Jubeln mit Itten, Rätseln mit Petkovic – das sind die Erkenntnisse nach dem 6:1-Sieg in Gibraltar

Die EM-Qualifikation hat die Schweiz dank des souveränen Erfolgs am Affenfelsen von Gibraltar geschafft. Sogar als Gruppensieger, weil es Dänemark gleichzeitig nicht gelang, in Irland zu siegen. Welche Lehren ziehen wir aus dem letzten Länderspiel des Jahres? Eine Rückschau in drei Erkenntnissen.

Christian Brägger
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Erfolgreicher Vertreter der Super League: Cedric Itten hat nach zwei Länderspielen drei Tore auf seinem Konto. (Bild: AP Photo/Marcos Moreno)

Erfolgreicher Vertreter der Super League: Cedric Itten hat nach zwei Länderspielen drei Tore auf seinem Konto. (Bild: AP Photo/Marcos Moreno)

1. Die Super League ist zurück

Für das 23-köpfige EM-Kader 2016 fasste Nationaltrainer Vladimir Petkovic das Vertrauen in vier Schweizer, die in der Super League ihr Geld verdienten: Steve von Bergen, Denis Zakaria, Breel Embolo, Michael Lang. An der WM 2018 veränderte sich das Bild, da war Lang noch der einzige Profi, der nicht im Ausland engagiert war – noch während des Turniers wechselte er zu Mönchengladbach. Und 2020? Das ist noch Kaffeesatzlesen, aber die Tendenz ist da. Zumindest suggeriert dies der Gibraltar-Sieg und die jüngste Entwicklung, wenn mit Cedric Itten, Christian Fassnacht, Michel Aebischer, Eray Cömert und Jonas Omlin gleich fünf Akteure derzeit bei Schweizer Klubs im Sold sind.

Nur: Diese Namen sind zu relativieren, zumal zehn grösstenteils unbestrittene Kräfte verletzungsbedingt fehlten. Fabian Schär, Xherdan Shaqiri, Haris Seferovic sowie Breel Embolo sind im nächsten Sommer gewiss Fixstarter. Wie mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit auch Steven Zuber, Remo Freuler und Admir Mehmedi – das würde demnach zu sieben Veränderungen im Kader führen. Dagegen sind für die EM 2020 hinter einer Nomination von Timm Klose, Josip Drmic und Mario Gavranovic ungleich grössere Fragezeichen zu setzen.

Nationaltrainer Vladimir Petkovic freut sich mit seinem Team über die EM-Qualifikation. «Ich kenne keinen Spieler, der ihn nicht mag», sagt Granit Xhaka. (Bild: Keystone)

Nationaltrainer Vladimir Petkovic freut sich mit seinem Team über die EM-Qualifikation. «Ich kenne keinen Spieler, der ihn nicht mag», sagt Granit Xhaka. (Bild: Keystone)

2. Der Totomat lügt am Ende nicht

Die Schweiz ist tatsächlich noch Gruppenerster geworden, 17 Punkte und das 6:1 in Gibraltar haben gereicht, um sowohl die Dänen als auch die Iren spätestens auf der Zielgeraden hinter sich zu lassen. Wäre Christian Constantin der berühmt-berüchtigte Präsident des Schweizer Verbands und nicht des FC Sion, hätte er in der EM-Qualifikation nach fünf Runden mit acht Punkten und der Niederlage in Dänemark womöglich die Nerven verloren. Und den Nationaltrainer mehr als nur in Frage gestellt.

Aber der Schweizer Verband ist nicht Constantin – und Vladimir Petkovic lieferte die vierte Teilnahme an einer Endrunde in seiner bislang fünfeinhalbjährigen Amtszeit (Final Four der Nations League miteingerechnet). Petkovics Punkteschnitt im Jahr 2019 ist gar noch besser als jener von 2018. Mit 1,87 gewonnen Punkten pro Partie (bei 60 Länderspielen) ist er zugleich der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer aller Zeiten. Vielleicht sagte sein Führungsspieler Granit Xhaka auch deshalb den Satz: «Petkovic trägt den vollen Anteil an der Qualifikation. Ich kenne keinen Spieler, der nicht glücklich ist mit ihm.» Neben Xhaka liefert zumindest auch der Totomat nach diesem Länderspieljahr keinerlei Argumente, die gegen eine Vertragsverlängerung sprechen.

Bleibt er auch im 2020 Titular? Captain Stephan Lichtsteiner. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

Bleibt er auch im 2020 Titular? Captain Stephan Lichtsteiner. (Bild: Urs Lindt/freshfocus)

3. Der Umgang mit dem Captain bleibt kritisch

108 Länderspiele hat er absolviert, vier an der Zahl von möglichen zehn waren es für den bald 36-jährigen Stephan Lichtsteiner in diesem Jahr. Als es galt, die Qualifikation fürs Turnier wieder in die richtige Bahn zu lenken gegen Irland und Georgien, da stand er auf dem Platz. Als der Fokus in Gibraltar der Vollzugsmeldung galt, wurde der Captain wieder nicht benötigt. Das mag Michael Lang freuen, weil er dadurch zum Einsatz kam.

Und doch hat die Massnahme auch Symbolcharakter. Einerseits ist Petkovic nicht gewillt, seinem Captain Geschenke und Zückerchen zu verteilen. Diese Attitüde ist grundsätzlich richtig, weil es einer Bevorzugung gleichkäme. Andererseits erkennt man darin aber eben auch, dass Petkovics Umgang mit Lichtsteiner diffizil und kritisch bleibt und man sich fragt: Will der Nationaltrainer seinen Captain auch im nächsten Jahr noch? Wenn es schon in diesem so schwierig war?