Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

JUBILÄUM: 50 Jahre Wembley-Tor: So sah es der Chronist damals

England wird 1966 Weltmeister. Der Linienrichter gibt ein Tor, das bis heute umstritten ist. In Baku wird ihm sogar ein Denkmal gesetzt.
Hartmut Scherzer
Tofik-Bachramow-Statue vor dem gleichnamigen Stadion in Baku: Sein rechter Zeigefinger zeigt symbolisch zur Mittellinie. (Bild: Getty/Lars Baron)

Tofik-Bachramow-Statue vor dem gleichnamigen Stadion in Baku: Sein rechter Zeigefinger zeigt symbolisch zur Mittellinie. (Bild: Getty/Lars Baron)

Vor dem Nationalstadion in Baku steht eine überlebensgrosse Statue. Für Engländer und Deutsche zeigt der ausgestreckte rechte Arm nicht ins Nirgendwo, sondern symbolisch zum Mittelpunkt des Wembley-Stadions. Das Denkmal ist dem berühmten russischen Linienrichter Tofik Bachramow gewidmet, dem Vater des Mythos vom legendären Wembley-Tor. Heute Samstag jährt sich zum fünfzigsten Mal dieses historische Ereignis. Die Weltmeisterschaft 1966 und sein dramatisches Endspiel zwischen England und Deutschland (4:2 nach Verlängerung) reduzieren sich im Gedächtnis auf dieses bis in alle Ewigkeit umstrittene dritte Tor, das England zum World Champion machte und Deutschland zum anständigsten Verlierer in der Geschichte.

Knallharter Schuss unter die Latte

Wir Agentur-Journalisten, die an diesem Londoner Sommertag ad hoc zu schildern hatten, was auf dem Platz passierte, konnten – wie die Kollegen von den Zeitungen auch – von den Presseplätzen aus natürlich nicht sehen, ob der Ball von der Unterseite der Latte vor, auf oder hinter der Linie aufgesprungen war. So nüchtern beschrieben wir also in unseren laufenden Spielberichten die Geburtsminuten des Wembley-Tors: «Hurst jagte aus kurzer Entfernung einen knallharten Schuss unter die Latte, und es war nicht festzustellen, ob der zu Boden abprallende Ball die Linie überschritten hatte oder nicht. Auch Schiedsrichter Dienst war sich über die Situation offensichtlich nicht im Klaren, sodass er den sowjetischen Linienrichter Bachramow befragen musste. Erst dessen Bestätigung brachte die Anerkennung des 3:2 für die Engländer, die weiterhin im Angriff blieben.»

Jahre später habe ich mich einmal mit Wolfgang Weber über die entscheidenden Szenen unterhalten. Der Abwehr-Recke des 1. FC Köln hätte der Held dieses Endspiels werden können, wurde aber nur – sozusagen – die Hebamme des Wembley-Mythos, als er buchstäblich in letzter Sekunde im Strafraumgewühl mit einer Grätsche das 2:2 erzielte und damit die Verlängerung erzwang. Der beste deutsche Spieler des Finals stiess dann auch in der 101. Minute den aufspringenden Ball vor seinem Gegenspieler Roger Hunt mit dem Kopf ins Aus, in der festen Überzeugung, es werde nun einen normalen Eckball geben – und nicht das Wembley-Tor.

Aserbaidschans Nationalheld

Der Kölner Haudegen erzählte: «Natürlich haben wir kurz protestiert. Ich bin überzeugt, dass Bachramow auf den Jubel der englischen Spieler reagiert hat, die geglaubt hatten: Der Ball muss drin gewesen sein. Ich sehe mich noch hinrennen zu ihm und glaube, ich war noch nie so schnell wie bei diesem Sprint. Aber als wir gemerkt haben, dass weder der Linienrichter noch der Schiedsrichter sich umstimmen liessen, haben wir die Entscheidung auch akzeptiert. Mit dieser Haltung, denke ich, haben wir die Sympathie der Welt des Fussballs gewonnen. In der Kabine waren wir dann viel zu müde, zu kaputt, um über dieses Tor zu lamentieren. Es war passiert, und wir konnten sowieso nichts daran ändern.» Bundestrainer Helmut Schön sagte unmittelbar nach dem Schlusspfiff im deutschen Fernsehen: «Es war sicher sehr schwer, beim Stand von 2:2 diese Entscheidung in so sauberer sportlicher Haltung hinzunehmen. England ist ein guter Weltmeister.»

Doch in den Jahren und Jahrzehnten danach wurde immer wieder versucht, sogar wissenschaftlich, den Beweis zu erbringen, dass der Ball nicht in vollem Umfang – wie es die Regel vorschreibt – hinter der Linie aufgesprungen war. Eine Computer-Studie der Universität Oxford lieferte 1995 den vermeintlich endgültigen Beweis, wonach dieses dritte Tor nicht hätte gegeben werden dürfen. Seis drum. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde «the russian linesman» zum Nationalhelden seiner nun unabhängigen Heimat Aserbaidschan befördert. Die 1952 erbaute Arena erhielt nach dem Tod des Fifa-Schiedsrichters im Alter von 66 Jahren 1993 den Namen «Tofik-Bachramow-Stadion». Anlässlich des WM-Qualifikationsspiels im Oktober 2004 zwischen Aserbaidschan und England in Baku wurde die Bachramow-Statue enthüllt – von Geoff Hurst, im Beisein von Joseph Blatter und Michel Platini. In einer kurzen Ansprache versicherte der dreifache Torschütze des Wembley-Endspiels dem Publikum bei der Zeremonie: «Das Tor, das ich zum 3:2 geschossen habe, war zu hundert Prozent ein gültiges. Im Namen ganz Englands möchte ich der Familie von Tofik Bachramow danken.»

Berti Vogts lehnte es in den sieben Jahren, in denen der ehemalige Bundestrainer die Nationalmannschaft Aserbaidschans betreute, stets ab, sich neben der Statue fotografieren zu lassen. «Der hat uns verpfiffen», formulierte Vogts gegenüber dem Verband den Grund für sein beharrliches Nein. «Sonst wäre Deutschland Weltmeister geworden. Ende!»

Hartmut Scherzer

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.