Judoka Evelyne Tschopp liebt eine Frau, sie sagt: «Ich hänge es nicht an die grosse Glocke» – Weshalb sie das zum Vorbild macht

Die Baselbieter Judoka Evelyne Tschopp sagt, sie habe nie der Norm entsprochen. Im Buch «Vorbild und Vorurteil» spricht sie über ihre Erfahrungen als frauenliebende Spitzensportlerin und ihre Vorbildrolle.

Simon Häring
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Evelyne Tschopp strebt die Qualifikation für die Olympischen Spiele an.

Evelyne Tschopp strebt die Qualifikation für die Olympischen Spiele an.

Bild: Paco Lozano

10 Meter lang und 10 Meter breit – ein mit Matten belegtes Quadrat bestimmt das Leben von Evelyne Tschopp. Judo bedeutet «der sanfte Weg» und ist eine Symbiose zwischen Philosophie und Sport, bei der es darum geht, maximale Wirkung mit minimalem Aufwand zu erzielen, aufgebaut auf dem Prinzip «Siegen durch Nachgeben». Tori und Uke, Angreifer und Verteidiger, heissen die Akteure, die immer in Abhängigkeit zueinander stehen – den einen gibt es ohne den anderen nicht. Im Leben von Evelyne Tschopp war es der Vater, den von ihrem Weg zu überzeugen galt, nicht mit Kompromissen, sondern eben mit Siegen durch Nachgeben.

«Meine Trainings musste ich mir hart erkämpfen. Der Deal mit meinem Vater lautete, dass ich pro Sechser in den Hauptfächern Deutsch, Französisch und Mathematik zwei Trainings die Woche zusätzlich besuchen durfte.»

Heute studiert die Baselbieterin Evelyne Tschopp Medizin, im September und Oktober stehen Praktika in Biel an, wo sie wohnt, Gynäkologie und Pädiatrie. Ihren Facharzt möchte sie in Allgemeiner Innerer Medizin machen und dereinst die Praxis ihrer Mutter in Muttenz übernehmen. Bereits mit 16 Jahren zog sie von Zuhause aus, um in Magglingen im nationalen Leistungszentrum zu trainieren. 2016 nahm sie an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil, 2017 und 2018 gewann sie in der Gewichtsklasse bis 52 Kilogramm jeweils Bronze. Ihre Haare trägt Evelyne Tschopp kurz, die Gesichtszüge sind markant, an den trainierten Armen zeichnen sich Adern ab, ihr Hobby ist das Motorradfahren.

Und Evelyne Tschopp liebt eine Frau.

Ihre Liebe fand sie bei Purplemoon

Sie hat ihr Leben dem Judo verschrieben, einem Kampfsport, «das erfüllt natürlich ein Klischee», beschreibt die 28-Jährige im Buch «Vorbild und Vorurteil» lakonisch. Das Klischee der Kampflesbe. Schimpfwort, Selbstbeschreibung, maskuline Frau? Tschopp foutiert sich um solche semantischen Haarspaltereien. Das Lesbischsein spiele keine wichtige Rolle in ihrem Leben. Und sowieso habe sie nie der Norm entsprochen.

2017 und 2018 gewann Tschopp Bronze bei den Europameisterschaften.

2017 und 2018 gewann Tschopp Bronze bei den Europameisterschaften.

Bild: Keystone

«Geoutet habe ich mich mit 22 Jahren. Es war meine erste Beziehung, davor hatte ich mich nie gross mit der Liebe auseinandergesetzt. Aber ich fand es damals schon seltsam, dass ich noch nie eine Beziehung hatte. Ich trieb sehr viel mehr Sport als die anderen, war sehr fokussiert auf meine Trainings, ging nie mit in den Ausgang und trank keinen Alkohol. Es passte also zu mir, dass auch meine Sexualität von der Norm abwich.»

