisch begleiteten Aufbauarbeit. Die für ihn nervige Dauerdiskussion über eine mögliche Rückkehr der aussortierten 2014er-Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng ist nur einer von zahlreichen Bränden, die Löw auf dem Weg zur EM löschen muss.

«Es hat überhaupt nichts funktioniert. Deswegen sind wir riesig enttäuscht und sauer», sagte Löw und sah bei seiner völlig hilflosen Mannschaft eine lange Mängelliste: «Keine Organisation, keine Kommunikation, keine Zweikampfhärte, kein Zweikampfverhalten.» Löws Erkenntnis: «Das war tödlich.»

Auf dem Rückflug grübelte Löw über seine offenen Baustellen. Die Zeit ist knapp: Bis zur Nominierung seines vorläufigen EM-Kaders bleibt nur noch der Länderspiel-Dreierpack im März. «Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen», sagte Löw und gestand ernüchtert ein: «Wir dachten, dass wir schon weiter sind.»

Löw will nun schauen, «was der richtige Weg» ist. Für viele Experten ist dieser klar. «Der Bundestrainer und sein Team haben eine Meinung dazu, ich persönlich habe leider eine andere. Solche Spieler wie Jerome Boateng und Thomas Müller haben das Triple gewonnen, mit der besten Mannschaft in Europa. Die spielen da in der ersten Elf und haben Qualität. Warum nicht für die Nationalmannschaft?», sagte der ARD-Experte Bastian Schweinsteiger. Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus legte sich fest: «Man braucht diese Führungsspieler nach so einer Niederlage.»

Davon will Löw erst einmal nichts wissen. Für eine Rückholaktion gebe es aktuell «keinen Grund». Das Vertrauen in seine Spieler sei «jetzt nicht völlig erschüttert». Man müsse die Situation um Hummels, Müller und Boateng «zum richtigen Zeitpunkt bewerten», betonte der Weltmeistercoach von 2014.

Sein Kapitän ist da etwas offener. Die aussortierten Spieler «könnten uns grundsätzlich helfen, das haben sie ja oft genug bewiesen», sagte Torhüter Manuel Neuer der Sport Bild schon vor seinem so unwürdigen Rekordspiel (96. Länderspiel).

Was Löw ernsthaft Sorge bereiten muss, ist die Tatsache, dass in Sevilla grösstenteils die Mannschaft auf dem Platz stand, die er sich auch für die EM vorstellt. Einzig Joshua Kimmich fehlte als absoluter Leistungsträger. Daher fand nicht nur Schweinsteiger die Leistung «entsetzlich». So dürfe man «als deutsche Nationalmannschaft nicht auftreten».

Im Mittelfeld tauchten Toni Kroos und Ilkay Gündogan völlig ab. Die Abwehr um Niklas Süle verdiente ihren Namen nicht, das Turbo-Trio im Sturm um Timo Werner zündete auch nicht. «Wir hatten keine Chance. Jetzt weiß man, wo man steht. Das gibt uns Grund zum Nachdenken», sagte Serge Gnabry. Die spanische Marca schrieb von einer «historischen Vorführung» und einer «Abreibung».

Diese hat ihre schmerzhaften Spuren hinterlassen, auch wenn der DFB die Trainerdiskussion, die Matthäus für «angebracht» hält, im Keim erstickte. Bierhoff hatte schon vor dem Spiel erklärt, den eingeschlagenen Weg zumindest bis zur EM mitgehen zu wollen. Und auch Schweinsteiger traut seinem ehemaligen Chef die Wende zu: «Er hat die Erfahrung und die Klasse, es umzubiegen.» Das muss Löw jetzt beweisen.