Ihre erste Liebe beginnt, wo heute viele Beziehungen beginnen, ob zwischen Mann und Frau, Mann und Mann, Frau und Frau: im Internet. Über die Dating-Plattform «Purplemoon» für homo- und bisexuelle Menschen lernt sie Rahel kennen. «Machsch moll, cha jo nüt schade», habe sie sich gesagt. Sie pflegt einen unaufgeregten Umgang mit einem Thema, das bei anderen dazu führt, dass sie sich ein Leben lang verstecken und ihr Fühlen verleugnen. Doch der Code der Liebe ist eben universal – überall, vielseitig, umfassend. Die Mutter habe keine Mühe gehabt, der Vater sei «nicht gerade begeistert» gewesen, akzeptiere es aber gut. Lange habe er gehofft, dass es nur eine Phase sei. Doch es war keine Phase.

Evelyne Tschopp sagt: « Ich lasse mich nicht stark von Meinungen anderer beeinflussen. Wenn ich weiss, was ich will, haben sie es zu akzeptieren.»

Eishockey, Handball, Leichtathletik und Tennis

Auf Widerstände sei sie kaum getroffen, und wenn, damn kümmert es sie kaum. Selbst in der Jugend hätten ihr nicht die Vorbilder gefehlt, die aus ihrer Homosexualität kein Geheimnis gemacht hätten. Schon früh in ihrem Leben spielte der Sport eine elementare Rolle. Im Alter von fünf Jahren begann sie mit dem Eishockey. Sie machte Leichtathletik, spielte Tennis und Handball, ihre Erfüllung aber fand sie im Judo. Sie sagt: «Ich habe schon immer gerne gerauft und abgecheckt, wer am stärksten ist.» Judo verbinde Kraft, Ausdauer, Koordination und mentale Stärke, und obwohl es ein Einzelsport sei, brauche man den anderen, um trainieren zu können. Gegenseitiges Helfen sei zentral, der Respekt vor dem Gegenüber wichtig.

2016 nahm Tschopp an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil.

2016 nahm Tschopp an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teil.

Bild: Keystone

Evelyne Tschopp ist die Philosophie des Judo längst in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist kein Sport für Exzentriker und Grossmäuler, die sich im Moment der Wahrheit hinter anderen verstecken können. Und so passt es ins Bild, dass Tschopp zunächst hin- und hergerissen war, ob sie ihre Liebe zu Frauen öffentlich machen soll. Denn in der Judoszene sei es ohnehin bekannt, und: «Ich will es nicht an die grosse Glocke hängen.» Wieso tut sie es nun doch? Tschopp sagt, als Judoka stehe sie kaum in der Öffentlichkeit und müsse nicht fürchten, Sponsoren zu verlieren. Eine Aussage, die das Dilemma des Abweichens von gesellschaftlichen Normen subsumiert, und offenbart, wie die Stigmatisierung unterschwellig gärt. Tschopp sagt, es sei nicht ihr Ziel, ein Vorbild zu sein, und doch macht sie gerade ihr Umgang zu genau dem: einem stillen Vorbild für junge Mädchen.

Viel lieber aber ist sie als Sportlerin ein Vorbild, mit dem Ziel Olympische Spiele in Tokio. Wegen der Corona-Pandemie wurde der Qualifikations-Zyklus auf drei Jahre ausgeweitet, für Tschopp ein kleiner Nachteil, denn mit der Aargauerin Fabienne Kocher hofft eine weitere Schweizerin in ihrer Gewichtsklasse auf eine Olympia-Teilnahme. Wird das Konzept zur Einhaltung der vom Bundesrat verordneten Schutzmassnahmen bewilligt, können Spitzensportler bereits ab dem 11. Mai wieder trainieren. Für Tschopp kommt dieses Datum indes noch etwas zu früh. Sie nutzte die Pause, um sich Schrauben und Platten entfernen zu lassen, die ihr nach einem Bruch des Wadenbeins im Mai 2019 zur Stabilisierung eingesetzt worden waren. Verläuft der Heilungsprozess ohne Komplikationen, kann Tschopp ab Juni wieder ohne Einschränkungen trainieren.

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